Rezension zu »Il pittore« von Gino Marchitelli

Il pittore

von


Kriminalroman · Red Duck Edizioni · · 204 S. · ISBN B00I8CV4K2
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Apulien

Täter und Opfer im Salento

Rezension vom 16.06.2014 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Wie idyllisch dieser Roman beginnt! Das haben wir Touristen doch alle in bes­ter Erinnerung: Der Feri­en­jet gleitet im Landeanflug auf Bari oder Brindisi über »lo spettacolo della costa«; gleich nach der Lan­dung um­fängt uns der war­me Wind des Salento, wir holen den Mietwagen ab und fahren er­war­tungs­voll, heiter und glücklich unserem Quartier entgegen.

Die englische Familie, die am 6. April eintrifft, ahnt allerdings nicht, was sie erwartet. Beim Spielen am Strand von Penna Grossa – nördlich der Riserva Naturale WWF di Torre Guaceto – finden die Kinder hin­ter den Klippen die bereits vom Salzwasser angegriffene, übel zugerichtete Leiche einer nackten Frau …

Aus dem grauen, verregneten Norden Italiens sind Cristina Petruzzi und ihr Lebensgefährte Matteo Lo­renzi über die A14 hierher gefahren. Der commissario von der Squadra Mobile di Milano hatte einige Mo­nate zu­vor eine Mordserie in der Immobilienszene aufgeklärt, und die investigative Journalistin von Radio Popolare hatte ihm zur Seite gestanden. Im Verlauf der brisanten Ermittlungen war sie selbst entführt wor­den. Um sich von ihren Traumata zu erholen, hat der Arzt ihr eine zweiwöchige Auszeit verordnet, und er­freuli­cher­wei­se er­hiel­ten die beiden eine willkommene Einladung in den Salento, der auch für Italiener eine be­liebte Ur­laubs­re­gion ist.

Bei einem anderen Serienmordfall hatte Lorenzi mit De Stefano, dem maresciallo dei carabinieri von San Vito dei Normanni zusammengearbeitet; die dabei entstandene Freundschaft führte jetzt zu De Stefanos Einladung in sein Ferienhaus. Lorenzi hofft, Cristina nun die Schönheiten der Gegend zeigen zu können, die er selbst bei der gemeinsamen Arbeit mit dem Kollegen entdeckt hatte. Das Ferienhaus liegt in Santa Sabina am scoglio del cavallo – glasklares Wasser, Strandidylle, ein alter Wachtturm gegen die Sarazenen, wie sie entlang der ganzen apulischen Küste zu bestaunen sind: Der Autor beschreibt die Schauplätze und Wege dorthin so detailliert, dass wir sie im Urlaub aufsuchen könnten.

Das erste gemeinsame Abendessen in einem Strandlokal weckt bei den beiden Protagonisten an­ge­nehms­te Erwartungen auf einen liebevollen Aufenthalt. Im kleinen Hafen vor dem Restaurant schauen sie einem Maler über die Schulter: Olaf Jan Nielsen heißt der Siebzigjährige mit langen weißen Haaren und Bart; er stammt aus Kopenhagen und hat sich vor einigen Jahren hier in Carovigno und Ostuni nie­der­ge­las­sen. Am liebsten malt und fotografiert er die Fischerboote, die im Wasser dümpeln, und die Männer, die darauf arbeiten.

Doch aus der erhofften erholsamen Urlaubsromanze wird leider nichts. Auf dem Weg zum Strand von Torre Guaceto treffen Cristina und Matteo auf das Einsatzkommando, das das Schicksal der Wasserleiche un­ter­su­chen soll, und dank der persönlichen Beziehungen dürfen sie sich anschließen.

