Rezension zu »Vom Ende der Einsamkeit« von Benedict Wells

Vom Ende der Einsamkeit

von


Belletristik · Diogenes · · Gebunden · 368 S. · ISBN 9783257069587
Sprache: de · Herkunft: de

Die Suche nach dem Konstanten

Rezension vom 31.03.2016 · 28 x als hilfreich bewertet mit 4 Kommentaren

»Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.« Ein wuch­tiger Roman­anfang von einem Jung­autor. Kann ein Zwei­und­drei­ßig­jähri­ger die Last stemmen, die der Satz mit all seinen Im­plika­tionen ihm vorlegt? Bene­dict Wells kann. Das hat er schon mit seinen drei Vor­gän­ger­büchern be­wiesen. »Vom Ende der Ein­sam­keit«, nach fünf Jahren Roman­pause und sieben Jahren Arbeit er­schie­nen, ist ein aus­ge­reif­tes, groß­artiges Werk – der Roman eines Lebens, einer Familie, einer Liebe, der ge­wich­tige Fra­gen von philo­sophi­scher Tiefe be­han­delt und eine gute Ge­schich­te erzählt und dazu einen in­divi­duel­len, sen­siblen, lite­ra­risch-ästhe­tisch be­friedi­genden Stil findet, der das Lesen zum Ver­gnügen macht und den Leser wie in einem Sog weiter­zieht bis zur letzten Seite.

»Was wäre das Unveränderliche in dir? Das, was in jedem Leben gleich ge­blie­ben wäre, egal, welchen Verlauf es ge­nom­men hätte?« Noch so eine wuch­tige Über­legung für grau­haarige Weise über das Wesen des Menschen an sich. In Wells' Buch richtet Ich-Erzähler Jules, 41, die Frage an Alva, seine lang­jährige große Liebe und engste Ver­traute seit der Schul­zeit. Doch der Autor hat ihnen kein ein­faches Glück be­schert, sondern sie auf ver­schlun­genen Pfaden und die meiste Zeit getrennt durchs Leben geschickt. Nichts auf ihren Wegen war voraus­sehbar, beein­fluss­bar, hatte System. Viel­mehr wech­selten Trennung und Zu­sam­men­finden, Ein­sam­keit und Ge­bor­gen­heit, Glück und Unglück einan­der wie zufällig ab. Das lässt in Jules' Rück­schau in der Mitte des Lebens die Frage auf­kom­men, ob es einen kon­stan­ten Kern im Men­schen gebe – »Dinge in einem, die alles über­stehen«.

Die Erzählung beginnt am Ende, in der Gegen­wart (September 2014). Nach einem schweren Motor­rad­un­fall und zwei Tagen im Koma kehrt Jules Moreau im Kranken­haus ins Leben zurück und re­kon­struiert in Epi­soden seinen eigenen Lebens­weg und den seiner beiden Ge­schwis­ter Marty und Liz.

Ihre Kindheit war beneidenswert unbeschwert und gut behütet. Jules erinnert sich an eine Fami­lien­reise 1980 zur Groß­mutter in die süd­franzö­sische Heimat des Vaters. Zu Weih­nach­ten 1983 – da war er zehn, Marty drei­zehn und Liz vier­zehn – schenkte ihm sein Vater eine ge­brauch­te, ver­kratzte Mamiya-Kamera, was das Kind ent­täusch­te und doch ein (spä­teres und vorüber­gehen­des) Inter­esse am Foto­gra­fie­ren säte. Beide Ereig­nisse verbin­det eine Eigen­schaft: Sie waren letzte gemein­same Unter­neh­mun­gen der Familie. Wenige Tage nach dem Fest sterben die Eltern bei einem Auto­unfall.

Die drei Waisen werden in einem Internat aufge­nommen, aber getrennt unter­gebracht und sehen ein­ander nur noch selten. Der Schick­sals­schlag – »ein nicht korri­gier­barer Fehler im System« – erscheint ihnen wie eine Weiche auf ihrem Lebens­weg, an der sie falsch abge­bogen sind und ab der sie ein »fal­sches Leben« führen. Wiewohl vereint im Schmerz um den Verlust der Eltern, driften sie mehr und mehr von­ein­ander weg. Jedes Kind muss die Not des ein­samen Zurück­gelas­sen­seins für sich allein ver­arbei­ten, ist ge­zwun­gen, sich allein mit der »End­lich­keit des Lebens« aus­ein­ander­zu­set­zen, kämpft für sich allein um einen Ausweg.

Seine Schwester Liz liebt Jules über alles. Seit Kindes­beinen genießt sie es, im Mittel­punkt zu stehen und sich zu insze­nieren – als Prin­zess­chen, als Früh­reife, als Wild­fang, als trost­bedürf­tiges Elfchen, als Künst­lerin. Die Mutter spielt gerne mit, die Mit­schüle­rinnen weniger. Sie verlachen und ärgern sie. Im Internat ent­wickelt sie enormes Selbst­bewusst­sein. Auffallend groß und attraktiv, beherrscht sie mit sieb­zehn ihr Reper­toire, gibt mal die »Königin«, mal die Revo­luzze­rin, mal die Emanze. Sie erntet Be­wunde­rung, nicht Zuneigung. Ehe sie wegen allzu arger Un­ver­schämt­heiten der Schule verwiesen wird, schmeißt sie ihr Abitur und ver­schwin­det dann für Jahre aus Jules' Leben.

