Rezension zu »I Saw a Man« von Owen Sheers

I Saw a Man

von


Belletristik · DVA · · Gebunden · 304 S. · ISBN 9783421046697
Sprache: de · Herkunft: gb

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Vernetzte Schicksale

Rezension vom 17.04.2016 · 8 x als hilfreich bewertet mit 3 Kommentaren

London ächzt unter einer sommerlichen Hitze­welle. Die Fenster der Häuser im South Hill Drive sind ge­öff­net, damit der Durch­zug ein wenig Kühlung ver­schaf­fen möge. Michael Turner hat in seinem Garten gear­bei­tet, ehe er zu seinen Nach­barn hinüber geht und durch die Hinter­tür lauscht, ob jemand da sei. Kurz danach ereig­net sich »der Vorfall, der ihrer aller Leben verän­derte«.

Der zitierte Satz – der erste des Romans – setzt unser Kopfkino in Gang. Was zwischen Mord, Ent­füh­rung, Terro­rismus, Er­pres­sung und sons­tigen Übeln könnte uns erwarten? Derweil erfahren wir, dass Michael und die Haus­bewoh­ner bestens befreundet sind. Fast täglich geht er bei ihnen ein und aus, und deshalb er­laubt er sich wohl auch die Ver­trau­lich­keit, ohne Ein­ladung in das Haus ein­zu­treten. Etwas Böses scheint Michael nicht im Schilde zu führen.

Bis wir den Verlauf des fatalen Nachmittags ganz durch­schauen, lesen wir gut ein­hun­dert­fünf­zig Seiten. Während Michael ganz gelassen von Raum zu Raum schreitet und die Augen offen hält, breiten uns aus­führ­liche Rück­blenden die gesamte Vor­ge­schich­te der Prota­gonis­ten aus. Neben Michael, Josh, dessen Frau Samantha und ihren beiden Töchtern Lucy (4) und Rachel (7) stoßen wir über aller­lei Umwege auf weitere Perso­nen und Aktio­nen, die die ganze Welt um­spannen. Da steuert ein Major der US-Streit­kräfte aus einem Sicher­heits­labor heraus eine Drohne auf der anderen Seite des Globus, um in Afgha­nis­tan Terro­ris­ten zu bekämp­fen. In New York können sich zwei Brüder aus der Domi­nikani­schen Republik als Klein­krimi­nelle gerade so über Wasser halten.

Auf faszinierende, zunächst rätselhafte Weise sind die Schicksale all dieser Per­sonen mit­ein­ander vernetzt. Michael hat sich als freier Jour­nalist in London und New York bewährt, doch sein eigent­liches Ziel ist die Schrift­stelle­rei. Dazu hat er klare Vor­stellun­gen ent­wickelt: Er will Romane schreiben, die auf authen­ti­schen, intensiv recher­chierten Grund­lagen beruhen und sich stilis­tisch durch »die voll­stän­dige Tilgung des Autors aus dem Text« aus­zeich­nen. Als er auf die beiden Brüder aus der Domi­nikani­schen Republik trifft, erkennt er seine Chance, an einem Stoff zu ex­peri­men­tie­ren. Über Jahre begleitet er die ab­schüs­sige Vita der beiden und landet mit ihrer trau­rigen Ge­schich­te (»Brother­Hoods«) einen Best­seller. Über Zwi­schen­sta­tio­nen – ein respek­tables Cottage in Wales, eine kurze Ehe mit einer Kriegs­bericht­er­stat­terin – zieht er nach Hamp­stead Heath, um sich mit einem weiteren Buch­projekt abzu­lenken und seinem aus dem Ruder gelau­fenen Leben wieder Inhalt und Sinn zu geben.

Seine neuen Nachbarn, die Nelsons, nehmen den Witwer mit offenen Armen auf. Man speist, joggt und plauscht gemein­sam, Michael hilft im Garten und bei den Haus­auf­gaben, und all dies tut auch der ange­knacks­ten Beziehung der Nelsons gut. Als Broker bei Lehman Brothers führt Josh ein stres­siges Leben, garniert mit reich­lich Alkohol und amü­san­ten Frauen. Samantha ver­schließt vor dieser Reali­tät lange die Augen und müht sich, eine Fassade sorg­loser Heiter­keit auf­recht­zuer­hal­ten, bis ihr endlich einmal heftig der Kragen platzt. Mit der Banken­krise ist Josh seinen Job los, und die häus­liche Situa­tion wird noch an­ge­spann­ter.

