Rezension zu »Milchmann« von Anna Burns

Milchmann

von


Im Nordirland der Siebzigerjahre, wo eine ganze Generation nichts anderes kennt als brutal und heimtückisch geführte Auseinandersetzungen und wo die Menschen sich in ihren jeweiligen Vierteln und hasserfüllten, konservativen Weltanschauungen eingeigelt haben, wird eine junge Frau von einem älteren Mann bedrängt. Sie weiß sich abzusetzen.
Belletristik · Tropen · · 452 S. · ISBN 9783608504682
Sprache: de · Herkunft: gb

Leben im Sumpf

Rezension vom 17.08.2020 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Anna Burns hat seit 2001 drei Bücher geschrieben, die kaum beachtet wurden. Für ihren vierten Roman erhielt sie 2018 über­raschender­weise die wich­tigste britische Literatur­auszeich­nung, den Man Booker Prize, und seither über­schlagen sich Kritiker mit Lobes­hymnen. Weite Teile des Lese­publi­kums finden »Milkman« Anna Burns: »Milkman« bei Amazon hingegen zäh­flüssig, geküns­telt, unver­ständlich. Um es gleich vorweg­zuneh­men: Berech­tigt sind die Einwände ebenso wie die anerken­nenden Worte.

»Milchmann« (von Anna-Nina Kroll ins Deutsche übersetzt) wirft uns in eine surreal und herme­tisch erschei­nende Welt, die zu verorten uns Nicht-Briten schwer fällt. Personen und Schau­plätze tragen keine Namen, sondern nur Etiketten, die Eigen­arten oder Funk­tionen benennen: »Atomjunge«, »Tabletten­mädchen«, »Viel­leicht-Freund«, »Chefkoch«, »Themen­frauen«, »das Land auf der anderen Seite der Grenze«, »das Land auf der anderen Seite der See«. Die Bevöl­kerung ist in sich tief gespalten. Was »Wir« und »Die« trennt, ist die Religion (»deren« und »unsere«) sowie die damit ver­knüpfte politi­sche Glaubens­richtung. Beides definiert das Leben des Einzelnen vom Wohnort (»unsere Seite der Haupt­Straße« – »die auf der anderen Seite der Haupt­Straße«) über das Fernseh­programm (Wer eine »falsche« Sendung ein­schaltet, verrät die eigene Sache.) bis zum Einkauf: »Es gab die richtige Butter. Die falsche Butter. Den Treue-Tee. Den Verräter-Tee. Überall und mit allem, was man tat, gab man ein politi­sches State­ment ab, ob man wollte oder nicht.« Ständig begegnet man Kontrol­leuren, Volks­zählern, Sicher­heits­kräften, Polizei, Armee und Para­militärs. Jeder bespit­zelt jeden. Die Über­wachung ist rigoros und konse­quent. Bei Vergehen ordnet ein Wort­führer oder eine improvi­sierte Gerichts­verhand­lung rasch eine Sanktion an, weswegen man überall »Leute mit blauen Augen, Bluter­güssen und fehlenden Fingern « sieht. Übleren Verrätern drohen mittel­alter­liche Strafen (»Prügel, Brand­markun­gen, Teeren und Federn«), wenn nicht der Tod.

Die allgemeine Intoleranz und Feindseligkeit, das grund­sätz­liche Miss­trauen, die Abwesen­heit allseits akzep­tierter Instanzen, die Gefahr, jederzeit willkür­lich festge­nommen, verletzt oder getötet zu werden, hat die Gesell­schaft zermürbt, atomi­siert und verun­sichert, so dass der Einzelne sich nicht einmal innerhalb der eigenen Gruppe sicher fühlen darf. Dennoch finden alle die irrwit­zigen Lebens­bedin­gungen normal, denn sie kennen nichts anderes und wollen nichts anderes kennen­lernen.

