Rezension zu »Tony und Susan« von Austin Wright

Tony und Susan

von


Kriminalroman · Luchterhand · · Gebunden · 416 S. · ISBN 9783630873664
Sprache: de · Herkunft: us

Ein tragischer Absturz, intelligent gerahmt

Rezension vom 31.10.2012 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Ist er ein mieser Feigling? Hätte er das entsetzliche Verbrechen an seiner Frau Laura und Tochter Helen verhindern können, wenn er den drei Typen, die ihn auf dem Interstate Highway abdrängten, mehr Courage entgegengesetzt hätte? "Ab wann bedeutet Widerstandslosigkeit Selbstmord?" Diese Fragen lassen Mathematikprofessor Tony Hastings, 45, gebildet, zivilisiert und Pazifist, nicht mehr los.

Mit Frau und Tochter sitzt er im Auto. Dieses Mal wollten sie die Nacht durchfahren, um das Ferienhaus in Maine zu erreichen - eine Entscheidung mit tragischen Folgen. Erst werden sie von hinten angeblinkt, dann abgedrängt, schließlich ausgebremst. Tony kann nicht mehr ausweichen, er rammt den fremden Wagen. Doch die Jagd geht weiter. Während ihn seine beiden Damen mit widersprüchlichen Ratschlägen bombardieren ("Wir sollten anhalten ... Du kannst ... es der Polizei melden ... Fahr ihnen rein ... zeig's ihnen"), schwankt Tony in dieser eskalierenden Situation selbst zwischen Wut und Angst, und ihm schwant, worauf alles hinauslaufen könnte: "Die bringen uns um!"

Nachdem Tony angehalten hat, zwingen drei bedrohliche Typen alle auszusteigen. Erst geben sie sich sogar hilfsbereit, wechseln einen platten Reifen an Tonys Auto, doch dann wechselt der Ton, sie provozieren und demütigen Tony. Als er zu einer Polizeistation oder wenigstens zur nächsten Telefonzelle aufbrechen will, lassen die Männer dies nicht zu. Weiterfahren? Nur unter ihren Bedingungen, nämlich getrennt voneinander. Ehe Tony sich's versieht, ist das Auto mit seinen Liebsten davongebraust, und er "sah noch die schreckerfüllten Gesichter seiner Frau und seiner Tochter zu ihm herausstarren." Die beiden Frauen sind entführt und werden später auf brutale Weise getötet.

Diesen psychologisch dichten Kriminalroman hat Edward Sheffield geschrieben und ihm den Titel "Nachttiere" gegeben. Das Manuskript hält Susan Morrow, 49, in ihren Händen, denn Edward hat es ihr mit der Bitte um ihre kritische Stellungnahme zugesandt.

Damit hatte Susan nicht gerechnet. Sie ist eine genügsame Hausfrau, mit einem anerkannten Herzchirurgen verheiratet und erzieht drei Kinder. Edward gehört zur ersten, längst abgeschlossenen Hälfte ihres Lebensweges. Sie hatten schon im Sandkasten miteinander gespielt, später geheiratet. Edward wollte unbedingt Schriftsteller werden, zog sich zum Schreiben in die Einsamkeit zurück. Susan sollte mit ihrem kleinen Einkommen als Lehrerin am College für den gemeinsamen Lebensunterhalt sorgen. Aber das Modell war zum Scheitern verurteilt. Susan hatte Literaturwissenschaft studiert, war eine kompetente Kritikerin und wusste, dass Edward viel zu selbstverliebt war, um einsehen zu können, wie mittelmäßig er war. Und sie war stets offen zu ihm - zu offen vielleicht. Nach nur zwei Jahren wurden sie geschieden, und sie hörte nichts mehr von ihm.

Susan ist überrascht, dass er sich jetzt - zwanzig Jahre nach der Trennung - erneut ihrem Urteil stellen will, auch über das Selbstbewusstsein, mit dem er sich äußert: Er habe "viel dazugelernt, übers Schreiben und über die Menschen". Sie vermutet, dass mehr hinter Edwards Anliegen steckt, dass er sie auf irgendetwas hinweisen möchte. Zögerlich und doch erwartungsvoll - sowohl hinsichtlich der Qualität der Texte als auch hinsichtlich der Entwicklung, die Edward genommen haben mag - beginnt Susan die Lektüre der "Nachttiere" ...