Inzwischen tasten wir uns noch immer in der rätsel­haften Anfangs­szene voran, bis es irgend­wann heraus ist: Ohne dass Michael es be­ein­flus­sen kann, löst seine bloße An­wesen­heit »zur falschen Zeit am falschen Ort« ein schreck­liches Unglück aus. Wie eine Bombe im Erd­reich einen Krater hinter­lässt, in dem auf ein­mal die vagen Um­risse lange ver­schüt­te­ter Gegen­stände mehr zu er­ahnen als zu er­kennen sind, so werden durch die Tragödie Ge­scheh­nisse und Ge­heim­nisse in die Nähe des Tages­lichts ge­fördert, wo sie mancher gar nicht haben möchte.

Im Gegensatz zu uns Lesern wird für die Betei­ligten gar nichts klar. Sie sind vom Autor dazu ver­ur­teilt, weiter­hin im Dunkeln zu tappen, nicht hinter die Fassa­den ihrer Mit­spieler schauen zu können. Tat­säch­lich hat jeder sein Päck­chen an Ver­ant­wor­tung und Ver­sagen zu tragen, das es geraten sein lässt, zurück­hal­tend mit den Fakten umzu­gehen. Miss­trauen, Ver­dächti­gun­gen, Lügen bestim­men nun das vorher harmo­nisch er­schie­nene Mit­ein­ander. Die Person, die den Schlüssel zur Auf­lösung in der Hand hält, zaudert. Würde die Wahr­heit nicht nur die Qual der anderen ver­größern?

Ein Schriftsteller, ein Broker, ein US-Major. Jeder geht auf andere Weise mit der Schuld um, die er auf sich geladen hat. Aus dieser Kon­stel­lation ent­wickelt der Autor eine Handlung, die viele Rätsel bereit hält und immer wieder aufs Neue verblüfft. Meis­ter­lich hält er alle Fäden in der Hand, lässt seine Figuren phy­sisch und psy­chisch leiden und erzeugt eine Spannung, die man aus der üblichen Krimi­kost so nicht kennt.

Der Titel »I saw a Man« Owen Sheers: »I saw a Man« bei Amazon ist einem bekannten, vielfach zitierten und vari­ierten kurzen Gedicht ent­nom­men, das der ame­rikani­sche Schrift­steller Hughes Mearns 1899 verfasst hatte. Es spielt mit der Vor­stel­lung einer mys­teriö­sen Gestalt, die im Trep­pen­haus einer ver­wun­sche­nen Villa im kana­di­schen Anti­gonish (Nova Scotia) gespukt haben soll. Owen Sheers hat die erste Strophe seinem Roman voran­ge­stellt und betont damit von Anfang an das Ge­heim­nis­volle, Doppel­bödige seiner Erzäh­lung (die Thomas Mohr ins Deutsche über­setzt hat).

In der Tat ist es ein seltsames Puzzle, das uns der Autor zu­sam­men­fügen lässt. Wie üblich passen viele Episo­den­teil­chen ganz offen­kundig in eine mar­kante Lücke, ver­zah­nen sich mit­einan­der und er­gän­zen sich zu größe­ren Strängen. Aber wiegen Sie sich nicht zu früh in Sicher­heit. Wenn Sie am Schluss ein stim­mi­ges, über­zeu­gendes Gesamt­bild vor Augen haben, bleibt Ihnen gerade einmal ein Atem­zug, um das Er­geb­nis zufrieden zu betrachten – da fegt der Autor das gesamte Tableau mit einem kühnen Hand­streich hin­weg.


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Kommentare

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Zu »I Saw a Man« von Owen Sheers wurden 3 Kommentare verfasst:

Steffi Wieland schrieb am 28.04.2017:

Ekelhaft. Oberflächlich. Sexistisch. Bei Frauen geht's wieder nur um Sex. So respektlos, widerlich, traurig, dass es nur so oberflächliche, ekelhafte, sexistische Männer gibt! Widerliche Schlampen,von Liebe keine Ahnung. P.S. Total lahm, und so detailliert, dass man denkt, der hat ne Krankheit. Wie ein kranker, sexistischer.... Psychopath.

Monika Scheuch schrieb am 23.10.2017:

Ich habe noch nie so ein langweiliges Buch gelesen. Was ich noch nie machte, ich habe diagonal gelesen, um voran zu kommen und die Zusammenfügung zum Ende hat mich auch nicht vom Hocker gerissen. Es versprach spannend zu werden, aber zum Atmen bin ich ohne Probleme gekommen!

Walter Ast schrieb am 12.06.2018:

Zu den beiden Kommentaren kann ich nur sagen, die haben wohl ein anderes Buch gelesen. Wieso sexistisch? Wer soll eine Schlampe sein. Komplett daneben, der Kommentar von Frau Wieland.
Nun, ich habe auch mal Passagen übersprungen, die ich für unnötig erachtete. Trotzdem blieb eine Grundspannung erhalten. Ihr erster Satz, Frau Scheuch, ist maßlos übertrieben.

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