Ihren Bruder Marty empfanden Liz und Jules als »wider­lichen Freak«, als »Fremd­ling ... zwischen uns«. Er sondert sich von der Familie ab, seziert in seinem Kinder­zimmer tote Klein­tiere und steht für Jules' Wunsch­träume von einem helden­haften Be­schüt­zer-Bruder nicht zur Ver­fügung. Erst recht nicht mehr im Internat. Als Jules einmal böse gede­mütigt wird und laut­stark nach Marty ruft, bleibt dessen Zimmer­tür ver­schlos­sen. Nichts scheint ihn rühren zu können, weder der Verlust der Eltern noch die Zustände im In­ternat – »eine Ameise, die nach einem Atom­krieg unbe­irrt weiter­machte«. Nach außen stilisiert er sich als intel­lektu­ell, cool und abwei­send: schwarze Kleidung, Brille auf der Haken­nase, langes Haar zum Zopf ge­knotet. Mädchen haben für die »exis­tentia­listi­sche Vogel­scheuche« nichts übrig. Statt­dessen führt er mit sech­zehn eine »Schatten­armee« von »Nerds und Klug­scheißern«.

Auch Jules, als Kind selbstbewusst, übermütig, aben­teuer­lustig und mutig, zieht sich nach dem fami­liären Schnitt in seine Ge­danken­welt zurück, ent­wickelt nie gekannte Ängste »vor dem Dunkeln, vor dem Tod, vor der Ewig­keit«. In der Klasse verkriecht er sich in die hintere Bank, wo er nicht aufzu­fallen hofft.

Eben dort nimmt eines Tages ein ge­heim­nis­volles Mädchen namens Alva auf dem freien Stuhl neben ihm Platz. Sie hat auf­fallend rotes Haar und trägt eine Horn­brille im hübschen blassen Gesicht. Schweig­sam­keit und düsterer Blick machen sie schwer durch­schau­bar, aber Jules erscheint sie seelen­verwandt, als hüte sie im Ver­bor­genen ein Leid vor den anderen. Er verliebt sich in ihr rares Lächeln und ihren »schiefen Schnei­de­zahn«, der vorwitzig hervor­lugt. Als Sehn­suchts­ziel und große Liebe wird Alva sein ganzes Leben be­stimmen.

Die hindernisreiche love story ist jedoch nur eine Façette dieses Buches. Inte­res­san­ter ist die Fami­lien­ge­schich­te, eine Art Ent­wick­lungs­roman der seelisch ver­letz­ten Geschwis­ter, der dem Prota­gonis­ten psy­cho­lo­gische, philo­sophi­sche und exis­ten­tielle Fragen auf­tischt. Es geht um Erinnern und Ver­gessen, Zufall und Be­stim­mung, End­lich­keit und Dauer­haftes. Um den ir­repa­rablen Sys­tem­fehler in ihrer Vita wenigs­tens zu kom­pensie­ren, suchen die Ge­schwis­ter den Weg zu ihrer Iden­tität, wollen Ver­trauen ins Leben und in die Liebe zu anderen Menschen wieder­ge­winnen. Ihr beruf­licher Erfolg gibt ihnen äußere Sicher­heit und Selbst­bewusst­sein. Aber offen­bar kommen sie nicht wirklich bei sich selbst an.

Marty ist am Ende des Romans Dozent an der Univer­sität München und wirkt abgeklärt. Doch ein Bündel von manier­ierten Ticks und Ob­ses­sio­nen verrät, dass ihn noch immer Ängste vor Verlust und Schick­sals­schlägen quälen. Liz hat die hef­tigste Jagd nach dem Glück hinter sich, un­ruhige Jahre mit Alko­hol, Drogen und unver­bind­lichen Männer­be­ziehun­gen. Jetzt scheint sie sich als Gym­nasial­lehre­rin gesetzt zu haben. Doch sie ist weder bin­dungs­fähig noch mit einem gere­gelten, harmo­nischen Alltag zu­frieden­zu­stel­len. Ihr Kern verlangt weiter­hin nach einem pulsie­renden, ver­rück­ten Leben und außer­gewöhn­lichen Men­schen, solchen, »die brennen, brennen, brennen, wie römische Lichter in der Nacht« (Jack Kerouac).

