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Rezension zu »Ein Jahr auf dem Land« von Anna Quindlen

Ein Jahr auf dem Land

von


Belletristik · DVA · · Gebunden · 320 S. · ISBN 9783421046666
Sprache: de · Herkunft: us

Kreative Auslagerung

Rezension vom 21.04.2016 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Rebecca Winter ist sechzig. Anstatt die Vorzüge des Ruhe­stands zu ge­nie­ßen, ist sie auf der Suche nach etwas, das ihr neue Orien­tie­rung, einen neuen Halt im Leben geben kann. Ihre aus Jahr­zehn­ten ver­traute Umge­bung – das mon­däne, quir­lige, gla­mou­röse Man­hat­tan – musste sie hinter sich lassen. Ihr nobles Apart­ment dort hat sie ver­mie­tet und ist aufs Land ge­zogen. Hier wohnt man viel bil­liger, muss sich aber auch damit zu­frie­den geben, dass das Häus­chen vom Erd­boden bis zum Dach marode ist, dass im Dorf nur der Tea Room Inter­net bietet und dass sich in der Nach­bar­schaft nicht Künstler und Intel­lek­tuelle tum­meln, sondern Wasch­bären gute Nacht sagen. All das nimmt Rebecca hin, immer in der Hoffnung, in ihrem Exil so viel Geld sparen zu können, dass sie sich mög­lichst bald die Heim­kehr nach New York leisten kann.

Ihre besten Jahre begannen, als Rebecca in ihre Drei­ßiger kam. 1982 wurde die junge Foto­grafin als jüngste Preis­träge­rin über­haupt mit dem J.P. Bradley-Preis aus­ge­zeich­net. Die New York Times druckte einen Bericht darüber, doch das Preis­geld war im Rück­blick eine lächer­licheSumme: tausend Dollar. Bald danach feierte Rebecca Erfolge ganz an­derer Dimen­sionen und schef­felte richtig Geld.

Mit sechsunddreißig ist Rebecca neben ihrer künst­leri­schen Tätig­keit auch Ehe­frau, Haus­frau und Mutter eines Klein­kindes. Für Peter, ihren Gemahl, nichts Beson­deres. Das biss­chen Haus­halt erledigt sich für ihn wie von Zau­ber­hand. Gern bringt er unan­gekün­digt Gäste zum Abend­essen mit und zieht sich danach zur wohl­ver­dienten Nacht­ruhe zurück, während Rebecca sich des Durch­ein­an­ders in der Küche an­nimmt. Kein Wunder, dass sie von ihrem Fa­milien­leben des­illusio­niert, wütend, ver­zwei­felt und erschöpft ist. In einem Moment tiefer Frus­tra­tion schlägt ihre große Stunde. Sie foto­grafiert einen Aus­schnitt des Chaos, das ihr nach einem Abend­essen wieder einmal zu treuen Händen hinter­lassen wurde.

Als sie das Bild unter dem Titel »Still­leben mit Brot­krümeln« (so lautet auch der Original­titel des Romans) in einer Aus­stel­lung prä­sen­tiert, ver­schlägt es ihr schier den Atem, was die Kriti­ker und die Medien damit an­stel­len. Sie sehen »eine entfernt flämisch anmu­tende Kom­posi­tion aus benutz­ten Wein­gläsern, gesta­pel­ten Tellern, den abge­risse­nen Resten zweier Ba­guette­stangen und einem Küchen­tuch, dessen eine Ecke von der Flamme des Gas­herds ein wenig ange­sengt war«. Vor allem aber erkennen sie die tiefere Bedeu­tung.

