Rezension zu »Riccardino« von Andrea Camilleri

Riccardino

von


Montalbanos letzter Fall: Vor den Augen seiner engsten Freunde wird ein Mann niedergeschossen. Da er mit jeder von deren Ehefrauen intime Beziehungen pflegte, liegen genug Mordmotive auf der Hand. Aber das Netz ihrer Verbindungen ist aus strapazierfähigeren Fäden geknüpft, als es scheint. Zwei Kommissare und ein Autor machen sich auf die Suche nach dem Mörder.
Kriminalroman · Teil der Serie »Il commissario Montalbano« · Sellerio · · 292 S. · ISBN 9788838940750
Sprache: it · Herkunft: it

Ein starker Abgang

Rezension vom 16.08.2020 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Das ist keine Übertreibung: Kein anderes Buch wurde über Jahre mit so viel Spannung erwartet wie dieses – in Italien und bei den Fans des Commis­sario Montalb­ano in vielen anderen Ländern. Seit der Ankündi­gung 2005 ließen Verlag und Autor gelegent­lich mit viel Geschick erstaun­liche Details durch­sickern, ohne entschei­dende Geheim­nisse zu lüften. Ja, dies werde der letzte Krimi mit Salvo Montalb­ano sein, aber er werde weder sterben noch in Pension gehen. Wird er Livia endlich heiraten, oder trennen sich die beiden endlich? Boh. Schon seit Juni 2005 kann man das erste Kapitel im Internet lesen – mit einer witzigen Passage, die Spekula­tionen zulässt, wohin der erzähle­rische Hase laufen könnte. Mehr aber nicht.

Andrea Camilleri schrieb diesen Krimi 2004 bis 2005, als gerade Band 9 erschie­nen war (»La luna di carta« | »Die dunkle Wahrheit des Mondes«) und er dank des durch­schla­genden Erfolgs der Verfil­mungen mit Luca Zinga­retti ein Millionen­publikum erschlos­sen hatte. Seit Mai 1999 waren jährlich zwei, 2002 sogar vier neue Episoden ausge­strahlt worden, und für September 2005 waren zwei weitere Filme in der Produk­tion. Gleich­zeitig arbeitete der damals achtzig­jährige Viel­schreiber an Band 10 (»La vampa d’agosto« (2006) | »Die schwarze Seele des Sommers«), verfasste Erzäh­lungen und weitere Romane. Den fertig gestell­ten »Riccar­dino« aber hielt er zurück. Mit sicherem Gespür erkannte er, dass dessen einzig­artiges Konzept das Potenzial bereit­hielt, die gesamte Reihe irgend­wann einmal auf origi­nelle Weise abzu­schließen, seinem Autor aber bis dahin alle Gestal­tungs­frei­heiten zu lassen. So hinter­legte er das Manu­skript bei seinem Lieblings­verlag Sellerio (Palermo) mit der Maßgabe, dass es erst nach seinem Tod veröffent­licht werden dürfe.

Sonderausgabe (590 S.):
»Riccardino.
Seguito dalla prima
stesura del 2005
«
(2020, Verlag Sellerio)
Andrea Camilleri: »Riccardino. Seguito dalla prima stesura del 2005« auf Bücher Rezensionen
Andrea Camilleri: »Riccardino. Seguito dalla prima stesura del 2005« bei Amazon