Aha, eine Dystopie. Vielleicht eine Art Hoch­rechnung, was aus unseren Demo­kratien in nicht allzu ferner Zukunft werden kann, wenn all die populis­tischen Strö­mungen ihr gesell­schaft­liches Zerset­zungs­werk erfolg­reich fort­führen können? Wenn jedes Grüppchen sich kommod in seiner Blase aus Richtig und Falsch einnistet und jegliche Inbetrieb­nahme des eigenen Gehirns, jede Bemühung, eine andere Sicht­weise auch nur zu verstehen, als Ver­brechen geahndet wird?

Nein, eine warnende Zukunfts­projektion hat die Autorin (1962 in Belfast geboren) nicht im Sinn. Sie bewältigt vielmehr eine (auch ihre) konkrete Vergan­genheit. Jeder Brite entnimmt dem Text prob­lemlos, dass die Handlung im Nord­irland der Siebziger­jahre spielt. Diese Provinz war nach der Gründung der Republik Irland in den Zwan­zigern beim Verei­nigten König­reich verblie­ben. Im Wesent­lichen stehen sich bis heute die protestan­tischen Unio­nisten (die für den Verbleib im UK kämpfen) und die katho­lischen Republi­kaner (die den Anschluss an Irland befür­worten) unver­söhnlich gegen­über, und oben­drein sind beide Parteien in unter­schied­lich radikale Gruppie­rungen zer­splittert. Das Gezerre um diese Provinz war in einen fragmen­tierten Bürger­krieg ausge­artet, dessen Verhär­tung und Bruta­lität für Außen­stehende kaum nachvoll­ziehbar ist. Man umschrieb ihn so verharm­losend wie schamvoll als »the Troubles«.

Sehr überzeugend verdeutlicht Anna Burns, die die Verhält­nisse aus eigenem Erleben kennt, wie das Milieu den Menschen prägt, in diesem Fall in seinem ideologi­schen Sumpf seiner Sinne beraubt, einengt, ein Leben lang gefangen hält. Die Autorin tut dies aus der Ich-Perspek­tive einer eigen­sinnigen katholi­schen Achtzehn­jährigen in Belfast, die sich einen Antrieb erhalten hat, den Kopf aus dem Dunkel ihres Habitats zu strecken, sich umzu­schauen, nachzu­denken. Auf Unter­stützung darf sie nicht hoffen, sie ist auf ihre Intelli­genz und Auto­didaktik ange­wiesen. Sie ist gern allein, joggt, liest ständig, selbst im Gehen (Romane des 19. Jahr­hun­derts – das 20. Jahr­hun­dert mag sie nicht), lernt Franzö­sisch.

Natürlich beargwöhnt ihr Umfeld das Verhalten der unso­zialen Außen­seiterin. Wo schon ein unbe­dachtes Lächeln an der falschen Stelle Verdacht erregt, leben Indivi­dualisten, die sich Frei­heiten heraus­nehmen, gefähr­lich. So findet es auch die Erzäh­lerin »einfacher, nicht aufzu­begehren«. Dem Kreislauf aus Gewalt und Gegen­gewalt, den überall lauernden Falsch­meldungen und Denunzia­tionen, der Paranoia ihrer Umwelt weicht sie aus, indem sie »am besten gar nichts war; am besten auch gar nichts dachte«. Nicht einmal ihren Namen erfahren wir, unter neun Geschwis­tern ist sie einfach die »Mittel­schwester«.

