Rezension zu »Der Geist von Tiger Bay« von Nadifa Mohamed

Der Geist von Tiger Bay

von


Die triste Geschichte eines armseligen Einwanderers, den man in Cardiff wegen Mordes verurteilt und hängt. Er war unschuldig.
Belletristik · C.H. Beck · · 368 S. · ISBN 9783406776823
Sprache: de · Herkunft: gb

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Geist und Ungeist

Rezension vom 27.01.2022 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Siebzig Jahre ist es her, dass in Cardiff (Wales) zum letzten Mal die Todes­strafe vollzogen wurde: am 3. September 1952. Zwölf Jahre später fand die letzte Hinrich­tung im Verei­nigten König­reich statt. Weitere zwei Jahre vergingen, bis diese irrever­sible Bestra­fung im Land per Gesetz abge­schafft wurde. 1969 erhär­teten sich Zweifel an der Täter­schaft des walisi­schen Gehenkten, sein Fall wurde wieder­aufgenom­men, sein Leichnam 1996 an die Familie für eine bürger­liche Bestat­tung freige­geben, aber erst 1998 wurde der Mann – ein Farbiger – offiziell rehabili­tiert.

Die Schriftstellerin Nadifa Mohamed erzählt die Geschichte dieses Opfers eines Justiz­irrtums mit Todes­folge in ihrem dritten Roman »The Fortune Men« Nadifa Mohamed: »The Fortune Men« bei Amazon . Wie die Autorin, die 1984 als Drei­jährige mit ihren Eltern nach England kam, stammt Mahmood Hussein Mattan aus Somalia (zu seiner Jugend­zeit noch Britisch-Somali­land). Er kehrt seinem geteilten, unruhigen, armen Heimat­land, das erst 1960 unab­hängig werden durfte, den Rücken und heuert auf Handels­schiffen an. Schließ­lich geht er 1949 in Cardiff an Land, wo er auf eine bessere Zukunft hofft.

Doch sind Leute wie er im gebeutelten Groß­britan­nien der Nachkriegs­zeit nirgendwo willkom­men, schon gleich nicht in der walisi­schen Haupt­stadt. Im Hafen­viertel Tiger Bay sammeln sich Migranten aus dem briti­schen Kolonial­reich, Fremde aus aller Welt mit unter­schied­lichen Kulturen und Religio­nen, dazu europäi­sche Holocaust-Über­lebende, und alle ziehen Hass und Neid der xeno­phoben Einheimi­schen, die selbst um ihre Existenz kämpfen müssen, auf sich. Die Zuwan­derer hausen in herunter­gekomme­nen Reihen­häusern oder elenden Gemein­schafts­quartie­ren und schlagen sich im Rahmen der Gesetze oder auch nicht durch, so gut sie können. Der Über­lebens­kampf mündet täglich in robuste Prüge­leien, vor allem wenn alkoho­lisierte Waliser nach einem Rugby­turnier ihre Fäuste auf das ange­schwemmte mensch­liche »Treibgut« loslassen. Nicht weniger zimper­lich ist die Polizei, wenn sie einen pöbelnden Farbigen zu Tode prügelt.

Um hier zu überleben, ist es ratsam, nicht aufzu­fallen. Diese Devise hat sich Mahmood Mattan schnell zu eigen gemacht. Er lernt, so zu gehen, »wie ein Schwarzer in Cardiff gehen muss«, er »perfek­tioniert, sich unsicht­bar zu machen«, und so nennt man ihn »den Geist«.

Unter der Decke der Unauffälligkeit führt Mahmood freilich ein durchaus umtrie­biges Leben. Mit Aushilfs­jobs, mit kleinen Diebe­reien, mit Pokern und Renn­bahn­wetten hält er sich über Wasser. Doch das schnell verdiente Geld reicht meist nicht einmal für die Miete. Eine unge­wöhn­liche Chance eröffnet sich ihm durch die Liebe. Schon kurz nach seiner Ankunft in Cardiff hatte er Laura, eine Weiße, kennen­gelernt. Ihre gegen­seitige Liebe auf den ersten Blick verstößt zwar gegen alle Konven­tionen, trägt aber so weit, dass die beiden heiraten, eine Familie gründen, drei Kinder bekommen, bis Laura den unsteten Mann aus der Wohnung wirft. Seine Anhäng­lichkeit hält ihn in einem gemie­teten Drecks­loch, von wo aus er seine geliebte Familie wenigs­tens aus der Ferne sehen kann. Manchmal traut er sich zu einem Besuch hinüber.

