Rezension zu »Alles was ich bin« von Anna Funder

Alles was ich bin

von


Belletristik · Fischer · · Gebunden · 432 S. · ISBN 9783100215116
Sprache: de · Herkunft: au

Solidarität und Verrat

Rezension vom 18.06.2014 · 6 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Bis heute hat Ruth es nicht verwunden, dass sie die Anzeichen nicht richtig ge­deu­tet hatte. Seitdem sie mit ihrem Ehemann Hans nach London emigriert war, hatte er sich verändert ...

Ruth Becker stammt aus einer oberschlesischen Fa­bri­kan­ten­fa­mi­lie. »In meiner Familie gab sich niemand je mit körperlicher Arbeit ab ...Wir gehörten zu Deutschlands aufgeklärten Juden, weltlich gebildet und preu­ßischer als die Preußen.« Hans Wesemann kommt dagegen aus einem Pastorenhaushalt. Sein Leben »war einerseits geprägt von der ehrlichen, praktischen Notwendigkeit körperlicher Arbeit und andererseits von ihrer absoluten Sinnlosigkeit angesichts der kommenden Apokalypse«. Während Ruths Eltern die Ver­bindung nicht gerne sehen, bedeutet sie für die junge Frau eine Befreiung von der Last der bürgerlichen Werte und der Privilegien, die ihr allein durch die Geburt zuteil wurden. Die Hochzeit feiert man im Kreis politisch engagierter Freunde (Sozialdemokraten) in Breslau.

Die kurze Phase der Weimarer Republik nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg ist in mancherlei Hinsicht eine Blütezeit. In der Weltstadt Berlin geht die Post ab. Die intellektuelle Bohème, zu der auch Hans und Ruth zählen, genießt die ›Goldenen Zwanziger‹. Doch im Land brodelt es. Das soziale Ungleichgewicht, Massenarbeitslosigkeit, Weltwirtschaftskrise, Inflation und eine schwach erscheinende Regierung lassen den Wunsch nach einem ›starken Mann‹ aufkommen, der wieder ›Ordnung schaffen‹ soll. Hitler und seine nationalsozialistischen Schlägertruppen setzen sich lärmend durch.

Hans Wesemann arbeitet als anerkannter Journalist bei der »Welt am Montag«. Seine satirischen Kolum­nen, anfangs noch voller Humor, werden mit Hitlers Aufstieg aggressiver und bissiger. Nachdem 1928 wäh­rend einer Hitler-Rede im Sportpalast das Mikrophon versagt hatte, ätzt Hans: »Da wurde die be­rühmte Brülltechnik des Großen Adolf geboren.« Besonders gern nimmt er den »unverkennbar semitisch aus­se­hen­den« Propagandaminister Goebbels aufs Korn. Der schlägt in der Parteizeitung »Der Angriff« drastisch zurück, dass »dieser edle Federheld die Provinz mit den Exkrementen seines kranken Gehirns« heim­su­che. Den Prozess gegen Wesemann wegen Verleumdung verliert Goebbels allerdings.

Doch nach Hitlers Machtergreifung, dem Reichstagsbrand und der Gleichschaltung der Presse im Frühjahr 1933 bleiben keine Spielräume mehr für kritischen Journalismus. Hans und Ruth verlassen Deutschland wie so viele andere Intellektuelle, Schriftsteller und Künstler (die »Emigrandezza«, witzelt man). In Lon­don füh­len sie sich sicher, doch politische Aktivitäten sind den Deutschen nicht gestattet. Scotland Yard über­wacht sie alle, und jegliche Agitation gegen Nazideutschland hat die Ausweisung zur Folge. Kein Wunder, dass der einst vielbeachtete Journalist Wesemann sich jetzt für nutzlos hält, sein Selbstwertgefühl verliert.

Ebenfalls nach London geflüchtet war Ruths Cousine Dora Fabian. Schon als vierzehnjährige Jungsozia­listin hatte sie 1915 vor den Krupp-Fabriktoren gegen die Rüstungsindustrie demonstriert, später war sie in der pazifistischen SPD-Abspaltung USPD aktiv und arbeitete schließlich im Untergrund an der Seite der sozialdemokratischen Journalistin Mathilde Wurm, um »die restliche Welt vor Hitlers Kriegsplänen zu war­nen«. Dora, eine Jüdin, verfügt über geheime Kontakte bis hinauf zu Informationsquellen in Deutsch­lands Machtzentrale. Ihrer Cousine Ruth vertraut sie, aber gegenüber Hans hegt sie Misstrauen.

Am 1. April 1935 werden Dora und Mathilde leblos nebeneinander im Bett aufgefunden. Die britische Un­ter­su­chungs­kom­mis­sion stellt einen Doppelsuizid fest. Diesem Befund widerspricht die australische Schrift­stel­le­rin Anna Funder (*1966) mit ihrem Roman »All that I am« Anna Funder: »All that I am« bei Amazon , den Reinhild Böhnke übersetzt hat. Nach ihrer Auffassung handelte es sich um eine geplante Verschwörungstat mit Drahtziehern aus Nazi­deutsch­land. Hans Wese­mann war demnach unter seiner Angst vor Ausweisung und in seiner verordneten Be­deu­tungs­lo­sig­keit (»Ich – bin – niemand.«) mürbe geworden, hatte sich kaufen lassen, war zum Verräter ge­wor­den.

