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Rezension zu »Monsieur Optimist« von Alain Berenboom

Monsieur Optimist

von


Belletristik · Graf · · Gebunden · 288 S. · ISBN 9783862200542
Sprache: de · Herkunft: be

Ausgegrabene Lebenswege

Rezension vom 01.08.2015 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

»Alain! Was suchst du denn? Ich kann es nicht leiden, wenn du meine Sachen anfasst!« Die mahnende Stimme der Mutter vernimmt der längst erwach­sene Sohn noch zehn Jahre nach ihrem Tod, als ihn auf einmal der Drang überkommt, die elter­liche Wohnung aufzu­räumen.

Im Keller findet er Kartons voller Papiere, Briefe in Jiddisch und Polnisch, ein paar Fotos – allesamt »einzig­artige Doku­mente«, aber doch nur Bruch­stücke von Lebens­wegen. Er beschließt, die ganz persön­liche Geschichte seiner Eltern und Vorfahren aufzu­schreiben, so lückenhaft sie bleiben muss. Entstanden ist eine sehr späte Hommage, die auch eine Suche nach der eigenen Identität des Autors darstellt, schwebt über allem doch die Frage, wieviel von den alten Tradi­tionen, Denk­weisen, der Kultur und Religion auch in ihm steckt. Und obwohl der Autor voraus­schickt, dass er sein beschei­denes Material mit »Mut­maßun­gen« anreichern müsste, wollte er »den großen europäi­schen Roman« schreiben, und sich lieber auf »eine vage Skizze« beschrän­ken will, hat die Familien­chronik des Alain Beren­boom natürlich auch repräsen­ta­tive Rele­vanz für die »Ge­schichte des 20. Jahr­hunderts«.

Die Wurzeln der Familie liegen in Ost­europa. Chaïm Beren­baum kommt 1907 in Maków, Polen, auf die Welt. Nach Schule und Wehr­dienst verlässt er 1928 seine Heimat, um an der Univer­sität Lüttich Pharma­zie zu studieren. In seine Apotheke in Brüssel tritt eines Tages die »schönste Frau der Welt«, in die er sich auf den ersten Blick verliebt. Rebecca wurde 1915 im russischen Wilna geboren. Weil ihr als Jüdin nach dem Abitur ein Univer­sitäts­studium verwehrt wurde, ging auch sie ins Ausland. 1940 heiraten die beiden.

Im Gegensatz zu vielen Juden und auch dem größten Teil der engsten Familien­ange­hörigen überlebt das junge Paar die Zeit der deutschen Besetzung. Als Ende Oktober 1940 die Anord­nung ergeht, dass sich alle Juden melden müssen, lässt sich Chaïm noch »eilfertig in dieses verdammte Register eintragen«, ob­wohl er, »der Atheist, der Linke, der Kosmo­polit«, der »seit seinem Weggang aus Polen nie mehr in einer Syna­goge war«, doch von den Schikanen gegen die jüdische Bevöl­kerung in Hitler-Deutsch­land wusste. Erst später versucht er sich der Über­wachung zu entziehen, spielt Katz und Maus mit den Behörden, wech­selt mit Rebecca ständig die Wohnung, sie nehmen neue Namen und Identi­täten an, geben sich wie typische Belgier. Chaïm engagiert sich in der belgischen Résistance, beschafft gefälschte Papiere für Flücht­linge, gibt militärische Informa­tionen weiter und hält Kontakt zur Organi­sation Pol, der Groupe Général de Sa­botage. Dass er diesen lebens­gefähr­lichen Tanz auf des Messers Schneide riskiert, rechtfertigt den Spitz­namen, den ihm einmal ein Freund gab und den sein Sohn zum Titel seines Buches machte: »Monsieur Optimist«. Angesichts der ständig perfek­tionier­ten Verfolgungs­mechanis­men der Besatzer, denen er rein zufällig immer wieder entkommt, könnte man ihn aller­dings auch als naiven Glückspilz ansehen ...

Nach dem Ende des Krieges, 1947, wird Alain, das einzige Kind der Beren­booms, geboren. Wohlbehütet wächst er in der kleinen Familie auf. Was Vater und Mutter während des Krieges durch­machten, wie die Verwandten in Polen gelebt hatten, darüber sprechen die Eltern nicht. »Die Kriegs­jahre? Ausradiert, wie mit Chlor­bleiche entfernt.« Die Vergangen­heit bleibt ein vor dem Jungen wohl­ge­hütetes Geheimnis; sie interessiert den Heran­wachsenden auch nicht sonderlich. Sein Vater Chaïm stirbt im Januar 1979 an einer Herz­attacke, Mutter Rebecca folgt ihm erst im Jahre 2001.

