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Rezension zu »Commissario Pavarotti spielt mit dem Tod« von Elisabeth Florin

Commissario Pavarotti spielt mit dem Tod

von


Kriminalroman · Emons · · Taschenbuch · 368 S. · ISBN 9783954518081
Sprache: de · Herkunft: de · Region: Südtirol

Alles auf Schwarz

Rezension vom 16.09.2016 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Das Dorf Katharinaberg, etwa 25 Kilometer westlich von Meran, wird manchem Südtirol-Touristen, der Ruhe und Idylle sucht, ein Begriff sein. Es liegt abseits der Durch­gangs­straßen hoch droben im Schnalstal, und man erreicht es am auf­regends­ten über den Meraner Höhenweg, dessen Name Programm ist. Kann sich ausge­rechnet hier etwas ereignen, das Stoff für einen 350-Seiten-Krimi bringt?

Und ob. Elisabeth Florin hat nun schon den dritten Band einer Serie ver­öffent­licht, deren Held Luciano Pavarotti ist – weder verwandt noch verschwägert noch ein Wieder­gänger des 2007 verstor­benen italieni­schen Opern­sängers, sondern Com­mis­sario in Meran. Die Krimis spielen nicht nur in der Gegend, sondern auch mit manchen Vorur­teilen und Klischees – was die Lektüre reizvoll macht, egal ob vor Ort oder im heimi­schen Wohn­zimmer genossen.

Wie uns hier die Katharinaberger aus den letzten sechzig Jahren vorgestellt werden, straft jeden sonnig-bunten Touris­mus­prospekt Lügen. Die Autorin malt sie so düster, un­freund­lich und feind­selig, dass man sich nicht einmal in der Not zu ihnen verirren möchte. Da sind lauter psychisch und moralisch Ange­schla­gene und Psycho­pathen, und selbst als Seel­sorger ist man nicht davor gefeit, zum brutalen »Prügel-Pfarrer« zu ver­kom­men. Kurz: »Dieses ganze Dorf ist ... böse.«

Das ist gut für die Krimiatmosphäre, und die Touristen wissen's ja nicht. Damit das Örtchen für sie noch schöner wird, soll die Abriss­birne einem seit langer Zeit leer­stehen­den Wohn- und Wirts­haus den Garaus machen. Doch ehe sie richtig loslegen kann, wird die Baustelle stillge­legt, als in einem uralten verschlos­senen Gang (vielleicht ein unter­irdischer Flucht­weg der Ritter­burg von Juval?) das Skelett eines kleinen Kindes gefunden wird.

Zügig rückt die Polizei aus Meran samt Spuren­sicherung an, geleitet von Com­mis­sario Pava­rotti. Es braucht nicht viel, da kommt ihm ein Fall aus den Anfängen seiner Laufbahn in den Sinn, und es ist keine ange­nehme Erinne­rung. Denn damals verschwand ein drei­jähriger Junge spurlos. Pava­rotti war da noch kein sonderlich durch­setzungs­fähiger Beamter, eher ein Schluff, ein Versager (was ihm bis heute nach­hängt), und sein Chef, schwer belastet durch fami­liäre Probleme, interes­sierte sich mehr für Alkohol als für Dienst­liches. So verlief die Suche nach dem vermiss­ten Jungen ziemlich schludrig und ohne Ergebnis.

Sollte es sich also bei dem gruseligen Fund womöglich um die Überreste des 1997 ver­schwun­denen Johannes Zomba handeln? Um dieser Frage nachzu­gehen, muss Pavarotti auf zwei Zeit­ebenen recher­chieren, in der Gegen­wart und in der Vergan­genheit, die bis ins Jahr 1955 zurück­reicht. Dadurch erfahren auch wir erst später in die Reihe ein­steigen­den Leser etwas über das bewegte Vorleben des Com­mis­sario. Denn direkt vor Ort agiert eine ihm bestens vertraute Hobby­spür­nase und lang­jährige Freundin. Lise­lotte von Spiegel (»Lissie«) ist eigentlich in Frank­furt am Main zu Hause. Schon seit Kindes­beinen erwan­derte sie bei vielen Reisen mit ihrem Vater die Dolomiten und lernte die Region lieben. Als sie vor zwei Jahren ihren Job als Bank­mana­gerin in Frankfurt aufgab, zog sie nach Südtirol.