Am 6. März 1952 biegt Mahmood Hussein Mattans Lebensweg in eine kurze Sackgasse ein, aus der es für ihn keine Wieder­kehr gibt. Im quirlig-bunten Hafen­viertel betreibt eine fleißige jüdische Familie, die den osteuro­päischen Pogromen entkommen war, ein kleines Geschäft. Kurz nach Laden­schluss bittet an jenem Abend ein dunkel­häutiger Mann um Einlass, die Inhaberin lässt ihn eintreten, und kurz danach findet man sie mit durch­geschnit­tener Kehle. In der Kasse sollen einhun­dert Pfund gefehlt haben. Die Polizei ermittelt auf Grund einer Zeugen­aussage schnell einen Schul­digen und verhaftet den Somalier.

Mit überzeugendem Realismus und aufwühlender Empathie schildert Nadifa Mohamed die Haftzeit des Beschul­digten. Trotz aller bereits erlitte­nen Demüti­gungen und rassisti­schen Anfein­dungen ist er noch immer voller Vertrauen, dass das uralte britische Rechts­system, dem er nun ausge­liefert ist, uner­schütter­lich in einer hochste­henden Zivilisa­tion verankert sei, objektiv Indizien und Aussagen abwäge und schließ­lich wahre Gerech­tigkeit schaffe. Am Ende des Prozesses werde seine Unschuld bewiesen sein, und so beteuert er sie bis zuletzt inbrüns­tig. Sein naiver Glaube geht so weit, dass er nicht einmal das Geheimnis seines Alibis aus­spielen zu müssen glaubt.

Die Realität ist eine andere. Chief Detective Inspector Powell bringt die bittere Wahrheit auf den Punkt: »Sie werden hängen, ob Sie’s waren oder nicht.« Für den Gefängnis­arzt ist der Mensch Mahmood nach einge­henden Unter­suchun­gen nicht viel mehr als »ein gesundes negroides Indivi­duum, lebhaft, bei guter Gesund­heit, hervor­ragendes Gebiss«. Kann oder will der Ange­klagte nicht wahr­haben, wie windig die »Beweise« sind, die gegen ihn hervor­gekramt werden, wie rassis­tisch Polizei und Öffent­lichkeit geprägt sind, wie wenig die Justiz sich um sorgfäl­tige Ermitt­lung schert, dass er schlicht­weg vorver­urteilt und chancen­los ist?

Glücklicherweise gehen sowohl der Autorin als auch der Überset­zerin Susann Urban und den Verlags­verant­wort­lichen Authen­tizität und Wahrhaf­tigkeit vor voraus­eilender Selbst­zensur zugunsten ideologi­scher Korrekt­heit. Sie verwenden das Vokabular, das untrenn­bar zu der Zeit und den Charak­teren des Gesche­hens gehört, auch wenn es manch heutige Lesende unerträg­lich finden mögen. Auch eine große Zahl arabi­scher und somali­scher Ausdrücke ist übrigens fester Bestand­teil des alltäg­lichen Sprachge­brauchs der Personen. In einem sechs­einhalb­seitigen Glossar am Ende des Buches werden sie erklärt, was aber ständiges Blättern erfordert. (Fußnoten wären eine lese­freundli­chere Lösung gewesen.)

Unter diesen Vorzeichen ist im Gerichts­prozess keine Wendung zu erwarten. Da treten Zeugen auf, die für eine ausge­setzte Belohnung aussagen, was genehm ist, und unenga­gierte, vorein­genom­mene weiße Richter und Geschwo­rene lassen sich leicht über­zeugen. Was kann das unbehol­fene Wort eines Mannes, der nicht lesen und schreiben kann und des Engli­schen kaum mächtig ist, da ausrich­ten? Selbst sein Pflicht­verteidi­ger hält seinen Mandanten für »halb Naturkind, halb zivili­sierter Wilder«. Mahmoods Gnaden­gesuch an Elizabeth II., die Anfang 1952 den Thron bestiegen hatte, wird schnell abge­wiesen.

Zwar überfallen Mahmood gelegentlich kurze Phasen der Wut und der Verzweif­lung. Dann tobt er in seiner Zelle und vertraut Gott, den er längst vergessen hatte, sein Schicksal an, damit er alles zum Guten wende. Doch insgesamt bewahrt er eine verwun­derliche Zuver­sicht, macht Pläne, nimmt sich gute Vorsätze für die Zukunft. Die wich­tigste, wenn nicht einzige äußere Stütze ist seine Ehefrau Laura, die ihm loyal zur Seite steht, ihn mit den Kindern im Gefängnis besucht und weiß, dass ihr Mann ein Herum­treiber, aber ein liebe­voller Familien­vater und ganz sicher kein Mörder ist.

Nichts von alledem bewahrt ihn vor der Hinrich­tung, und es muss fast ein halbes Jahrhun­dert vergehen, bis ein briti­sches Gericht einen Justiz­irrtum eingesteht.


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