Die fragmentarische Eigenart von Ausgangs­material und seiner Verarbei­tung schlägt sich in der zwanglos-leichten Form der Chronik nieder. Der Autor erfasst in kurzen Kapiteln von wenigen Seiten in beschau­lichem Plauder­ton, was er erkundet hat. Manche kurze Episoden gestaltet er szenisch aus, andere Phasen fasst er berich­tend zusammen, bindet seine eigenen Erleb­nisse und Erinne­run­gen ein. Immer bewahrt er kritische Distanz zu seinem Stoff, den er freimütig kommen­tiert und dabei mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält. In innigem Dialog mit dem Leser (»können Sie mir folgen?«) regt er immer wieder durch Fragen zum Nach­denken an – über das Verhalten seiner Familien­mitglieder, belgische Kollabo­rateure (»Vogel-Strauß-Politik«), die politische Entwicklung, seine eigene Position. Darf er sich das Recht heraus­nehmen, über Menschen in Situationen zu urteilen, die er selber nie erlebt hat? Seine Eltern, deren Ge­schwister und Großeltern durchlitten »am eigenen Leib ... den Hass der Deut­schen wie den der Polen und der Russen.« »Habe ich das Recht ..., über Gut und Böse zu entscheiden, so undiffe­renziert, wie mein Vater und meine Mutter es taten?«

Der Autor macht im Ton kaum einen Unterschied, ob er Alltags­routine, Privates oder Tod­ernstes referiert. Die Kapitel­chen tragen harmlose, teilweise wunder­liche Über­schriften, die wenig erkennen lassen, was für Inhalte damit bezeichnet werden: »Das ungelöste Rätsel der zersägten Frau«, »Das letzte Phantom«, »Ein Bürger­meister vermisst seinen Kanal«. Manche augen­zwinkernd gemeinte Darstellung mag sogar befrem­den (»Wenn die Deutschen [anstatt aller Personen jüdischer Rasse], sagen wir mal, alle Kurz­sichtigen, Kropfigen, Einbeinigen, Stotterer oder Toll­patsche verpflichtet hätten, sich einzu­tragen, ob sie wohl auch alle gehorcht hätten?«)

Dass die erzählten Schicksale den Leser tief berühren, ist also nicht der Gestal­tung geschuldet. Der Autor verzichtet auf jegliche Drama­tisierung. Es ist das einfache, karge Leben dieser Menschen in einer uns in vieler Hinsicht fernen, kaum verständ­lichen Zeit, das uns nicht gleich­gültig lässt. Großmutter Frania etwa wurde, wie damals üblich, von ihren Eltern verheiratet. Ihr Leben im Maków der Vorkriegs­jahre ist von eisi­gen Wintern, Geldsorgen und Repres­sionen geprägt. Ihr Mann Aba, der einen Krämer­laden betreibt, führt ein unnach­giebiges Regiment, ausgerichtet an den strengen Regeln des ortho­doxen Juden­tums. Er ist bigott, kon­servativ und starr­sinnig. Das Paar hat zwei Söhne (Chaïm und seinen Bruder) und zwei Töchter, Esther und Sara. Chaïm und Esther flüchten aus der Enge ihres Zuhauses ins Ausland. Zeitweise lebt auch Sara in Brüssel, bis der Vater sie zurück nach Polen beordert. Die gehor­same Tochter folgt dem Ruf. Der Zeitpunkt ihrer Heimkehr ist aller­dings denkbar schlecht, denn Deutsch­land hat soeben Polen besetzt. Saras letzter Brief, den Alain in den Kisten im Keller findet, stammt aus Warschau, vom 29. Juli 1942 ...

Alain Berenboom ist Professor für Urheber­recht an der Uni­versität Brüssel. 1990 veröffent­lichte er seinen ersten Roman, »La Position du missionnaire roux«. »Monsieur Optimiste« (2013), mit dem belgischen Lite­ratur­preis Prix Victor Rossel ausge­zeichnet und von Tanja Graf und Helmut Moysich als erstes seiner Werke ins Deutsche übersetzt, ist eines von vielen Zeit­doku­menten, die Familien­ange­hörige nach Kriegs­ende erschlossen und ver­öffent­licht haben. Jedes für sich stellt ein be­reichern­des Puzzle­teilchen der dun­kels­ten Zeit unserer Historie bereit. Alain Beren­boom hat aus den wenigen persön­lichen Hinter­lassen­schaf­ten, die er vorfand, seine Familie auf eine besonders indivi­duelle Weise geehrt.


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