Rezension zu »Il cuoco dell’Alcyon« von Andrea Camilleri

Il cuoco dell’Alcyon

von


Ein gefeuerter Arbeiter nimmt sich das Leben. Ein skrupelloser Unternehmer wird erschossen. Ein ungewöhnliches Segelschiff läuft mal hier, mal da ein und gleich wieder aus. In der Questura von Montelusa übernimmt derweil ein großspuriger FBI-Agent das Ruder, und Montalbano wird in den Ruhestand bugsiert. Alles ein paar Nummern zu groß für das beschauliche Vigàta, wie wir es kennen.
Kriminalroman · Teil der Serie »Il commissario Montalbano« · Sellerio · · 264 S. · ISBN 9788838939440
Sprache: it · Herkunft: it

Ein völlig Unbekannter

Rezension vom 16.07.2019 · noch unbewertet · noch unkommentiert

»Un pirfetto scanosciuto.« Das ist der letzte Satz dieses Krimis um den tüchtigen Salvo Montalbano, Chef des Kom­missa­riats im siziliani­schen Provinz­städt­chen Vigàta. In sechs­und­zwan­zig Kriminal­romanen und über siebzig Erzählungen hat Andrea Camilleri diesen Charakter schlüssig weiter­ent­wickelt, vom jungen Berufs­anfän­ger bis zum reifen commissario kurz vor dem Ruhestand. Seiner internatio­nalen Fange­meinde ist er über fünfund­zwanzig Jahre hin ans Herz gewachsen, eine ausgereifte, runde Persön­lich­keit mit Licht- und Schatten­seiten, mit scharfem Verstand, von tiefer Mensch­lich­keit und untrüg­lichem Gerechtig­keits­sinn [› Einführung].

»Ein völlig Unbekannter« – so distanziert sich dieser seriöse, gestandene Mann im Rückblick selbst von dem Bild, das er in diesem Krimi abgeben musste. Er will die ganze Geschichte aus seinem Gedächtnis streichen, als hätte sie nie stattge­funden (»Avrebbi fatto ‘n modo che quella storia non gli sarebbi mai appartinuta. L’avrebbi rinnigata, scancillata per sempri dalla sò mimoria … c’era stato un omo che non aviva né il sò nomi né la sò facci.«).

Das ist natürlich ein literarischer Trick, wie Andrea Camilleri, der alte Fuchs (geboren 1925), den Schock seiner Eskapade in ein komplett anderes Genre – das des action-Thrillers all’americana – im Nachhinein abzumildern versucht. Doch da ist das Kind längst in den Brunnen gefallen, manch treuer Leser verwundert oder enttäuscht, verprellt oder entrüstet. Was hat den Autor nur bewogen, dass er dieses Buch überhaupt ver­öffent­licht hat? Aufschluss gibt das Nachwort, und davon setzt der Autor sicher­heits­halber gleich zwei an. Im ersten erläutert er, dass er diesen Roman aus einem zehn Jahre alten Drehbuch für ein (geschei­tertes) italienisch-amerikani­sches Filmprojekt umgewandelt hat (»Questo racconto …, inevitabil­mente, risente, forse nel bene, forse nel male, della sua origine non letteraria.«). Im zweiten deutet er an, was er aktuali­siert hat und was nicht, und schließt mit der auffällig bemüßigten Fest­stel­lung: »… mi pare un buonissimo libro di Montalbano.« Und Camilleris Hausverlag Sellerio kannte gewiss weitere gute Argumente für die Ver­öffentli­chung.

Immerhin die erste Hälfte des Buches fühlt sich wie ein ›echter Montalbano‹ an. Der Schauplatz ist Vigàta, das Personal von Catarella bis Adelina vertraut, die Handlung passt zum Ort und hat eine schlichte sozial­kriti­sche Relevanz: Giovanni (»Giogiò«) Trincanato, Playboy und verant­wortungs­loser Erbe einer Werft, hat den Traditions­betrieb mit seinem Lotterleben in den Konkurs gewirt­schaf­tet. Einer der um ihre Existenz­grund­lage betrogenen Arbeiter verzweifelt und erhängt sich. Der Krimi gewinnt an Fahrt, als »Giogiò« ermordet aufgefunden wird. Wir finden lieb gewonnene Bausteine wie die spitzen Gespräche im Kommis­sariat, Montalbanos Driften zwischen Träumen und Realität, seine ausufernden Mahlzeiten in Enzos Trattoria (»Portami ‘n’autra porzioni di milinciana.«), Spazier­gänge auf der Mole, Probleme mit den Symptomen des Alterns, Adelinas leckere Küche.

