Rezension zu »Damit du dich im Viertel nicht verirrst« von Patrick Modiano

Damit du dich im Viertel nicht verirrst

von


Belletristik · Hanser · · Gebunden · 160 S. · ISBN 9783446249080
Sprache: de · Herkunft: fr

Fluch und Segen des Vergessens

Rezension vom 18.08.2015 · 5 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Atemlos liest man den neuen Roman von Patrick Modiano, Nobelpreisträger 2014. Der Reiz, anfangs harmlos »wie ein Insekten­stich«, entpuppt sich als Entzündung, schmerzt, breitet sich im ganzen Körper aus. Was sich vorder­gründig als spektakulärer Kriminalfall entwickelt, den Leser mit immer neuen Details nicht zur Ruhe kommen und ihn vergebens auf Klärung hoffen lässt, ist die Auseinandersetzung eines alten Mannes mit seiner Vergangenheit. Seine Erinnerungen sind ver­schwom­men, haben sich überlagert, ver­mengt und verwischt, brechen nach und nach unangenehm hervor und überrollen ihn wie die blubbernden Aus­würfe eines Vulkans, den er längst erloschen glaubte. War womöglich alles nur ein böser Traum oder eine raffiniert ausgeheckte Fiktion?

Der Bolero beginnt sanft und un­schein­bar mit dem Klingeln des Telefons – lästig und hartnäckig, bis es Jean Daragane, ein­ge­nickt auf seinem Kanapee, aus seiner gemütlich ein­ge­rich­te­ten Einsamkeit reißt. Der un­be­kannte Anrufer erklärt, er habe im Gare de Lyon sein kleines Adressbüchlein gefunden, und bietet ihm eine Über­gabe an. Tatsächlich war Daragane im Restaurant dieses Bahnhofs; das Büchlein muss ihm dort aus der Jackentasche gerutscht sein. Aber weder hat er es bisher vermisst noch regt sich ernstes Interesse, es zurückzuerhalten. Es enthält nur etwa dreißig Namen und Telefonnummern, die meisten davon »nützliche« Be­kannt­schaften »beruflicher Natur«, viele mittlerweile ungültig. Unter dem verbleibenden Rest ist keine einzige, »die zu wählen er Lust gehabt hätte«.

Warum also sollte Daragane sich genötigt fühlen, zum vereinbarten Übergabetermin mit dem Fremden zu erscheinen? In dessen weicher Stimme verspürte er eine »Drohung«, die ihn belastet. Er muss der Ein­ladung – die eher eine Forderung ist – ganz einfach nachgeben, sonst bliebe »etwas in der Schwebe«, und das ist schwer erträglich.

In einem Café trifft er den vierzig­jährigen Gilles Ottoline mit seiner wesentlich jüngeren Freundin Chantal Grippay. Gilles, der in einer Werbe­agentur arbeitet, entschuldigt sich für die Indiskretion, in dem Büchlein geblättert zu haben. Dabei sei er auf einen Namen gestoßen, der in einem weit zurückliegenden Kriminal­fall eine Rolle spielte. Ob Daragane wohl Auskünfte über »einen gewissen Guy Torstel« geben könne? Der Befragte »weiß nicht, wer das sein könnte«, und will auch nicht weiter involviert werden. Er ist alt, hat »Erinnerungs­lücken« und ist nicht mehr bereit, die Zeit und Mühe aufzubringen, der Sache nachzugehen. So schnell wie gerade noch gebührlich verabschiedet er sich.

Doch die Begegnung lässt Daragane nicht los. Die Erwähnung des Namens und des Kriminalfalls hat ein winziges inneres Federchen in Schwingung versetzt, die sich auf ein kleines Rädchen überträgt, immer mehr Unruhe auslöst, bis am Ende das ganze Werk unrund rasselt und rattert. Wie aus dichtem Nebel taucht Daraganes Kindheit wieder auf, aber es ist eine bruch­stück­hafte Erinnerung voller un­be­ant­wor­te­ter, ja un­ver­stan­de­ner Fragen: »Viele Jahre später versucht man Rätsel zu lösen, die einstmals keine waren, und möchte halb verwischte Buchstaben einer viel zu alten Sprache entziffern, deren Alphabet man nicht ein­mal kennt.«

Eine Kindheit wie die von Daragane zu vergessen wäre wohl ein Segen. Schon im Grundschulalter haben ihn seine Eltern weggegeben. Offensichtlich wollten sie ihn los sein. An ihrer Statt kümmert sich dann eine junge Frau um ihn. Fetzen der Erinnerung: Ein Jahr lang wohnen »ein junges Mädchen und ein Kind« (Annie Astrand und »mein kleiner Jean«) gemeinsam in Saint-Leu-la-Forêt in einem weitläufigen Haus »mit dem großem Portalvorbau«. Die Landluft soll dem Jungen gut tun. Gewöhnlich hat er einen »guten Schlaf«, doch wenn Annie nachts weg ist, um ihrer Arbeit als »akrobatische Tänzerin« nachzugehen, wartet er unruhig auf ihre Rückkehr. Dann hört er »Autotüren zuschlagen und Stimmen­gewirr«, vernimmt im Nachbar­zimmer Gelächter von Frauen und Männern, die am Morgen, wenn Jean aufsteht, um zur Schule zu gehen, bereits verschwunden sind.

