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Rezension zu »Die Erfindung der Flügel« von Sue Monk Kidd

Die Erfindung der Flügel

von


Belletristik · btb · · Gebunden · 496 S. · ISBN 9783442754854
Sprache: de · Herkunft: us

Aufrührerische Vorkämpferinnen

Rezension vom 09.04.2015 · 9 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Als Präsent zum elften Geburtstag ihrer Tochter Sarah am 26. November 1803 hat sich Mary Grimké et­was Besonderes ausgedacht: Das Kind soll eine eigene Kam­mer­zofe bekommen. Sie heißt Hetty und kostet nicht einmal viel, denn sie ist das zehnjährige Töch­ter­chen der Sklavin Charlotte und gehört also ohnehin schon der Familie, wie bereits Charlottes Mutter und Hun­der­te weiterer Sklaven.

John Faucheraud Grimké und seine Frau Mary führen einen der feinsten und reichsten Haushalte von Charleston, South Carolina. Der angesehene Richter und Plantagenbesitzer, entschiedener Verfechter der Sklaverei und des Patriarchats, regiert mit strenger Hand. Doch das sechste und das dreizehnte seiner vier­zehn Kinder, die Mädchen Sarah und Angelina, werden als Vorkämpferinnen für die Abschaffung der Sklaverei und für die Rechte der Frauen in die Geschichte eingehen.

Die Festgäste im Salon applaudieren, als man Hetty, gründlich gewaschen und mit Schleifchen um Hals und Taille herausgeputzt, zu Miss Sarah führt, »eigens zu deinen Diensten«. Doch zur Überraschung aller lehnt sie das Geschenk höflich, aber bestimmt ab. Schon seit sie fünf ist, hat sich in dem Mädchen ein hef­tiger Widerwille gegen den »Besitz eines Menschen« herausgebildet.

Dabei floriert der lukrative Menschenhandel in den gerade erst unabhängig gewordenen britischen Kolo­nien bereits seit fast zweihundert Jahren. Britische Investoren ließen in Afrika wahllos Menschen einfan­gen und wie Sardinen eingepfercht, liegend und aneinander gefesselt, nach Amerika verschiffen. Dort wur­den sie wie leibeigene Arbeitstiere verkauft, um auf den Plantagen des Südens Baumwolle und Tabak an­zu­bau­en und ihren Besitzern uneingeschränkt zu Diensten zu sein. Anstößig fand das kaum jemand, war es doch kommod und überaus profitabel.

Sarah erlebt – wie später ihre Schwester Angelina – von Kindesbeinen an, was es heißt, ein Sklave zu sein. Willkürlich ausgedachte Gesetze regeln das Leben bis in die kleinsten Details. Rechte gibt es keine. Wer einem gutherzigen, wenigstens fairen Eigentümer gehört, hat Glück. Mister Grimké und Missus Mary ge­hören nicht dazu. Sie bestrafen selbst kleinste Vergehen mit Peitschenhieben oder stundenlangem Ste­hen auf einem Bein, wobei ein Ledergürtel um hochgezogenen Unterschenkel und Hals dafür sorgt, dass das Absenken des Beines den Gepeinigten ersticken kann. Noch grausamer geht es im Folterhaus der Stadt zu. Dorthin verfrachten Stadtwachen herumlaufende Tagediebe und Sklaven ohne Passierschein oder solche, die den Weißen nicht genügend Ehre entbieten.

Symbol des Unwerts: Als wäre er ein unbeschriebenes Blatt, erhält der Sklave seinen Namen von seinem Besitzer. Deswegen heißt das geschenkte Kind Hetty Grimké. Nur untereinander gelten Namen, die die Persönlichkeit würdigen; weil Hetty als Neugeborene so winzig war, ruft ihre Mutter sie Handful.

Sarah erträgt all das kaum, muss sich jedoch fügen. Heimlich lehrt sie Hetty das Lesen (was natürlich un­ge­setz­lich ist) und verspricht ihr, sie eines Tages freizukaufen. Als junge Frau sucht sie nach Mitteln und Wegen, die menschenunwürdige Lage der Sklaven grundsätzlich zu verbessern. In ihrer dreizehn Jahre jüngeren Schwester Angelina, derer sie sich intensiv annimmt, findet sie eine seelenverwandte Vertraute und Mitkämpferin. Sarah weiß, dass sie als Juristin die Schalthebel der Gerechtigkeit neu justieren und für alle viel mehr erkämpfen könnte, doch ihr Vater würde diese Laufbahn keiner Frau zugestehen, wenngleich er die herausragenden intellektuellen Fähigkeiten seiner Tochter anerkennt. Also erarbeitet sie sich die Bü­cher in seiner Bibliothek und die ihres Bruders Thomas, der in Yale Jura studiert und Anwalt wird.

