Rezension zu »Der gefrorene Rabbi« von Steve Stern

Der gefrorene Rabbi

von


Belletristik · Blessing · · Gebunden · 480 S. · ISBN 9783896674364
Sprache: de · Herkunft: us

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Der schnöde Mammon: Religion als Kommerz

Rezension vom 19.12.2010 · 5 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Der jüdische Junge Bernie Karp steckt voll in der Pubertät. Dick und voller Aknepusteln im Gesicht weiß er mit seinen erotischen Fantasien nicht wohin. In der Zeitung hat er eine Variation der Selbstbefriedigung mit einem Stück Leber entdeckt. Wie könnte er die mal ausprobieren? Auf der Suche nach dem Stück Fleisch öffnet er die Gefriertruhe im Keller seines Elternhauses und durchwühlt sie – bis er ganz tief am Boden einen großen Eisblock entdeckt, und in dessen Innerem einen alten Mann mit "hagerem Falkengesicht, gelblichem Bart, einer Mütze, die einem Damenmuff sehr ähnelte". Unter dem Körper findet Bernie ein zerfleddertes Buch, das er sofort beiseite schafft.

Beim gemeinsamen Abendessen fragt Bernie nach dem Eisblock in der Gefriertruhe. Vater Karp erklärt: "Ach, das Ding, es ist ein Erbstück. Manche Menschen haben präparierte Haustiere im Speicher; wir haben einen gefrorenen Rabbi im Keller. Eine alte Familientradition." Dies geschieht im Jahr 1999.

Nun springt der Roman zurück zum Ende der 1880er Jahre in Polen. Die jüdische Bevölkerung lebt unter dem Joch der Russen. Wer ein wenig Geld hat, schippert über den großen Teich ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten: nach Amerika. Die Zurückgebliebenen werden von den Russen erbarmungslos drangsaliert.

Dies sind die Umstände, unter denen sich Rabbi Elieser ben Zephir, ein heiliger Mann ("das Boibiczer Wunder") , eines Tages am Rand eines Weihers zu Boden legt, um zu meditieren. Der Welt entrückt, bemerkt er nicht, dass Sturm und Wolkenbruch ihn umtosen, dass das Wasser steigt, dass er langsam von den Fluten überspült und schließlich hinweg getragen wird. Verschwunden ist der geistige Führer der Gemeinde! Alle suchen ihn, tagelang, aber ergebnislos. Was können sie noch tun? Den Rabbi können sie nicht mehr fragen, weder Heilige Schrift noch Thora geben Auskunft.

Eines harten Winters friert der Weiher zu, und Josl, der Witwer, möchte gerne Blöcke aus dem Eise schneiden. Nachdem der Herr Baron, dem der Weiher gehört, seine Erlaubnis erteilt hat, macht sich Josl mit seinem nichtsnutzigen Sohn Salo an die Arbeit. Während Vater schuftet, streunt Salo am Ufer entlang – und entdeckt zufällig den Rebbe im Eis. Die Gemeinde beschließt, ihn nicht aufzutauen, sondern ihn sicher in einem Eiskeller aufzubahren.

Diese weise Entscheidung rettet nicht nur dem Eismann, sondern auch Salo das Leben, denn dieser hält sich gerade bei jenem auf, als die Russen unter den im Dorf verbliebenen Juden ein sadistisches Gemetzel veranstalten. Salo verfrachtet den Rabbi im Eisblock in einen Sarg, lädt diesen auf einen Karren und macht sich auf den Weg nach Lodz. Unterwegs tauscht Salo seine altersschwache Mähre gegen die ausgemergelte und malträtierte Frau eines Bauern, und diese Fügung begründet den Stammbaum der Familie Karp. Dann beginnt die abenteuerliche Reise des Rabbi-Eisblock-Sargs von Lodz über New York nach Memphis, so wie Großvater Ruben sie in dem Buch niedergeschrieben hat, das nun – einhundert Jahre später – Bernie und seine Freundin Lou gemeinsam lesen.

Aber was wird aus unserem Heiligen, dem Boibiczer Wunder? Nach einem Stromausfall erwacht er aus seinem Dornröschenschlaf und findet sich nun mitten in den American Way of Life hinein katapultiert. Sofort fasziniert ihn die amerikanische Verderbtheit, die sich ihm in täglichen Talkshows darbietet. Er erkennt, dass Fresssucht und Kaufrausch sie nicht glücklich machen kann, und entwickelt eine geniale Geschäftsidee: Er gründet das "Haus der Erleuchtung", wo der gestresste Amerikaner gegen gutes Geld Kurse belegen darf, die ihn anleiten, zu wahrem Glück und zu wahrer Seligkeit zu finden. Schnell wächst aus der Idee, befeuert von Medienkampagnen und eigener Internetplattform, ein gigantisches Unternehmen, durch und durch kommerziell. Der Chef hat einen Bodyguard und zwei reizende Damen, die sich intensiv um sein körperliches Wohlbefinden kümmern.

Während Rabbi Elieser sich somit ganz dem Irdischen zuwendet, schlägt Bernie den Weg zum Mystischen ein. Nach intensivem Studium einschlägiger jüdischer Literatur sublimiert sich die "Couch-Potato" zu einem Heiligen. Hat ihn früher seine Fleischeslust beherrscht, so vermag er nun in einer Art Ekstase gar seinen Körper zu verlassen, wann er will.

Am Ende kommt es zu einer Konfrontation, als Bernie Elieser ben Zephir ein letztes Mal besucht, um ihn zu retten, doch er muss einen hohen Preis dafür bezahlen ...

Ein irrwitziger Roman, voller Tragik, Dramatik und Komik. Der Sprachstil des Autors ist markant jüdisch geprägt, sowohl hinsichtlich des eigentümlichen Humors als auch der jiddischen Aussprache; ein Glossar hilft dem Uneingeweihten, die reichlich verwendeten Spezialbegriffe aus Religion, Kultur und Alltag der Juden zu verstehen. All dies verleiht dem außergewöhnlichen Epos Authentizität.

Zeitgeschehen und -kolorit des ausgehenden 19. Jahrhunderts – konzentriert auf das Leben im jüdischen Ghetto und auf Ellis Island – hat der Autor meisterlich erfasst. Wieviel Elend kann ein Mensch aushalten? Damals Russen, jetzt jüdische Mafiosi saugen ihre Mitmenschen skrupellos bis zum letzten Tropfen Blut aus.

Die oberflächliche amerikanische Gesellschaft des 20. und 21. Jahrhunderts bildet die Bühne für die Rolle Elieser ben Zephirs in einer burlesken, derben Komödie. Ein skurriler und makabrer Erzählstoff mit einem Beigeschmack von Bitterkeit in einem Roman, der das Leid der Juden über Jahrtausende nicht ausspart.

Steve Stern, 1947 in Tennessee geboren, wurde für sein Werk vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Washington Post Best Book of the Year Award und dem National Jewish Book Award.


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