Jules, inzwischen Lektor in einem Münchner Verlag, hat Alva zwar auf allerlei Um­wegen endlich wieder­gefun­den und erlebt mit ihr und den ge­mein­samen Zwil­lings­töch­tern eigenes fami­liäres Glück. Dennoch lastet auch auf ihm blei­schwer das Bewusst­sein um die abge­schnit­te­nen Leben seiner Eltern, um die der Familie vor­ent­hal­te­nen Jahr­zehnte mit­ein­ander, während die zu kurze ge­mein­same Zeit zu starren Epi­so­den ver­stei­nert oder sich in bloßem Gefühl ent­kon­kreti­siert. Er weiß auch, dass die späte Er­fül­lung mit Alva und den beiden Kindern keine vom Schicksal ge­währte Kom­pen­sation für Un­ord­nung und frühes Leid ist. Er darf also nicht auf Dauer des Zustandes, auf nach­haltige Ge­rech­tig­keit hoffen, muss jeder­zeit mit er­neutem Verlust rechnen. Der tief ver­wur­zel­ten, be­klem­men­den Grund­angst versucht er sich mit einer Therapie zu stellen.

Gibt es wirklich »Leute, die nur Pech haben, die alles, was sie lieben, nach und nach verlieren«? Und wenn Jules, wie es scheint, zu ihnen gehört, gibt es einen Grund dafür – sei es Schick­sal, Zufall, Be­stim­mung, Unge­rech­tig­keit, Pech? Als er Alva wieder ab­geben muss, ver­zwei­felt er, droht in seiner er­neu­ten Ein­sam­keit unter­zu­gehen. Jetzt aber trägt ihn die Ge­borgen­heit unter seinen un­gleichen Ge­schwis­tern. Als Er­wach­sene haben sie gelernt, Ver­ständ­nis für­einan­der auf­zu­brin­gen und ein­ander emotio­nalen Halt zu geben. Denn »die Ein­sam­keit in uns können wir nur gemein­sam über­winden«.

Aus den tragischen Ereignissen in Jules' Leben, den daraus ent­stan­de­nen Ängsten und Er­kennt­nissen der eigenen Macht­losig­keit erwächst ihm schließ­lich eine über­raschend zuver­sicht­liche, kon­struk­tive Haltung: dass nämlich »in Wahr­heit nur ich selbst der Archi­tekt meiner Existenz bin«. Mit hoff­nungs­vollem Blick nach vorn statt zurück ist er »bereit«, Ent­schei­dun­gen über seinen weite­ren Weg zu treffen, Ver­ant­wor­tung für seine Kinder zu über­neh­men – ein Leben zu ge­stal­ten, das gar nicht mehr so »falsch« erscheint. Ein schönes Bild verknüpft den hoff­nungs­vollen Anfang von Jules' Leben mit dem eben­falls hoff­nungs­vollen Neu­beginn am Ende des Romans. In beiden Situa­tionen balan­ciert Jules wage­mutig auf einem glit­schigen Baum­stamm über einen Fluss voller gefähr­licher Ge­steins­brocken. Als Junge bewährt er sich selbst, indem er seine Angst über­windet. Als Er­wach­sener insze­niert er einen »Moment der Saat«: Der Vater setzt seinen Kindern ein Bei­spiel, um sie zu stärken, damit sie ihre »Angst für immer verlieren«.

In der Gesamtschau kann man anmerken, dass der Autor seine Botschaft vielleicht ein wenig näher am All­tags­leben hätte illustrie­ren können, ohne dass das zu Ein­bußen geführt hätte. Seine Figuren sind gesuchte Charak­tere, ihre Schick­sale heftig (»Mein lieber Hiob«, tröstet Alva ihren Jules.). Eine leicht melan­choli­sche Grund­stim­mung prägt sie, doch niemals über­kommt sie zer­störe­risches Selbst­mit­leid oder Jammern. Benedict Wells ist ein schönes, ein auf­bauen­des Buch gelungen.


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Kommentare

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Zu »Vom Ende der Einsamkeit« von Benedict Wells wurden 4 Kommentare verfasst:

Edith Schubert schrieb am 24.06.2016:

Lange hat mich ein Buch nicht mehr so in seinen Bann gezogen. Ich war am Ende einfach nur traurig, weil es eben zu Ende war. Absolut empfehlenswert!

Leseratte I. schrieb am 23.10.2016:

Die Charaktere erscheinen mir zu konstruiert, der ganze Plott zu gewollt moralisch und philosophisch. Die Stimmung immer niederdrckend, der Protagoist immer im Zweifel mit sich - trotz Schwgerin als psych. Therapeutin. Etwas mehr "echten Lebensbezug" htte dem Buch gut getan.

Lieselotte Mittermeyer schrieb am 01.12.2016:

Ein wunderschnes, sehr beeindruckendes und berhrendes Buch. Verwunderlich, woher ein so junger Autor soviel Lebensweisheit hat. Teilweise war ich zu Trnen gerhrt. Sehr lesenswert.

Silvia Hfler schrieb am 11.02.2017:

Lange nicht mehr ein so beeindruckendes und berhrendes Buch gelesen.
Habe mitgelitten und mitgelacht, mich an der Ausdrucksweise und Wortwahl festgelesen.

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