Rezension zu »Lügnerin« von Ayelet Gundar-Goshen

Lügnerin

von


Nachdem ein abgehalfterter Schlagersänger die siebzehnjährige Nuphar lautstark in Grund und Boden beleidigt hat, gewinnt das Leben des Mauerblümchens endlich an Glanz. Doch ihr Glück und sein Unglück gründen auf einer Lüge, und das Mädchen stürzt in tiefe Gewissenskonflikte.
Belletristik · Kein & Aber · · 336 S. · ISBN 9783036957661
Sprache: de · Herkunft: il

Lügen haben dicke Beine

Rezension vom 07.02.2018 · 6 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Sie begegnet uns täglich und in allen Bereichen: die Lüge. Sie hilft uns aus der Patsche, indem sie demjenigen, dem wir sie auftischen, vorgaukelt, dass alles in Ordnung sei. Sie verschafft uns einen Vorteil, indem sie den anderen betrügt. Sie hat einen schlechten Ruf, und trotzdem freuen wir uns alle, ab und zu auf sie zurück­greifen zu können. (Erstaun­licher­weise ist sie in letzter Zeit im öffent­lichen Leben hoffähig geworden. Immer mehr Leute jubeln, wenn sie belogen werden, dem Lügner zu, anstatt ihn zu ächten. Aber das ist eine andere Geschichte.) In Ayelet Gundar-Goshens neuem Roman lesen wir zweier­lei: Der Schaden, den eine Lüge anrichten kann, kennt keine Grenzen, und in gewissen Situatio­nen können sich Lügen wortlos ins Leben schleichen.

Ayelet Gundar-Goshen weiß, wie die menschliche Seele tickt. Das hat die praktizie­rende Psycho­login aus Tel Aviv schon in ihrem letzten (zweiten) Roman »Löwen wecken« [› Rezension] bewiesen. In allen Facetten kann sie offen­legen, wie und warum Menschen die Wahrheit ein bisschen zurecht­biegen und was das bei den Betrof­fenen bewirkt. Oben­drein kann die Autorin all das dank eines heraus­ragen­den schrift­stelleri­schen Talents in eine packende Handlung fassen und bewunderns­wert anspre­chend formulieren (was dank Helene Seidlers ausge­zeich­neter Überset­zung auch wir Deutsch­sprechen­den genießen können).

Die »Lügnerin« des Titels ist Nuphar Schalev, eine unauffällige Siebzehn­jährige von wenig attraktiver, leicht pumme­liger Gestalt. Vielleicht hätte sie kein so zaghaftes, verschlos­senes Wesen entwickelt, hätte sie nicht seit eh und je im Schatten ihrer jüngeren Schwester Maya gestanden: hübsch, anmutig und intelli­gent. Während Maya »durch liebliche Auen grünen Lichts« wandelt und nicht einmal die Verkehrs­ampeln sich ihr verwei­gern, »bewegte sich [Nuphar] in der Welt wie ein ungebe­tener Gast auf einem Fest«: Keiner beachtet sie.

Vielleicht wäre ihr Leben zwar nicht glücklich, so doch unschein­bar verlaufen, hätte sie nicht den Sommer­ferien­job in der Eisdiele angenom­men. In ihren Träumen würde aus einem der vielen Kunden dort der ersehnte Freund werden, doch in der Realität richtet sich kein einziges Augen­paar auf sie, und die einzige Berüh­rung, die ihr zuteil wird, kommt bei der flüch­tigen Heraus­gabe des Wechsel­geldes zustande.