Aber irgendwie hängt schon dieser Teil in der Luft. Haben sich Livia und Salvo nicht nach Jahren des Gezänks im letzten Band getrennt? Keine Silbe dazu hier – beide gehen miteinander um wie immer, mal liebevoll, mal gereizt. Und überhaupt fehlt jede Kontinuität zum bemer­kenswer­ten Vor­gänger­band »Il metodo Catalanotti« [› Rezension].

Mit dem Erscheinen eines merkwürdigen Segelschiffes namens »Alcyon« setzt der zweite Teil ein. Es ist eine Art ›Fliegender Sizilianer‹, der naheu unbemannt und scheinbar konzeptlos durchs Mare Nostrum geistert und immer nur für Stunden anlandet, um Proviant aufzunehmen. Mehr darüber und über den Plot, der mit dem Segler verknüpft wird, anzudeuten, würde denjenigen Lesern, die James Bond gut finden und sich überraschen lassen möchten, den Spaß verderben. Die Handlung ist zwar reich an unvor­hergese­henen Wendungen, aber nach meinem Geschmack insgesamt unrealis­tisch und in die Länge gezogen, in etlichen Details unlogisch und am Ende völlig überdreht. Salvo Montalbano glänzt diesmal nicht durch Menschen­kenntnis und messer­scharfe Über­legun­gen, sondern – wer hätte das je von ihm erwartet? – mit scharfen Messern. Diese Verflachung ist wohl gemeint, wenn die Verlags­werbung jubelt: »Montalbano più avventuroso che mai«. Dazu passt, dass der sonst so kultivierte, belesene Protagonist ungebremst droht und flucht wie ein Kalfater­gehilfe und bei Frauen nur Augen für ihre Reize hat.

Dass in der Gesamtbewertung doch drei Sterne zusammen­kommen, liegt an einigen Details, die erkennen lassen, dass dieses Misch­produkt denn doch aus der Werkstatt eines anscheinend nimmermüden literari­schen Voll­blut­künst­lers stammt. (Besonders beein­druckend war in dieser Hinsicht übrigens die Ein-Mann-Vorstellung des 11. Juni 2018, als der blinde Dreiund­neunzig­jährige im voll besetzten Teatro Greco di Siracusa eine bewegte und bewegende achtzig­minütige Solo­perfor­mance über den blinden Seher Teiresias aus der griechi­schen Mythologie absolvierte: »Conversa­zioni su Tiresia« Andrea Camilleri: »Conversazioni su Tiresia« bei Amazon) Wie er das erste Auftauchen des geheimnis­vollen Schiffes in eine traum­ähn­liche Szene bettet, später eine Mond­finster­nis gestaltet, wie er eine im Grunde alberne Maskerade über Seiten hin zwischen Komik und Tragik oszillieren lässt, wie einige Figuren (etwa der Masken­bildner) so zugespitzt erscheinen, dass man manchmal glauben möchte, das Ganze sei eine Parodie (bis man den Glauben daran schnell wieder verliert) – das sind die nicht sehr zahlreichen Glanz­lichter dieses Romans. Anderer­seits wirkt selbst die Erzähl­sprache, also Camilleris ureigenes ›Sizilia­nisch‹, hier merkwürdig künstlich, stereotyp, wie maschinen­über­setzt. Ihr fehlt der Esprit, die gewohnte Melodie und Leichtig­keit.

Anders als all seine Vorgänger entlässt uns dieser disparate Krimi nicht nachdenk­lich, sondern mit einem bitteren Nachge­schmack. Falls es eine Satire oder ein Experiment sein sollte, so ist beides gründlich missraten – auf Kosten des Protago­nisten, der zur Karikatur seiner selbst verzerrt wird. Damit hat der Autor aus­gerech­net eine seiner Stärken verraten: die die Zeitläufte über­dauernde Ver­lässlich­keit seiner Figuren und seines Weltbilds.


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