In den etwa zwei Monaten, die die erzählte Zeit umfasst, spielt sich eine schlichte Handlung ab. Hinter­grund sind die erztra­ditio­nellen Geschlech­terrollen in diesem »Ich Mann, du Frau«-Gebiet. Starke Männer demons­trieren ihre Macht, indem sie sich allerlei über­griffige Frei­heiten heraus­nehmen. Miss­brauch und Abtrei­bungen sind an der Tages­ordnung. Mädchen haben stillzu­halten, »mit sechzehn zu heiraten, ab siebzehn Babys zu kriegen und sich mit zwanzig zum Sterben vor den Fernseher auf die Couch zu setzen«. Ein fast fünfund­zwanzig Jahre älterer, verhei­rateter Mann von Einfluss im politi­schen Kampf (der viel­leicht Spreng­stoff in Milch­kästen verteilt) stellt der jungen Ich-Erzäh­lerin nach. Er spricht sie ein paar Mal an, formu­liert forsch, als gehöre sie ihm, schüch­tert sie ein. Obwohl er sie nicht einmal berührt, verun­sichert und zermürbt sie sein Verhalten, und es bringt sie in Verruf. Selbst ihre Mutter glaubt jedem absurden Gerücht mehr als ihrer Tochter, und so wird sie in kürzester Zeit als Lügnerin, Hure, Terro­risten-Groupie abge­stempelt, ein schlech­tes Vorbild für ihre minder­jährigen Schwes­tern.

So weit, so gut. Zur Vermittlung all dieser Beobach­tungen, Erinne­rungen, Erleb­nisse und Über­legungen gibt die Autorin ihrer aufge­weckten, scharf­sinnigen, lustigen, unverwüst­lichen Protago­nistin eine origi­nelle, frische Sprache. Authen­tischer­weise schert sich »Mittel­schwester« nicht um traditio­nelle Ästhetik und Struk­turen, sondern plaudert drauflos, asso­ziativ springend, in endlosen Monologen, voller Reihungen und Redun­danzen (»gewaltige, schwere, drängende, satte, anste­ckende, Schwarze-Wolken-Krähen-Raben-Dohlen-haufen­weise-Särge-meter­tiefe-Kata­komben-zu-ihren-Gräbern-krie­chende-Skelette-klap­pernde-Knochen-Depres­sionen«). Ihr Ton ist nicht sonder­lich empa­thisch, eher fatalis­tisch, aber sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Dialoge finden wir selten, Witz und Esprit häufig. Viel­leicht gehört auch das Anonymi­sierungs- und Verrät­selungs­spiel (»falscher Milchmann« – »echter Milchmann«) zum intellek­tuellen Spaß. Es setzt gleich mit dem ersten Satz ein – »Der Tag, an dem Irgendwer McIrgend­was mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschie­ßen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb.«

Die ungewohnte Mixtur aus Stoff und Aufbereitung kann bei enga­giertem Lesen und hinrei­chenden Vorkennt­nissen verstö­rende Erkennt­nisse über Nord­irland und ein tieferes Ver­ständnis für die geschun­dene Region bewirken, steht ästheti­schem Vergnügen aber eher entgegen. Burns’ Thema und Anliegen verdienen Respekt, aber die Form konter­kariert die Absicht. Die verkompli­zierte Lektüre strengt an und verlangt Ausdauer.

Nie zuvor ging der Man Booker Prize nach Nordirland. Die Jury betont, dass weder #MeToo noch der Brexit ihre Wahl beein­flusst habe. Dennoch haben die Brexit-Querelen Nord­irlands bittere Zerris­senheit wieder ins Rampen­licht gerückt, denn wie seine Grenze zur Republik Irland (zukünftig eine Außen­grenze der EU) gestaltet werden soll, ist eines der am schwie­rigsten zu lösenden Probleme. Die Begründung des Jury-Vorsitzenden verweist jeden­falls in erster Linie auf die psycho­soziale Relevanz des Romans (»the daily violence of her world … the power of gossip and social pressure in a tight-knit community … put in the service of a relent­less campaign of indivi­dual sexual harass­ment … universal expe­rience of societies in crisis.«).

Sind Sie offen, experimentierfreudig und bereit, für eine innova­tive Leseer­fahrung unter Umständen Frustra­tionen (durch Lange­weile, Rätsel, schwer Verständ­liches) hinzu­nehmen? Dann stellen Sie sich ruhig der Heraus­forderung dieses Romans. Wenn Sie jetzt ver­schreckt sind, dann lassen Sie es lieber.


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