Während die Ermittler ihre Erkenntnisse sammeln, erfährt der Leser die ganze Geschichte des Ver­bre­chens, ja wir durchleben sie hautnah. Zwei Münchnerinnen waren Ende März ebenfalls in den Süden ge­reist, um ihre Sorgen zu vergessen. Leider sind sie in ihrer Unternehmungslust zu risikovergessen und ver­lieren die Kontrolle über sich selbst und die Ereignisse. Sie geraten an Männer, die wenig Respekt, wenig Skrupel und wenig zu verlieren haben, und was als Sex-Abenteuer beginnt, endet für eine der beiden Frauen in tödlicher Brutalität. Im Verlauf der Ereignisse, die der Tat folgen, kommt auch der völlig un­schul­di­ge dä­nische Maler um, und selbst Cristina gefährdet ihr Leben.

Dies ist ein eigenwilliges Buch mit ungewöhnlichen Eigenschaften.

Die Erzählweise des Krimis ist geradlinig, solide, ehrlich und ungekünstelt wie der Sprachstil und die di­rek­te, manch­mal recht platte Charakterisierung (»un bravo magistrato«; »Cristina comprende l'animo del commissario«; »la curiosità professionale viene prima della voglia di vacanza e riposo«). Täter- und Opfer­identitäten sind klar, alle Aktivitäten und Ereignisse werden sorgfältig begründet. Es kommt dem Autor nicht darauf an, den Fall zu verrätseln oder Whodunit-Spannung zu erzeugen, sondern aufzudecken, was die Täter zu ihren Taten führte, und vor allem die Mentalität und soziale Lage seiner Figuren auszu­leuchten.

Dazu hält der Erzähler ab und zu inne, reflektiert die Lage eines Protagonisten: Was empfindet er? Wie kam es zu dieser Situation? Das hat stilistisch etwas Altertümliches, schafft aber Ruhe zur Besinnung.

Nur will der Autor seinem Leser wohl nicht die ganze Interpretationsfreiheit zugestehen. Indem er Fotos und YouTube-Musik-Links beifügt, gibt er uns Vorlagen, die unsere eigene Fantasie eingrenzen. Teils um­fäng­liche Kommentare zur sozialen und politischen Lage des Landes interpretieren nicht nur das Verhalten der Protagonisten, sondern drängen auch uns zu einer bestimmten Weltsicht.

Der Roman ist durchdrungen vom Weltbild des Sozialismus italienischer Prägung (»cattocomunismo«), der klassenkämpferi­sche Theorien mit dem Glauben an eine bessere Welt im Jenseits, einen revolutionären Gestus mit der selbstverständlichen Akzeptanz traditioneller Autoritäten in der Familie, dem Ort und in der Kirche unter einem Hut vereinigt. Er präsentiert ein en­ga­gier­tes, ausführliches Menschenbild des Süd­italieners, und er atmet die Liebe des Autors zu Apulien. Diese Qualitäten sind es wohl, die die Jurys zweier Literaturpreise veranlassten, Gino Mar­chi­tel­li und seinem Buch besondere Anerkennungen aus­zusprechen: »Premio letterario internazionale ›Il Molinello‹ all’opera inedita 2013« im März 2014 und »Premio letterario nazionale ›La Provincia in Giallo‹« (eine Ini­tia­ti­ve zur Förderung von Krimiliteratur, die den Regionen ver­bun­den ist) im Mai 2014.

Die Themen, die Marchitelli in seinem Roman herausarbeitet, sind die schwere und schlecht entlohnte Ar­beit der Landbevölkerung, die schier hoffnungslose Arbeitslosigkeit außerhalb der drei Saisonmonate im Som­mer, die Perspektivlosigkeit der Jugend, die auf bequeme Abkürzungen zu schnellem Geld und schnellem Genuss ausweicht, während ihre braven Eltern vor lauter blinder Liebe zu ihren Söhnen deren Ängste nicht begreifen und am Verfall alter Werte verzweifeln. Aber sie alle sind zu hilflos und zu macht­los, um Än­de­run­gen herbeizuführen, und tief drinnen bremst sie alle die verbreitete Mentalität, dass es ohnehin besser ist zu schweigen und sich nur um seine eigenen An­ge­le­gen­hei­ten (»i cazzi suoi«) zu kümmern, als sich mit dem eigenen Kind zu überwerfen oder sich mit den Bullen einzulassen. Der Pro­ta­go­nist, in dem sich all dies bündelt, ist Tony, 24, genannt »der Dürre«. »Tony lu mazzu se ne fotte di tutto … dei genitori, dei carabinieri, del lavoro, della morale cor­rente, della fatica, della vita dei genitori e di una prospettiva fatta di sudore e lavoro duro. Tony utilizza sostanze, molte e di vario tipo … eppure mantiene un suo strano equilibrio che gli consente di riuscire a la­vorare, mas­che­ran­do la sua dipenden­za, con lo zio pescatore.«

