Rezension zu »Der Honigbus« von Meredith May

Der Honigbus

von


Die Autorin wuchs unter schwierigen familiären Umständen an der kalifornischen West Coast auf. Ihr bodenständiger Stiefgroßvater, ein begeisterter Imker, brachte seiner Enkelin damals die faszinierende Welt der Bienen nahe und gab ihr damit Orientierung in einer Welt voller Verzweiflung und Schuldgefühlen.
Autobiographie · Fischer · · 320 S. · ISBN 9783103973822
Sprache: de · Herkunft: us

Leben lernen von den Bienen

Rezension vom 23.07.2019 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Die Journalistin Meredith May schreibt für den »San Francisco Chronicle«, und das in anerkannter Qualität (Preis­trägerin des PEN USA Literary Award for Journalism, Nominierung für den Pulitzer-Preis). Nun hat sie ihre Erinne­rungen an ihre schwierige Kindheit in einem auto­biografi­schen Roman ver­öffent­licht, und auch dieses Buch ist ein Erfolg, erzählt es doch eine anrührende Geschichte in gut gelungener literari­scher Form.

Was »The Honey Bus« Meredith May: »The Honey Bus« bei Amazon für ein besonders großes Publikum attraktiv macht, ist, dass darin Bienen eine zentrale Rolle spielen, die Insekten also, die sich derzeit ohnehin breitester Sympathie erfreuen. Das Manuskript ist wohl zu einem glücklichen Zeitpunkt fertig geworden, und Mays Verlag (Harper Collins) hat alle Marketing-Register gezogen, um den Bienen-Hype beim Schopf zu ergreifen. Das Buch wurde augen­blick­lich in einem Dutzend Sprachen publiziert. Die deutsche Übersetzung stammt von Anette Grube.

Merediths Eltern sind zwei konträre Charaktere. Sally ist spontan, kontakt­freudig und unter­nehmungs­lustig, während David zurück­haltend und bedacht agiert. Beide finden die Gegen­sätzlich­keit des anderen interessant. 1966 heiraten sie, 1970 wird Meredith, 1973 ihr Bruder Matthew geboren. Da haben die Kontraste längst tiefe Klüfte aufgerissen, die Eheprobleme überhand genommen. David hat nach seiner Marinezeit einen Inge­nieurs­job gefunden, aber der bietet weder Sicherheit noch Wohlstand. Noch unzu­friede­ner als darüber ist Sally über ihre Rolle als Mutter und Hausfrau, an der alle Arbeit hängen­bleibe. Dass ihren geduldigen Ehemann rein gar nichts aus der Ruhe bringt, treibt sie zu Wut­ausbrü­chen und Aggres­sionen, die die Kinder in ständige Alarm­bereit­schaft versetzen.

Im Februar 1975 ist die Ehe endgültig zerrüttet. Sally fliegt mit den beiden Kindern nach Kalifornien zu ihrer Mutter Ruth und deren zweitem Ehemann Franklin. Auch die beiden sind ein ungleiches Paar. Granny ist Lehrerin, eine Zucht­meis­terin der Ordnung im Haus, ein »Ausrufe­zeichen perfekter Haltung«, die großen Wert auf äußeren Schein und noch größeren auf ihren Ruf legt. Dagegen findet Grandpa seine Erfüllung in der freien Natur, wo er in zer­schlisse­ner, fleckiger Kleidung werkelt und sich nicht an Schmutz­rändern unter den Finger­nägeln stört. Die beiden bewohnen ein rotes Häuschen auf einem großen Grundstück in Carmel Valley Village bei Monterey.

Für die fünfjährige Meredith ist die Trennung von ihrem geliebten, jetzt himmelweit entfernten Dad uner­träg­lich schmerzhaft. Sie grübelt, was sie selbst falsch gemacht haben könnte, dass sie jetzt alle in so einem Schlamassel stecken, und bemüht sich, besonders brav zu sein, damit die Familie vielleicht wieder zusam­men­findet. Aber davon ist sie selbst nicht ganz überzeugt, denn sie spürt, dass ihre Mom sich verändert hat. »Irgendwo zehntausend Meter über der Mitte Amerikas hatte sie es aufgegeben, eine Mutter zu sein.«

Das Leben im neuen Heim entwickelt sich schlimmer, als Meredith befürchten konnte. Zwar nimmt Granny die Kinder auf und versorgt sie, doch ihre wahre Auf­merk­sam­keit gilt ganz ihrer sensiblen, zutiefst verletzten Tochter. Sally sucht umgehend Zuflucht im Bett, zieht die Vorhänge zu und versinkt »eingerollt wie ein Fetus« in Dunkelheit – für Jahre. Nach dem Tod der Großeltern wird sie in sehr schlechtem gesund­heitli­chem Zustand in einem Pflegeheim aufgenommen. Mit 73 Jahren stirbt sie, nachdem sie sich mit ihren Kindern, für die sie nie eine Mutter sein konnte und sein wollte, ausgesöhnt hat.