Im Wortteil »Still-«, so schreibt eine Theo­reti­kerin in ihrem Aufsatz, drückt sich aus, »wie sinn­ent­leert das Dasein der durch­schnitt­lichen ameri­kani­schen Haus­frau sei«. Die Brot­krümel seien eine wun­der­bare »An­spie­lung auf Hänsel und Gretel« – »eine Spur, um gefun­den, befreit und nicht bei leben­digem Leib ver­schlun­gen zu werden«. Die kühnen Inter­preta­tionen von immer mehr Kunst­kriti­kern und Essayis­ten zünden einen Hype um die »Küchen­tisch-Serie«, der Rebecca auf das Podest einer »femi­nis­ti­schen Ikone« hebt, zur Apolo­getin der ameri­kani­schen Haus­frau beför­dert. Mir nichts, dir nichts prangt das Foto lukra­tiv auf »Zeit­schrif­ten, Post­karten, T-Shirts, sogar als ironi­sche Wer­bung zum Mutter­tag« und wird schließ­lich als schlich­tes groß­forma­tiges Poster vermark­tet.

Der Rubel rollt. Jahrelang wirft das Kunst­werk Tantie­men ab, die einen feinen Lebens­stil im Jet Set, aus­giebi­ge Reisen in die Pro­vence und die Tos­kana und Peters Vor­liebe für edle Weine finan­zieren. Para­doxer­weise verspürt Rebecca mit dem stetig wach­sen­den Erfolg eine zu­neh­mende Un­sicher­heit in sich selbst. Peters un­einge­stan­dener Neid, seine zahl­reichen Seiten­sprünge und seine kaum ge­brems­ten Emo­tionen unter­minie­ren die ehe­lichen Be­ziehun­gen, bis sich die beiden schließ­lich scheiden lassen.

Auch der einstige Ruhm verblasst. Neue Ikonen nehmen Rebeccas Platz ein, die Leit­bilder wandeln sich immer rascher, ihre Fotos sind nicht mehr gefragt, das Ver­mögen schmilzt dahin. Gleich­zeitig muss sie neue Aus­gaben schul­tern. Sohn Ben ist zwar längst flügge, findet aber keine Arbeit und liegt der Mama auf der Tasche. Rebeccas Mutter leidet an Demenz und wird in einem Pflege­heim versorgt – noch ein teurer Posten, für den Rebecca auf­kom­men muss.

In dieser Phase des Umbruchs präsen­tiert uns Anna Quindlen ihre Pro­ta­go­nis­tin. Doch die lässt sich nicht unter­kriegen. Sie macht Wande­rungen rund ums Haus, ent­deckt neue Foto­motive, ein Hund läuft ihr zu. Täglich besucht sie den Tea Room, um dort ihre Mails ab­zuru­fen. In Sarah, der ge­schwät­zigen Be­sitze­rin, lernt sie eine treue An­hänge­rin kennen, die ihr voller Be­wun­de­rung ihre köst­lichen haus­ge­mach­ten Scones schenkt.

Für »the Artist For­mer­ly Known as Rebecca Winter« ist das Leben noch keines­wegs zu Ende. Wenn­gleich sie sich erst gar nicht mit dem ein­fachen Land­leben an­freun­den kann, findet sie doch bald neue Men­schen und neue Inhalte. Und natür­lich kommt ein neuer Mann ins Spiel. Wir lernen ihn gleich in der ersten Szene kennen. Da schreckt ein Gewehr­schuss die soeben Zuge­zo­gene mitten in der Nacht aus dem Schlaf. Jim Bates, Dach­decker und Jäger, hat einen Wasch­bären auf dem Dach aufs Korn ge­nom­men ...

Von solchen und vielen anderen Begeg­nun­gen, vom Älterwerden und vergänglichem Glück erzählt Anna Quindlen in ihrem char­man­ten Wohl­fühl­roman »Still life with bread crumbs« Anna Quindlen: »Still life with bread crumbs« bei Amazon , den Tanja Handels über­setzt hat. Es ist unter­halt­same, leichte Kost voll freund­licher Ironie, un­auf­dring­licher Lebens­klug­heit und ro­buster Ro­mantik.


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