Hinsichtlich der Frage nach den Verantwortlichen an der gesellschaftlichen Misere kann ein Krimiautor na­tür­lich nicht viel mehr bieten als ziem­lich pauschal Korruption und Verschwörung »dei potenti e dei politici di turno« anzuklagen – Phrasen, die man in Italien an jeder Ecke hört: »Che cazzo di sistema di merda. È tutto una scena, tutto finto, una grande, enor­me, recita all'aperto. Non c'è un teatro, non ci sono le sce­no­gra­fie, non c'è regia, o meglio c'è la regia nas­costa di un potere nemico di noi giovani. In ogni casa si recita un atto di questa commedia che i potenti, i ricchi, i politici ci fanno rappresentare da secoli. Cambiano gli attori ma lo spettacolo è sempre lo stesso, la guerra dei poveri e la guerra tra poveri. Gli unici che si di­ver­to­no sono loro, quelli che comandano, quelli che decidono.«

Indem der Autor die gesellschaftlichen Bedingungen offenlegt, die seine jugendlichen Protagonisten be­drängen, exkulpiert er seine Täter jedoch kei­nes­wegs. Unmissverständlich sieht er die letzte Verantwor­tung, die moralische Entscheidung zwischen Gut und Böse immer beim Einzelnen, so stark eingeengt des­sen Spielraum auch sein mag. Da sie noch keine ab­ge­brüh­ten, gelackten Profikriminellen sind, haben sie noch ein Gewissen, und an diese Instanz kann la mamma ebenso appellieren wie der väterliche Freund zi’ Egidio oder il prete, bei dem sogar einer wie Tony lu mazzu Zuflucht sucht. Aber auch die geistliche Tröstung er­öff­net keinen leichten Ausweg, sondern zwingt den jungen Mann, sich seiner Verantwortung als Mensch zu stellen: »Io non posso assolverti per quanto hai fatto, credo che il Signore ti abbia condotto fin qui per aiu­tar­ti a trovare la giusta strada … Solo dentro di te e con l’aiuto di Dio potrai trovare la forza per espiare la tua colpa. Ora vai a casa e rifletti sulla cosa più giusta da fare.«

Fazit: Die Verbrechen, von denen Marchitelli erzählt, bieten dem Leser nicht nur Spannung, sondern vor allem einen authentischen Blick in die Realität einer Gegend, die die Touristen wegen ihrer Naturschönheit gern verklären oder wegen der putzigen trulli zu einer Art Schlumpfland verniedlichen. Trotz kleiner Schwä­chen ist »Il pittore« eine originelle Lektüre für alle, die an Apuliens Ostküste mit ihrem herrlichen Meer und dem noch viel attraktiveren Hinterland Ferien machen, auf unterhaltsame Weise mehr über Land und Leute erfahren und ihr Italienisch aufpolieren möchten. Wenn Sie den Roman nicht in der Kindle-Ausgabe lesen wollen, wenden Sie sich einfach direkt an den Autor (www.ginomarchitelli.com). Übrigens ist »Il pittore« be­reits der dritte Krimi einer Serie über Cristina Petruzzi und Matteo Lorenzi (nach »Morte nel Trullo« Gino Marchitelli: »Morte nel Trullo« bei Amazon , 2012, und »Qvimera«, 2013); Teil vier soll im Oktober 2014 folgen.


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