Wie wirkt es auf eine Tochter, wenn sie über viele Jahre hin versucht, ein bisschen Liebe von ihrer Mutter zu erheischen, doch immer nur abgestoßen wird? Meredith muss sich anhören, dass ihre Mom ohne die Kinder eine ganz andere Zukunft gehabt hätte – »unsere Existenz gab ihr das Gefühl, auf uner­klärli­che Weise versagt zu haben«. Wissend, »dass ich sie nicht lieben musste, nur weil sie meine Mutter war«, gibt das Mädchen es auf, ihrer Mom nachzu­laufen, geht auf Distanz, ist nicht mehr bereit, ihr un­aufhör­liches Gejammer ihre Aggres­sionen, ihre Egoismen zu ertragen, versteinert innerlich. Doch ihre Schuld­gefühle sitzen tief. In der Überzeugung, für Sallys seelisches Leid mitver­antwort­lich zu sein, nimmt Meredith das Angebot ihres Dads, dass sie mit Matthew zu ihm in seine neue Familie ziehen könne, nicht an, so gern sie auch möchte. Dafür hegt sie die Hoffnung, ihre Mutter eines Tages als Re­inkarna­tion einer früheren Mom wieder­zutref­fen.

Es ist Merediths Großvater, der seine Enkelin in all ihren Nöten einfühlsam auffängt. Wenn sie am unge­wöhn­lichen Verhalten der Mutter verzweifelt, in der Schule wegen ihrer ärmlichen Kleidung aus dem Second­hand­laden links liegen gelassen wird, voller Angst in ihre eigene Zukunft schaut, gibt er ihr Zuneigung, Orientie­rung, Kraft und Frieden. Er hat ein wunderbares Talent, mit leichter Hand überzeu­gende Alterna­tiven aufzuzeigen, die das bedrückte Mädchen auf erfreuli­chere Gedanken bringen, Auswege öffnen, Hoffnung machen. Das tut er bisweilen au­genzwin­kernd. Als die Väter in der Schule ihre Berufe vorstellen sollen, sticht er die anderen glatt aus, indem er von den Wal­fang­aben­teuern des Urgroß­vaters erzählt und sich selbst zum »Superhelden« stilisiert, der an den Klippen baumelnd Leitungs­rohre sicherte. Damit rückt er Meredith ganz nebenbei ins Zentrum der Klassen­gemein­schaft.

Seinen Trumpf aber zieht er aus seinem Hobby, der Bienenzucht. Er vermittelt seiner Enkelin das seit Genera­tionen weiter­gege­bene Wissen über die nützlichen, emsigen und sozial organi­sierten Insekten­völker – und Meredith May gibt in vielen unterhalt­samen Portiönchen an uns Leser weiter, was man über Arbeits­teilung, Hierarchie, Kom­munika­tion und weiteres Interes­santes im Bienenstock wissen sollte. Anders als viele Über­empfind­liche glauben, sind diese Tiere keineswegs bedrohlich oder gar bösartig. Vielmehr sind es die Menschen, die aus Eigennutz oder Gleich­gültig­keit den Mitge­schöp­fen gegenüber deren Lebensräume und -grundlagen zerstören. Dabei ist kaum eine Art so uner­setz­lich wie die Bienen: Ohne sie werden auch wir Menschen kaum überleben können.

Entspannt, freundlich und respektvoll geht Grandpa mit seinen Bienen um, die er in einem alten Bus im Garten einquar­tiert hat, und er lehrt seine Enkelin, es ihm gleichzutun. Als Nebeneffekt dieses ruhigen, besonnenen Umgangs mit der Natur erfährt Meredith, dass man auch allein mit sich selber glücklich sein kann – während andere Leute »die Hölle« sein können.

Bis 1987 lebte Meredith May bei ihren kalifornischen Großeltern, und ihr Buch beschreibt intensiv in vielen kleinen Episoden die Atmosphäre jener Jahre und jener legendären, idyllischen Gegend am Pazifik, wo non­kon­formis­tische Hippies als Lehrer arbeiteten, Krimina­lität unbekannt war, die einfachen Leute sparsam lebten. Mit den so gegen­sätz­lichen Erinne­rungen an ihre frühen Jahre dort, wo sie ihren eigenen Weg fand, konnte sich Meredith May den Ballast des vermeint­lichen eigenen Versagens von der Seele schreiben. Heute hegt sie mit Hingabe die letzten Bienen­stöcke ihres Großvaters.


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