Rezension zu »Endgültig« von Andreas Pflüger

Endgültig

von


Thriller · Suhrkamp · · Gebunden · 459 S. · ISBN 9783518425213
Sprache: de · Herkunft: de

Supergirl mit Handicap

Rezension vom 03.04.2016 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Jenny Aaron ist eine Ausnahmefrau in einer Männerdomäne. In ihrer Spezial­einheit ist sie die einzige Frau unter vierzig Männern. Die Abteilung ohne Namen hat ihre Zentrale in Berlin und ist dem Innen­minis­te­rium unter­stellt, damit, wenn es zur Sache geht, die Dienst­wege kurz sind.

Die Voraus­setzun­gen für ihre steile Karriere sind Jenny Aaron förmlich in die Wiege gelegt worden. Ihr Vater gehörte zur legen­dären GSG-9-Einsatz­truppe und war in Moga­dischu an vor­derster Front dabei, als die von Terro­risten entführte Luft­hansa-Maschine »Lands­hut« erstürmt wurde. Als seine Tochter zwölf Jahre alt ist, lehrt er sie in einem Stein­bruch »alles übers Schießen, was ein Polizist seiner Tochter weiter­geben kann«. Zu ihrem acht­zehn­ten Geburtstag schenkt er ihr eine kleine, leichte Pistole – Jennys »Tausend­schön­chen«.

Nach dem Studium (Abschluss als Jahrgangsbeste) bewirbt sich Jenny Aaron beim Berliner LKA und be­kommt die Stelle. Nach einem Jahr (da ist sie zwei­und­zwanzig) muss sie zum ersten Mal einen töd­lichen Schuss abfeuern (und es ist nicht ihr letzter). Ihre Ein­satz­orte sind Warschau, Helsinki, Neapel, Moskau, ihre Gegen­spieler die Größen der Unterwelt, wie etwa der Capo des Mazza­rella-Clans in Napoli oder der Chef einer russi­schen Mafia­organi­sation, der im krimi­nellen Roh­stoff­handel seine ersten Millio­nen ein­sam­melt. Als er das UN-Hilfs­pro­gramm »Oil for Food« ausnutzt, um iraki­sches Öl an den inter­natio­nalen Sank­tio­nen vorbei und zu Dum­ping­preisen auf den US-Markt zu schleusen, eckt er aller­dings beim FBI an, denn auch Saddam Hussein, Uncle Sams Staats­feind Nr. 1, ist mit im Spiel.

Das LKA entsendet »Aaron« (keiner nennt sie anders) nach Moskau. Dort erledigt sie als erstes in einem todes­muti­gen Einsatz den Auf­trags­killer, der sie schon erwar­tet hat, und glänzt danach, beob­achtet vom FBI und dem deut­schen Geheim­dienst, in der hoch­brisan­ten Ope­ration, die zur Fest­nahme des inter­natio­nal ge­suchten russi­schen Mag­na­ten führt. Die »Ab­tei­lung« wird auf die Fünf­und­zwanzig­jäh­rige auf­merk­sam und nimmt sie in den Kreis der Elite-Kämpfer auf.

Auf dem Gipfel ihrer bisherigen Karriere ereilt Aaron ein herber Schlag. Sie soll mit einem Kollegen, Niko Kvist, in Barce­lona ein Gemälde zurück­kau­fen, das aus der Ber­liner Natio­nal­gale­rie gestohlen worden war. Die Übergabe – drei Mil­lionen Pfund Sterling gegen einen Chagall – endet in einer Katas­trophe. Niko und Aaron werden ange­schos­sen, Aaron kann flüchten, doch ihr Ver­fol­ger holt sie ein und drückt ab. »Etwas explo­diert in Aarons Kopf.«

Von diesem Moment an ist Aaron blind, und sie leidet an einer Teil­amne­sie. Sie weiß, dass sie Fehler ge­macht und schwere Schuld auf sich ge­laden hat, aber sie kann einfach nicht mehr alle Vor­gänge re­konstru­ieren. Umso quälender suchen sie ihre löchrig gewor­denen Erinne­rungen immer wieder heim. In ihren Alb­träumen tun sich Ab­gründe auf: Warum hatte sie einen Allein­gang unter­nommen? Warum hatte sie Niko verletzt zurück­gelas­sen, keinen Notruf abge­setzt? Und all das, obwohl sie mit Niko ein Verhält­nis hatte – klamm­heimlich, denn private Bezie­hungen inner­halb der Abtei­lung waren streng tabu, und sie wären beide gefeuert worden, wenn ihnen jemand auf die Schliche ge­kom­men wäre.

Über lange fünf Jahre hin baut sich Jenny Aaron jetzt ein neues Leben auf, und sie erweist sich als zäher denn je. Unter­stützt von ihrem Vater lernt sie die Blinden­schrift und absol­viert här­teste Trainings­kam­pagnen. Vor allem hyper­sensi­bili­siert sie sämt­liche ihr ver­bliebe­nen Sinne. Sie ent­wickelt ein »Klick­sonar«, um sich durch Schnal­zen mit der Zunge oder Schnip­sen mit den Fingern zuver­lässig im Raum orien­tieren zu können, und durch­läuft eine Samurai-Kampf­ausbil­dung. Ihr Lieb­lings­buch ist Max Frischs Roman »Mein Name sei Gan­ten­bein« über einen Sehen­den, der sich als Blinder ausgibt, um sein Leben besser ertragen zu können.