Elf Jahre später waren fünfzehn weitere Montalb­ano-Bände erschie­nen, und Camilleri (jetzt 91) erblin­dete. Dessen unge­achtet produ­zierte er unver­mindert neue Bücher, nahm sich aber auch »Riccar­dino« noch einmal vor. Den Titel, ursprüng­lich nur ein Arbeits­titel, hatte er inzwi­schen liebge­wonnen und behielt ihn bei, wiewohl er vom gewohnten Vier-Wort-Schema – ein Marken­zeichen – abweicht (wie ja bereits »Il metodo Cata­lanotti«, 2018). Inhalt­lich änderte er nichts, etliche Formulie­rungen glättete er, aber systema­tisch vereinheit­lichte er die Sprache bzw. deren Schreib­weise (sein »Vigatese«, eine von ihm über die Jahre entwi­ckelte Variante des Sizilia­nischen), und er fügte gut zehn Prozent mehr Absätze ein (eine Kon­zession an abneh­mende Konzen­trations­spannen?). So konnte Sellerio den offizi­ellen Abschluss­band seiner erfolg­reichs­ten Reihe genau ein Jahr nach dem Tod des Autors auf den Markt bringen, sogar einschließ­lich einer zusätz­lichen Hard­cover-Sonder­ausgabe, die die beiden Versionen von 2005 und 2016 zum Vergleich enthält und trotz fünf Euro Mehrpreis überwäl­tigenden Zuspruch findet. Der letzte »Montalb­ano« wird das jedoch kaum sein: Angeblich hat Camilleri noch etliche Werke bei Sellerio hinter­lassen.

Worum geht es? Spoilern wäre bei diesem Buch besonders gemein, aber vieles kann erläutert werden, ohne den Lese­genuss des reich­haltigen, stimmigen Romans und seines würdigen Konzepts zu mindern.

Die Handlung ist auf weiten Strecken ein raffi­niertes Kammer­spiel um vier Männer, die seit Kindes­beinen so eng befreun­det sind, dass sie als »i quattro muschitteri« gelten. Drei von ihnen haben sogar die Schwes­tern ihrer Freunde gehei­ratet. Eines sehr frühen November­morgens wird einer, der Bank­direktor Riccardo Lopresti, genannt Riccar­dino, am Treff­punkt zu einem der häufigen Männer­ausflüge von einem heran­preschen­den Motorrad­fahrer erschos­sen. Commis­sario Montalb­ano wird auf eine Weise in den Fall ver­wickelt, die zunächst allzu kon­struiert wirkt, bis man sich auf den Kunst­griff des leicht ironi­schen Denk­spiels, das sich selbst nicht zu ernst zu nehmen scheint, einlässt. Zunächst hievt kein politi­sches, kein soziales Anliegen das, was geschieht, auf eine höhere Ebene als die des Schach­bretts der Ermitt­lungen. Sie werden allein von Montalb­ano und seinem tüchtigen Kärrner Fazio getragen, denn Mimì Augello ist in Familien­urlaub. Doch später kommen weitere Kreise ins Spiel, wie »Sò Cillenza il pispico di Montelusa« und der sotto­segre­tario alla Giustizia Arturo Sacco­manno. Mit Geistes­schärfe, Freude am Spiel und betont trans­parent ent­schlüs­selt Salvo Montalb­ano ihre Interes­sen und deckt verbor­gene Hinter­gründe auf, kann aber nicht verhin­dern, dass ein weiterer Mord geschieht.

Wie in den besten Krimis der Reihe ist die Erzählung gewürzt mit einer Fülle literari­scher Verweise, Zitate, Anspie­lungen. Die Liste der referier­ten Autoren reicht von Homer über Piran­dello und Umberto Eco bis Camilleri. Origi­nelle Formulie­rungen (»zigghizagghi«, »zarazabara«), witzige Rede­wendungen (»Sulo pirchì Toti aviva fatto troppo scarmazzo piscianno fora dal rinale?«) und Sprich­wörter (»Sàvuta ‘u trunzu e va ‘n culu all’ortulanu.«) sorgen ebenso für Kurzweil wie kauzige Neben­figuren mitten aus der siziliani­schen Folklore, die in den Verfil­mungen oft als komödian­tische High­lights brillie­ren. Hier gibt die vollreife signorina Tina Macca, »fìmmina di spic­chiata onistà«, dem capitano (Montalb­ano) wertvolle Hinweise über nächt­liche Aktivi­täten in ihrer Nachbar­schaft. Ihren Lebens­unterhalt verdient sie als »chiaromante chiaroviggenti«. »A prezzi modici« eröffnet sie jedem Kunden »il vostro passato il vostro prisenti il vostro futuro e tutto quello che voliti sapiri«. Ihr Herz und ihr üppig ausge­statteter Körper aber gehört dem Nachbarn »signuri Nicotera Filippo che è un santo cristiano che fa l’idralicco«.