Im Jahr 1952 muss Jean wohl »Zeuge von etwas Schlimmem« geworden sein. Polizei kommt, durchsucht das Haus, verhaftet Leute, befragt auch den Knaben. Annie bereitet eine überstürzte Flucht vor, lässt Automaten­bilder und einen falschen Reisepass von dem Jungen machen, kauft Zugkarten. An der Côte d'Azur wohnen die beiden für wenige Tage in einer Villa, die sie nur zum Speisen in einem Restaurant verlassen. Am Abend bevor sie mit einem Auto über die Grenze nach Italien fahren wollen, wirkt Annie besorgt, legt Patiencen, eine Träne rinnt ihre Wange hinab. Als sie telefoniert, erkennt das Kind nur den Klang ihrer Stimme, keine Worte.

Der Morgen beschert Jean ein erneutes Trauma, das sich wieder im üblichen Crescendo anbahnt: »Zunächst ist es fast nichts, das Knirschen der Reifen auf dem Kies, ein Motorgeräusch, das sich entfernt, und du brauchst noch ein wenig Zeit, bevor dir klar wird, du bist allein im Haus.« Dass Daragane zum zweiten Mal im Stich gelassen wurde, wird er – zum Glück? – vergessen, aber auch nie verarbeiten.

Daraganes Leben hält noch viele weitere Episoden, sogar Morde, für ihn und den Leser bereit. In seiner Rück­schau nehmen sie im Dunst der ungewissen Vergangenheit vage Formen an, hier und da scheint ein Detail hervorzutreten, Kontur zu gewinnen, beunruhigt den Sucher nach der verlorenen Zeit, spannt den Leser auf die Folter – und löst sich doch wieder im rätselhaften Nichts auf. Wer in diesem Roman nur die Krimispuren verfolgt, muss am Ende frustriert sein. Wer sich auf die tieferen Be­deu­tungs­ebenen einlässt (die existentiellen, philosophischen, psychologischen, die der Fiktionalität), mag bisweilen fürchten, den Boden unter den Füßen zu verlieren, wird aber hingerissen sein von diesem Vexierspiel um die Ent­fremdung von einer Realität, die nie vertraut war.

Ein zentraler Schlüssel zum Ver­ständ­nis dieses kleinen Meisterwerks (Elisabeth Edl hat die schöne Über­setzung erarbeitet) liegt, wie bei allen Romanen dieses Autors, in seinen autobiografischen Zügen. Patrick Modiano, soeben siebzig geworden, ist in etwa gleich alt wie sein Protagonist und Schriftsteller-Kollege Daragane, dem er zuschreibt, er sei von der tiefen, leeren und einsamen Emotion befangen, »im Leerlauf einen Abhang hinunterzulaufen«. Modianos Eltern, eine flämische Schauspielerin und ein italienisch-grie­chisch-jüdischer Kaufmann, kümmerten sich wenig um ihren Sohn, schoben ihn in Internate ab. Sein einzi­ger Bruder, drei Jahre jünger, war nur neunjährig an Leukämie verstorben. Ein Hochschulstudium, das ihm eine Verwaltungskarriere gesichert hätte, bricht Modiano rasch ab, entdeckt die Literatur und widmet sich dem Schreiben. Von Anfang an verarbeitet er in seinen Büchern Stoffe aus der eigenen einsamen Kindheit und Jugend und setzt sich dabei mit den Themen »Erinnerung, Vergessen, Identität und Schuld« (Wikipedia) auseinander. Seinem jüngsten Roman hat er ein Stendhal-Zitat vorangestellt: »Ich kann die Wirklichkeit des Geschehenen nicht darstellen, ich kann nur seinen Schatten zeigen.« Schreiben: ein zum Scheitern verurteilter Erkenntnisprozess. Da entsteht leicht der Eindruck, Modiano schreibe eher für sich selbst als für ein Publikum; tatsächlich aber glaubt er, dass ein Leser ein literarisches Werk besser ver­stehen kann als sein Autor.

Der Titel des Romans, »Pour que tu ne te perdes pas dans le quartier« Patrick Modiano: »Pour que tu ne te perdes pas dans le quartier« bei Amazon , entstammt Annie Astrands letzter Bot­schaft an den kleinen Jean; sie soll dem Alleingelassenen Orientierung geben. Das, so erweist es sich, ist unmöglich. Aber vielleicht ist es ohnehin manchmal besser, sich zu verirren.


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