Rezension zu »Ein Stadtmensch im Walde« von H.D. Walden

Ein Stadtmensch im Walde

von


Ein Großstädter flieht vor der Pandemie aus der Lockdown-Metropole in eine Behausung im Wald. Dort weht ein ganz anderer Wind, und es dauert ein Weilchen, bis er damit vertraut wird.
Belletristik · Galiani · · 112 S. · ISBN 9783869712420
Sprache: de · Herkunft: de

Billige Flucht

Rezension vom 05.02.2022 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Eine Zusammenfassung gleich vorweg: Dies ist ein unterhaltsames kleines Büchlein mit ganz amüsanten, teilweise interes­santen Berichten über einige Lebewesen aus Fauna und Flora des Ruppiner Waldes sowie mit persön­lichen Impres­sionen und Erfah­rungen des Autors im Umgang mit denselben. In heiterem, gern staunen­dem Grundton vermit­telt er allerlei Wissens­wertes und regt zum Nach­denken darüber an, wie weit so ein Städter wie er doch von der Natur entfernt lebt (nicht nur räumlich). Unterm Strich ist die Bilanz der Lektüre etwas dürftig.

Im Frühjahr 2021 schwappte gerade die x-te Corona-Welle über Deutsch­land, und ein buntes Bündel von Maßnahmen sollte das Schlimm­ste verhin­dern, darunter gar ein »Lockdown«. Linus Reichlin, freier Schrift­steller, kann es sich – im Gegensatz zu seiner Freundin, die als Kranken­schwester im Gesund­heits­wesen direkt gefordert ist – erlauben, einfach aus der »Abrie­gelung« auszu­büxen. Prak­tischer­weise besitzt die Freundin eine Datsche im Wald- und Seen­gebiet des Ruppiner Landes, und dort sucht der Autor für ein paar Wochen Asyl.

Um im Bild zu bleiben: Es sind die Tiere und Pflanzen, das gesamte Ensemble der Natur, das dem Geflüch­teten (nolens volens) Asyl gewährt. Der platzt ohne viel Ahnung in das Zielland. Weder kennt er die Lebens­gewohn­heiten der Einhei­mischen noch deren Spiel­regeln noch deren Sprache, und umgekehrt haben die Tiere womöglich noch nie in ihrem Leben so eine merk­würdige Kreatur erblickt. Aber sie wissen alle, dass man in so einer Situation besser erst einmal Vorsicht walten lässt. Als sich der aufrechte Zwei­beiner wohl bei ihnen beliebt machen will und für sie auf seiner Terrasse mit allerlei Körnern, Würmern und derlei Delika­tessen das »Restau­rant Zur verrück­ten Kuh« ein­richtet, werden die Vorberei­tungen aus sicherer Entfer­nung kritisch beäugt, und nur äußerst zögerlich wagen sich die gefie­derten Gäste einer nach dem anderen an den gedeckten Tisch.

Dank seiner schieren Größe und Geisteskraft braucht der Migrant dagegen keine existen­tiellen Ängste zu empfinden. Zwar ist er auf sich selbst gestellt, aber ums Überleben kämpfen muss er keines­wegs. Seine mit allerlei Errungen­schaften der Zivilisa­tion gesegnete Hütte (inklusive Amazon-Belie­ferung und Netflix) ist in der kargen Umgebung purer Luxus. Befreit von elemen­taren Nöten hat der Mensch alle Zeit der Welt und jede Freiheit, seinen spontanen Neigungen nachzu­gehen. Erfreu­licher­weise werden diese bei unserem Autor von Aufge­schlossen­heit, Neugier und Wissbe­gierde getrieben. Wer rumort da so des Nachts? Was piepst da? Warum hat mich das Biest in den Finger gebissen? Er stellt Fragen, beob­achtet, zieht Schluss­folgerun­gen, schreibt auf, ergreift schließ­lich das Heft des Handelns, führt kleine Experi­mente durch. Seine Sinne werden geschärft: Er bemerkt die Vielfalt der Vogel­stimmen. Was der Geißen­peter schon als Kind durch­schaute, hat das Großstadt-Hänschen aller­dings nie gelernt. Dafür hat der Einöd-Hans jetzt die »Zwitscho­mat«-App zum Download, und schon poppt die Identität des Vogels aufs Display.