Montalbano-Statue in Porto Empedocle
In Camilleris Geburtsort Porto
Empedocle wurde 2009 eine
Statue aufgestellt, mit der der
Bildhauer Giuseppe Agnello die
Vorstellungen Andrea Camilleris
von seinem Protagonisten
nachempfunden haben soll.

Der Matchball dieses Romans kommt freilich gleich am Anfang ins Spiel. Als Salvo am Tatort erscheint, bejubeln die versam­melten Schau­lustigen seine Ankunft. Manche aber sind ent­täuscht, dass es bloß der echte Kommissar ist und nicht der aus dem Fernsehen (»Talè! Talè! ‘U commis­sariu arrivò!« »Montalb­ano è!« »Cu? Montal­banu? Chiddro di la tile­visioni?« »No, chiddro veru.«). Was sich hier als witzige Episode ausnimmt, wird sich als Grund­thema durch den Roman ziehen und für den Protago­nisten zur finalen Heraus­forderung: Salvos Rivalität mit seinem TV-Alter-Ego. Von diesem Doppel­gänger, der ihm nicht einmal ähnlich sieht und zehn Jahre jünger ist, fühlt er sich auf unfaire Weise in den Hinter­grund gedrängt. Millionen lieben ihn, obwohl er doch alles vorge­geben bekommt und nichts selber leistet, während der wahre Montalb­ano seine Fälle mühselig selber lösen und große Verant­wortung tragen muss.

Vollends deprimierend wird Salvos Lage, als sich auch noch der Autor einmischt und mit ihm über den Fortgang der Ermitt­lungen disku­tiert. Er macht seinen Anspruch geltend, einen guten Roman zu schreiben, während Montalb­ano auf seinem Recht beharrt, sein Leben nach eigenen Vorstel­lungen zu leben. Das alles muss man jedoch selber gelesen und mit Salvo durch­litten haben. Wie der Artist auf dem Cover jongliert Camilleri souverän, genial und amüsant mit literari­schen Kate­gorien – Erzähl­situation, Fiktio­nalität, Perspek­tive, Hand­lungs­führung, Plot, Autor­schaft – und glänzt als ernst­zuneh­mender Schrift­steller nicht nur schlich­ter Unter­haltungs­litera­tur (»sono consi­derato uno scrittore di genere. Anzi, di genere di consumo. Tant’è vero che i miei libri si vendono macari nei super­mercati.« »… questa lotta col doppio non è cosa nuova, è stata contata e ricontata, ci hanno scritto sopra romanzi, macari belli, macari capo­lavori, Werfel, Jean Paul, Mau­passant, Poe«) .

Man kann gut nachvollziehen, dass ein inter­national berühmter Serien­held seinem Schöpfer zur Last werden kann. An ihm hängen große Erwar­tungen (›weiter so! bloß keine Experi­mente!‹), die Protago­nist und Autor ersticken können. Wie aber ihn loswerden? Einen Salvo Montalb­ano ins Alters­heim oder ins Leichen­schau­haus schicken? Unpassend und unvor­stellbar für seine Fans wie für Camilleri. Den Autor zu überleben setzt eine literari­sche Figur dem Risiko aus, dass ein anderer ihren Weg in anderem Sinne fort­schreibt – ebenfalls inakzep­tabel. Was Camilleri sich in »Riccar­dino« ausge­dacht hat, ist einzig­artig. Wie er das Schicksal seines Helden (dessen Geburts­tag er exakt 25 Jahre nach seinem eigenen fest­legte und der 2005 also 55 Jahre alt war) in seine Hände nahm, ehe es zu spät war, ist ein väter­licher Akt des Beschüt­zens.


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