So lesen wir zwei Romane in einem, durchleben den Thriller um Laura, Helen und Tony Hastings und erfahren parallel dazu, wie Susan die Geschichte kritisch rezipiert und den Autor, schließlich sich selbst dabei mitdenkt. Das ist eine ungewöhnliche, lohnende Leseerfahrung für uns, die wir sozusagen alles von der dritten Ebene aus verfolgen dürfen.

Tony, der Protagonist der Binnenstory, wird durch seinen nächtlichen Albtraum aus der Bahn geworfen, das Gewaltopfer gerät in eine existenziell bedrohliche Lebenssituation, findet kaum in seinen Alltag zurück. Immer wieder muss er anreisen, um mutmaßliche Täter zu identifizieren. Die Aufklärungsarbeit ist mühselig und aussichtslos - bis er ein Jahr später zu einer nicht minder schwerwiegenden Entscheidung gezwungen wird: Der ermittelnde Polizist Bobby Andes hat die Verbrecher aufgespürt und will auf seine Art für Gerechtigkeit sorgen. Doch Tony muss zum Mittäter werden, will er das Verbrechen an seiner Familie sühnen; andernfalls werden die Schuldigen mangels Beweisen freigelassen werden müssen. Und Andes fordert ihm in einem geschickten Frage- und Antwortspiel eine explizite Festlegung ab: "Wie weit sind Sie bereit zu gehen, damit der Gerechtigkeit Genüge getan wird?" ... "Sie meinen, das Gesetz beugen?" ... "Indem man sich zu seinem Werkzeug macht."

Bald läuft Tony auf: Auge in Auge mit den üblen Schurken in einem engen Camper, eine Pistole in seinen Händen, spürt er den Überdruck der potenziellen rohen Gewalt im Raum, den Sog der Rache, die Skrupel vor deren Ungesetzlichkeit, den Schauder vor sich selber. Tony ist eine tragische Figur: Der kopfgesteuerte Humanist versagt als Beschützer seiner kleinen Familie; nachdem der Dreck der primitiven Gegenspieler wie eine Klette an ihm haftet, wird er in eine Rolle getrieben, die ihm fremd ist; er verliert sich selbst und geht am Ende unter.

Susan, die fähige Leserin und Protagonistin des äußeren Handlungsverlaufs, der das Krimigeschehen immer wieder unterbricht, analysiert und hinterfragt dieses: Wie wird, wie soll es weitergehen? Welche stilistischen Mittel wendet Edward an? Daneben beobachtet sie sich selbst: wie sie sich der Spannung nicht entziehen kann; wie sie sich eingestehen muss, dass Edward gut schreiben kann. Während sie verfolgt, wie Tony in den Abgrund stürzt, gerät sie selbst in einen Strudel verunsichernder Gefühle und Überlegungen: Wo steht sie heute? Was hat sie aus ihrem Leben gemacht? Hat sie den Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben? Hat sie auf ihre Selbstverwirklichung verzichtet, um sich aufzuopfern für drei Kinder und einen Mann, der mit seiner Assistentin fremdgeht? Die Zeit für Veränderungen ist längst überfällig.

Der Autor Austin Wright (1922 - 2003) war Professor für Literaturwissenschaft und verstand sein Handwerk in Theorie und Praxis. Dieser Roman ist sein Meisterstück. Er hat es nicht nötig, das brutale Verbrechen zur Augenweide des Lesers zu machen. Die Täter sind von Anfang an bekannt, statt polizeilicher Recherche rückt die psychologische Studie des Protagonisten in den Mittelpunkt; gleichzeitig wird sie zum Gegenstand einer Außenbetrachtung und zum Anlass einer Selbstreflexion. Clever!

"Tony & Susan" erschien erstmals 1993 in den USA, fand höchste Anerkennung, wurde 2010 erneut herausgegeben und jetzt von Sabine Roth grandios neu übersetzt.


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