Im Jahr 1985 lernt Anna Funder in Melbourne Ruth Blatt kennen. Zwischen der Schriftstellerin und der sech­zig Jahre älteren Zeitzeugin (aus der im Roman die Protagonistin Ruth Becker wird) entwickelt sich ein reger Gedankenaustausch in persönlichen Gesprächen und Briefen. Dabei vertraut die einzige noch le­ben­de Person aus der Gruppe der im Ausland agierenden Widerständler des Naziregimes der Autorin ihre Le­bens­ge­schich­te an. Indem Anna Funder sie zu einem Roman aufbereitet, schenkt sie den in Vergessen­heit geratenen Helden ein neues Leben.

Die Ereignisse werden alternierend aus zwei Ich-Perspektiven erzählt: die der hinfälligen, leicht dementen Ruth Becker, die nach einem Sturz im Krankenhaus liegt und demnächst in eine palliative Betreuung ent­lassen wird, und die des deutschen Schriftstellers, Pazifisten und sozialistischen Revolutionärs Ernst Toller (1893-1939).

Als Kriegsfreiwilliger der ersten Stunde erlebt er das Grauen in den Schützengräben, kämpft tapfer, erlei­det im Mai 1916 einen vollständigen Zusammenbruch, wird 1917 als für den weiteren Kriegseinsatz un­tauglich befunden und wendet sich dann der Literatur und der Politik zu. In München lernt er die junge Dora Fabian kennen, die seine Sekretärin und Geliebte wird. In der Münchner Räterepublik (1918) spielt er eine we­sent­li­che Rolle, wofür er nach deren Niederschlagung eine fünfjährige Festungshaft verbüßen muss. Als Schrift­stel­ler vollzieht Ernst Toller eine bemerkenswerte Entwicklung vom expressionistischen Ideen- und Sta­tio­nen­dra­ma (»Die Wandlung«, 1919; »Masse Mensch«, 1920) zum modernen Avantgarde­theater der Wei­ma­rer Zeit (»Hoppla, wir leben!«, 1927).

Schon vor Hitlers Machtergreifung flüchtet der prominente Sozialist und Jude Toller nach London und emi­griert dann 1935 in die USA. Im Mai 1939 bewohnt er ein Zimmer im New Yorker Hotel Mayflower, das er, von Depressionen geplagt, ständig düster hält. Zusammen mit der Sekretärin Clara will er hier end­lich seine Lebensgeschichte »Eine Jugend in Deutschland« fortführen, die zu schreiben er sechs Jahre zu­vor ab­bre­chen musste. Er hat festgestellt, dass seine Memoiren »auf subtile, beschämende Weise selbst­ver­herr­li­chend« sind, indem er »jemanden ... nicht berücksichtigt« hat – Dora Fabian, »deren tapferer Tat ich die Rettung dieser Manuskripte verdanke« und »deren Leben traurig endete«. In der Ergänzung will er »Doras Stimme in meinem Ohr und ihren Geruch in der Nase« spüren, und »ich brauche das Präsens wie einen Zauber«, um »aus Dora keine schlechte Version ihrer selbst« werden zu lassen. Am 22. Mai 1939 aber erhängt sich Ernst Toller, ein tief enttäuschter Idealist.

Aus Tollers Autobiographie, die Ruth glücklicherweise noch zu Lebzeiten erreicht, und ihren eigenen Er­innerungen entsteht ein packender Roman, der tief in der Historie verwurzelt ist. Mutige Männer und eman­zi­pier­te Frauen folgten ihren Idealen einer friedlichen, gerechteren Welt und kämpften unermüdlich gegen Krieg und Totalitarismus. Ebenso beeindruckend ist, wie sie ohne Wenn und Aber füreinander ein­standen und dafür ihr Leben aufs Spiel zu setzen bereit waren. Umso schwerer wiegt, dass mancher, der ver­trau­ens­voll und geborgen in ihrer Mitte lebte, sie betrügen und verraten konnte.

Ernst Toller habe sich, so heißt es, »in völliger Verzweiflung über die Trägheit der demokratischen Welt« *) umgebracht. Seine Initiativen, die offizielle Politik gegen die totalitären europäi­schen Regime zu mo­bi­li­sie­ren, waren kläglich gescheitert. In Funders Roman wird auch das oft äußerst fragwürdige Manövrieren der Weltmächte nicht ausgespart: Großbritanniens appeasement-Strategie ver­schafft Hitler Zeit und An­er­ken­nung; die USA verbieten dem Flüchtlingsschiff ›St. Louis‹, in Havanna an­zulanden, verweigern den jü­di­schen Passagieren an Bord Einreisevisa und erzwingen die Umkehr des Schiffs nach Europa ...

Anna Funders »Alles was ich bin« ist ein weiterer Beleg dafür, dass uns das Schicksal längst in Vergessen­heit geratener Menschen tief berühren kann. Es bedarf nur begabter Autoren, ihnen wieder Leben einzu­hauchen.


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