Wie sie damals – im wahrsten Sinne des Wortes – in Luciano Pava­rottis Hände fiel, nicht nur ein Techtel­mechtel mit ihm hatte, sondern sich sogar in seine Mord­ermitt­lungen ein­mischte, er­schließt sich aus diesem dritten Teil der Roman­serie nicht voll­ständig, was aber ohne Neben­wirkun­gen bleibt. Relevant ist, dass eine Kugel aus Pava­rottis Dienst­waffe sie bei einer Ver­fol­gungs­jagd am Kopf traf und Teile ihres Gehirns zerstörte. Nach einem dreiviertel Jahr neurolo­gischer Behand­lung holte Pava­rotti, von Schuld­gefühlen gequält, Lissie im Kranken­haus ab, um sich um sie zu kümmern, doch sie erkannte ihn kaum wieder. Sein Angebot, bei ihm einzu­ziehen, schlug sie aus. Sie wollte partout lieber hinauf in das Dorf in den Bergen.

Liselotte von Spiegels Weg nach Katharinaberg ist zugleich der Weg zurück in ihre eigene lücken­hafte Ver­gangen­heit. Bis zum Ende des Romans wird nicht jede offene Stelle inhalt­lich gefüllt. Gehen wir mal getrost davon aus, dass Elisabeth Florin mit ihrem Stamm­personal noch aller­hand im Sinn und weitere Bände in der Pipe­line hat, die manches Rätsel lösen könnten, das sich schon jetzt stellt. Übrigens entdeckt auch Liselotte die Schrift­stel­lerei und macht sich an die Gestal­tung der Geschichte einer Familie, über die sie aus den Kriminal­akten und ihren eigenen Ermitt­lungen bereits Interes­santes herausge­funden hat.

Fern jeglicher Idylle bleibt hier kein menschlicher Abgrund unbedacht. Familiäre Gewalt und Unter­drückung, Ver­gewalti­gung, Tier­quälerei, Rache, Hass und Selbst­mord sind nur einige der Themen, die in diesem komplexen Roman mit seinen vielen Neben­strängen verar­beitet werden, und manche menschen­ver­ach­tende Szene kann einem schier den Atem rauben.

Überdies ist der unterhaltsame Krimi effektvoll strukturiert. Den Anfang macht eine knallige bizarr-makabre Szene, die einen hellwach lässt, sollte man es sich zum Schmö­kern im Bett gemütlich gemacht haben. Im weiteren Verlauf zurrt die Autorin ihren Leser mit geschickt ange­legten Cliff­hängern fest an ihren Text.

Ihr eigenes kleines Späßchen hat Elisabeth Florin offenbar bei der Namens­gebung ihrer Figuren. Neben der (etwas albernen) Benen­nung des Prota­gonisten nach einem längst verstor­benen fülligen Star-Tenor gibt es auch noch eine An­spie­lung auf Alberto Tomba, das Süd­tiroler Ski-Ass der Acht­ziger- und Neun­ziger­jahre. Alberto Zomba ist aller­dings ein weitaus unan­geneh­merer, hinter­hälti­gerer Patron als der x-fache Medaillen­gewin­ner »Tomba la bomba«.

Das Nachwort zieht endlich eine säuberliche Trennlinie zwischen Realität und Fiktion. Eine ganze Reihe histo­rischer Ereig­nisse spielen in der Hand­lung eine Rolle – die Bauarbeiten am Vernagt-Stau­damm nach dem Krieg, bei denen zahlreiche Arbeiter verunglückten, die Flutung des Tales im Jahr 1957, als uralte Höfe und das Leiter­kirch­lein in den Wassermassen versanken, schließlich die Errichtung des neuen Leiter­kirch­leins 1997.

Vor allem aber sorgt sich die Autorin nicht zu Unrecht um die Ehrenrettung des in ihrem Roman ziemlich verun­glimpften Örtchens im Schnalstal. In der Tat kann es so viele Abgründe auf kleins­tem Raum nur in der Fiktion geben. Wie viel schöner ist doch die Realität! Das echte Katha­rina­berg, weiß das versöhn­liche Nachwort, sei vom Massen­touris­mus noch verschont, die Leute dort seien aus­gespro­chen gast­freund­lich und hilfreich. Die Prospektwelt ist wieder in Ordnung!


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