Mit Mitte Dreißig ist Aaron dann wieder an Bord. Beim BKA in Wies­baden hat sie einen Schreib­tisch­job als Fall­analy­tikerin im Anti­terror­kampf und bei kom­plexen Er­mitt­lun­gen zur organi­sierten Krimi­nalität. Dienst­reisen nach Berlin hat sie bisher abwen­den können. Sie hatte Angst, ihren alten Team­kollegen wieder zu be­gegnen, speziell dem älteren Pavlik, der die Neue in der »Abtei­lung« damals wie ein guter Freund mit Fami­lien­an­schluss aufge­nom­men hatte. Dann aber geschehen Dinge, die eine Reise nach Berlin erzwin­gen. In der JVA Tegel hat ein Mehr­fach-Mörder die Ge­fäng­nis­psycho­login nieder­träch­tig ermordet. Bei seinen Ver­neh­mun­gen ist der Mann zu keiner auf­klä­ren­den Aussage bereit – »nur mit Frau Aaron« will er reden.

Erst am Ende dieses hochspannenden, tempo­reichen und brutalen Thrillers wird die blinde Super­heldin Jenny Aaron er­kennen, dass sie in eine von langer Hand raffiniert vorbe­reite­te Falle getappt ist und die Ver­gan­gen­heit sie einholt.

Dies ist der zweite Roman des Berliner Autors Andreas Pflüger. Seit seinem Erstling (»Ope­ration Rubikon«) sind zwölf Jahre ver­strichen. Dass »Endgültig« so profes­sionell wirkt und auf viel­fache Weise über­zeugt, hat sicher mit Pflügers Haupt­be­schäfti­gung zu tun: Als Autor von mehr als zwanzig »Tatort«-Dreh­büchern hat er jede Menge Ex­per­tise, wie man ein Mil­lio­nen­publi­kum gewinnt und bei der Stange hält. Grund­lage ist ein raffi­nierter, kom­plexer Plot, der seine Ge­heim­nisse sehr lange vor nase­weisen Lesern verber­gen kann. Er ist aller­dings ziem­lich überzogen. Der Täter hätte sein Ziel so viel einfacher erreichen können …

Sodann hat Pflüger eine Prota­gonis­tin ge­schaffen, wie es noch keine gab: Einer­seits ist sie Super­girl, eine auf das Maxi­mum program­mierte Heldin mit über­mensch­lichen Kräften, rundum sympa­thischen Eigen­schaften (ihre Augen: »perfekt und wunder­schön«) und hehren Tugen­den, frei von Lastern und kruden Marotten, bei den Kollegen beliebt und ge­schätzt. Anderer­seits erlegt ihr der Autor ein gewich­tiges Handi­cap auf. Doch das bricht sie nicht, sondern lässt sie nur noch weiter wachsen. Eine blinde Ermitt­lerin, die die Sehen­den das Fürchten lehrt und den schlimms­ten Verbrechern das Handwerk legt.

Bei so viel Heldentum und inter­nationa­lem Ränke­spiel denkt man un­wei­ger­lich an ironisch-ver­spielte Über­höhung nach James-Bond-Art. Doch Andreas Pflüger liefert mehr. Die Blind­heit seiner Haupt­figur ist ihm kein bloßer Gim­mick, sondern eine ernste Heraus­forde­rung. Mit größter Sorg­falt und Kon­sequenz gestal­tet er die Erzählung so, dass der Leser die Welt aus Jenny Aarons Emp­finden heraus erlebt. Be­schrei­bun­gen von Hand­lungs­orten, Gegen­ständen und Per­sonen fehlen, die Wahr­neh­mun­gen der nicht-opti­schen Sinne müssen inter­pre­tiert werden. Wenn Jenny Aaron mit offenen O-Lippen schnalzt, »loka­lisiert [sie] einen Licht­mast. Oder zwei? Links eine massive Säule. Werbung? Belüf­tung? Rechts steht ein Bus, lau­fen­der Motor, joh­lende Schul­klasse, Wort­fetzen, skan­dina­vische Sprache«.

Im Nachwort erläutert der Autor seine intensive Recherche über Blinde. Mehrere Wissen­schaft­ler haben ihm zur Seite ge­stan­den, und er hat etliche Be­trof­fene per­sön­lich konsul­tiert. Was er in seiner Fiktion auf eine Person kom­primiert dar­stellt, ist gar nicht so un­realis­tisch. Pflüger hat viele Frauen ken­nen­ge­lernt, die ihr Leben mit der Be­hinde­rung vor­treff­lich meistern und ihre Positio­nen in der Berufs­welt neben Gesun­den be­haup­ten.

Sicherlich werden diesem gelungenen Krimi, der in seiner nüch­ternen, präzisen Sprache (Action im Prä­sens, Jenny Aarons Er­inne­rungen im Im­perfekt) ein­gängig zu lesen ist, wei­tere Bände folgen. Ob der Autor wohl auch schon ein Dreh­buch-Konzept für die Ver­fil­mung in der Schub­lade hat?


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