Wie es unsere Natur ist, stellt sich gar eine Wett­bewerbs­menta­lität ein. Denn »von einem Tier ausge­trickst zu werden« können wir schlecht auf uns uns sitzen lassen, wo wir doch »fast unan­ständig viel intelli­genter« sind. Der fatalen Ideologie folgend, dass sich ein Tierchen »gefäl­ligst dem Menschen unterzu­ordnen« habe, nimmt der Autor die Heraus­forde­rung eines harmlosen kleinen Waldbe­wohners an (der übrigens ausländi­scher Zuwan­derer ist wie er selbst) und legt ihm test­halber ein paar Hinder­nisse in den Weg.

Wie zu erwarten, beendet der urbane Blind­fisch seine Exkursion in den Wald berei­chert. Zwar hat er nur eine kleine Elite der dortigen Einwohner bemerkt und kennen­gelernt, doch wenigs­tens konnte er ein paar Vorur­teile revidie­ren: Der Wald steht nicht still und schweiget, seine Bewohner sind durchaus clever und gar nicht putzig, es gibt von allen mehr als eine Sorte. Naja.

Obwohl Linus Reichlin vor der Pandemie floh, bringt er das Thema doch mit in die »Wildnis«, indem er ein paar Schlag­wörter, die wir alle kaum mehr hören mögen, für Ironie und Scherz­chen nutzt. Er erwähnt einen »Moment meines persön­lichen Shutdowns«, witzelt, dass eine kecke Amsel den »Social-Distan­cing-Abstand von andert­halb Metern« nicht einhält, und Ähnliches. Lustig gemeint, ich weiß, aber über dieses Thema kann ich nicht mehr schmun­zeln. Auch nicht lustig, einfach nur naiv ist die Erkennt­nis, die einem Bewohner des urbanen Hoch­haus­dschun­gels offenbar erst nach einem mehr­wöchigen Urlaub im Walde auf­scheint: »Da ich mich durch die Seuche durchaus vom Tod bedroht fühlte, bekam ich zum ersten Mal eine Ahnung von der Lebens­welt dieser Vögel. Für sie war der Tod zu jeder Stunde eine noch sehr viel konkre­tere Gefahr als für mich das Virus. Bei allem, was sie taten, ging es ums Überleben.«

Ein ganzes Stück unter ihren Möglich­keiten bleiben leider auch die neun Illustra­tionen (Tiere, Pflanzen) von Elisa Rodri­guez Scasso. Im Original könnten es feine Aquarelle sein, da sie aber in Schwarz-Weiß gedruckt sind, ist ihnen ein Gutteil ihrer Leichtig­keit genommen.

Das passt alles schön und gut zum Anspruch eines grün ange­hauch­ten, seicht plät­schern­den Beitrags zwecks Ver­ständnis unserer Mutter Natur, nicht aber zu dem literari­schen Gimmick, den Linus Reichlin sich erlaubt, indem er sich den Alias­namen »H.D. Walden« verleiht. Wenn wir mal von der Kalauer-Option Wald/Walden absehen, kombi­niert das Pseudo­nym die Initialen des amerikani­schen Schrift­stellers Henry David Thoreau (1817-1862) mit dem Titel von dessen Hauptwerk »Walden«. Das kann man als (selbst­ironische?) Hommage an ein großes Vorbild verstehen, doch zwischen beiden Männern und ihren Werken liegen Welten. Reichlin ist gebür­tiger Schweizer, hat Wohnsitze in der Schweiz und in Berlin und ist durch Erzäh­lungen, Sach­bücher, Kolumnen, Belle­tristik und Kriminal­romane bekannt geworden. Thoreau zog sich mit 28 Jahren in die einsamen Wälder von Massa­chusetts zurück und ver­brachte gut zwei Jahre in einer Block­hütte am Walden-See (bei Concord), um eigene Antworten auf die Fragen der mensch­lichen Existenz zu finden. Die Erkennt­nisse aus seinen Reflexio­nen und Beobach­tungen schrieb er in dem Buch »Walden: or Life in the Woods« H.D. Thoreau: »Walden: or Life in the Woods« bei Amazon (»Walden: oder Leben in den Wäldern« H.D. Thoreau: »Walden: oder Leben in den Wäldern« bei Amazon ) nieder, das zu seinen Lebzeiten nur 2000 Käufer fand, aber mit seinen bis heute aktuellen und lesens­werten Bot­schaften Kapita­lismus-Kritiker, Fort­schritts-Skeptiker, die Civil-Rights-Bewegung, die »Acht­und­sechziger« und Umwelt­schützer bis hin zur Extinc­tion Rebellion maßgeb­lich beein­flusst hat. Viel­leicht auch Linus Reichlin.


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