In den 1830er Jahren verlässt Sarah Charleston und den Süden. Sie tritt der Glaubensgemeinschaft der Quäker bei, die die Sklaverei in Europa und Amerika schon seit Jahrzehnten als unmoralisch anprangerte. Als Angelina ihrer Schwester nachgefolgt ist, begegnen beide William Lloyd Garrison, dem Begründer der American Anti-Slavery Society, und schließen sich seiner Bewegung der Abolitionists an. In New York er­halten sie eine Rhetorik-Ausbildung und ziehen dann durch die nördlichen Bundesstaaten, um die Bevölke­rung mit flammenden Kampfreden und drastischen Pamphleten aufzurütteln. Dass die beiden Grimké-Schwestern nicht nur die Befreiung, sondern auch die gesellschaftliche Gleichstellung der Sklaven fordern, verschafft ihnen heftige Gegenreaktionen in der Presse und der Öffentlichkeit. Selbst ihre eigene Familie verstößt die aus der Art geschlagenen Töchter. Eine Rückkehr in den Süden ist undenkbar, denn dort würde man die Aufrührerinnen sogleich verhaften.

Der Roman »The Invention of Wings« Sue Monk Kidd: »The Invention of Wings« bei Amazon (den Astrid Mania übersetzt hat) ist eine Hommage an Sarah Grimké (1792-1873) und Angelina Grimké (1805-1879), nahezu vergessene Pioniere der Men­schen­rechts­be­we­gung und des Kampfes um die Gleichberechtigung der Frau. Die Autorin Sue Monk Kidd er­zählt dazu die prägenden Episoden ihrer eng verbundenen Lebenswege, fügt aber als sinnvolle Ergänzung die rein fiktionale Ko-Protagonistin Hetty-Handful hinzu, die einen authentischen Blick auf die Lebens- und Ge­dan­ken­welt der Sklaven erlaubt. Der Erzählfluss wechselt regelmäßig zwischen diesen beiden Per­spektiven.

Waren die beiden gleichaltrigen und doch so ungleichen Mädchen als Kinder in enger Freundschaft ver­bunden, so führt Hetty-Handful nach Sarahs Fortgang ihren kleinschrittigen Kampf als selbstbewusste Schwarze alleine weiter – und muss dafür immer wieder härteste körperliche Züchtigungen hinnehmen. Handfuls Vorbild ist ihre Mutter (Mauma) Charlotte, die täglich mit kleinen Stichen gegen ihre Missus, Sarahs Mutter, rebelliert. Charlotte ist die angesehenste und beste Näherin der ganzen Stadt. Wenn sie auch für andere Frauen nähen dürfte, könnte sie ein wenig Geld verdienen und darauf hoffen, womöglich eines Tages die Freiheit für sich und ihre Tochter zu erkaufen. Doch die eigensüchtige Missus verweigert den erforderlichen Passierschein, überwacht sie argwöhnisch und straft sie unbarmherzig. Charlotte weiß sich freilich zu rächen ...

Mauma vermittelt Handful auch ihre historisch-kulturellen Wurzeln. Sie näht ihr einen Quilt, der die Fami­liengeschichte abbildet. Noch in Afrika erzählte Großmutter Omama ihrer kleinen Tochter die alten My­then von den Menschen, die fliegen konnten »wie Schwarzdrosseln«. Als Omama als junge Frau nach Amerika verschleppt wurde, »da war der Zauber vorbei«. Doch ihrer Enkelin Handful gibt der am Leben gehaltene Glaube Kraft, die perspektivlosen Jahre durchzuhalten, und Hoffnung, eines Tages doch noch wegfliegen zu können.

Wenngleich Sarah ihrer Kindheitsfreundin bei einer höchst riskanten Unternehmung Hilfe leistet, kann sie ihr Versprechen, Handful freizukaufen, nie erfüllen. Auch sie ist eine Unterdrückte, die letztendlich den ge­sell­schaft­li­chen Zwängen ihrer Zeit unterliegt und ihre engen Grenzen als Frau einfach nicht überschrei­ten kann, so heftig sie auch dagegen ankämpft. Wenn sie sich im Kreis der Familie und bei Festen eloquent für die Rechte der Sklaven engagiert, schenkt man ihr gern Gehör, jedoch nur zum Zweck der allgemeinen Belustigung. Äußert sie allen Ernstes den Wunsch, studieren und als Anwältin arbeiten zu wollen, hört der Spaß für alle auf. In solch zugespitzten Situationen, wenn der Vater ihre geistige oder emanzipatorische Entwicklung bewusst ausbremst oder einen Plan mit einem apodiktischen Verbot belegt, gerät die junge Sarah ins Stottern (der Sprachfehler ist eine symbolkräftige fiktive Beigabe der Autorin). Doch obwohl es ihr später gelingt, sich auch unter größtem Druck fließend zu artikulieren, sich freizuschwimmen, bleibt ihr Lebensziel, Anwältin zu werden, für Sarah Grimké noch unerreichbar.


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