Vielleicht wäre Nuphars Begegnung mit Avischai Milner so belang­los geblieben wie alle anderen Eisver­käufe, hätte sie nicht ihre Mittags­pause ein wenig überzogen. Avischai, in seinem Selbstbild noch immer der gefeierte Schlager­sänger, der er einst war, muss gerade eine SMS wegstecken, die ihm signali­siert, dass seine Zeit nun endgültig vorbei ist. Ein Eis kann besänftigen. Doch ein Stachel folgt dem nächsten. Niemand hinter der Theke. Eine Ewigkeit des Wartens. Dann erscheint ein igno­rantes Pummel­chen, das ihn nicht erkennt, nicht zuvorkom­mend bedient, sich gar erdreis­tet, seinen Satzbau zu korri­gieren. Die geballte Frustration des abge­takel­ten Promis spült den letzten Rest seiner Conte­nance hinweg und ergießt sich als Schwall übelster Vulgari­täten und Be­leidigun­gen (die zu zitieren die Höflich­keit der Rezen­sentin verbietet) über Nuphar.

Die junge Frau verliert jeden Halt. Dieser Fremde hat »ihr Wesen getötet«. Sie weiß: Er hat ihr nur um die Ohren gehauen, was wahr­schein­lich die ganze Welt von ihr denkt, aber taktvoll für sich behält. Kopflos rennt sie aus der Eisdiele und sucht Zuflucht im stinkenden Klohäus­chen auf dem Hof. Doch Avischai ist ihr nachge­rannt, reißt das Türchen auf, packt sie grob am Arm. Dass er ihr nur sein Wechsel­geld nach­tragen will, ahnt sie nicht, sie schreit um ihr Leben, schreit die Kränkungen, schreit die Ent­täuschun­gen dieses und aller vergan­genen Sommer aus sich heraus.

Der Lärm ruft nicht nur neugierige Anwohner auf den Plan, sondern auch eifrige Ordnungs­hüter. Sie nehmen Avischai in die Zange und befragen ihn, was er der minder­jähri­gen Eisverkäu­ferin angetan habe. Sein verzweifelt heraus­gebrüll­tes »Nichts« verhallt ungehört wie die Begründung, so ein »feistes Flusspferd« würde er nicht einmal mit einem Stock anrühren. Indes findet Nuphar Trost in den Armen einer blonden Soldatin, die dem verstörten, zitternden Mädchen tiefes Mitgefühl und beruhi­gende Worte schenkt. Alle Umste­henden meinen zu wissen, was sie sie fragt (»Hat er dich angefasst?«, was sonst?) und dass Nuphars Zucken und Schluchzen nichts anderes als »Ja« bedeuten kann. Und aus diesem schlüpfrigen Matsch sprießt am nächsten Morgen die omni­präsente Schlag­zeile »Versuchte Vergewal­tigung einer Minder­jährigen – Ex-Star verdächtigt«.

In allen Details breitet die Autorin das Wohlgefühl aus, mit dem sich Nuphar nun vom hässlichen Entlein zur »Medien­prinzes­sin« wandelt. Trotz garstiger Einwände, ob so ein schlichtes Geschöpf überhaupt Lust wecken könne, läuft die Story wie geschmiert. Nuphar wird (aufge­hübscht) von einer Show zur anderen weiterge­reicht. Ihre Klassen­kamera­den bewundern sie, und Maya, die ewig Schöne, ist stolz auf ihre Schwester.

Doch auch in den schwindelndsten Höhen ihres Egotrips erreichen Nuphar gewich­tige Fragen. Bald wird sie im Prozess gegen den verbalen Übel­täter, den sie bislang quasi passiv wie einen Vergewal­tiger aussehen ließ, aussagen müssen. Kann sie es wirklich verant­worten, vor Gericht Klartext zu lügen und den Mann dadurch für Jahre ins Gefängnis zu verbannen?

Natürlich möchte Nuphar, im Grunde eine ehrliche Haut, gern auf den Pfad der Wahrheit zurück­kehren. Doch wie? Längst hat sich die Lüge ver­selbst­stän­digt, weite Kreise gezogen. Meister­lich arbeitet die Autorin heraus, wie ihre Protago­nistin in ihrem inneren Zwiespalt laviert, wie sie ihre Geschichte irgend­wie hinbiegt, so dass sie der Realität nahe kommt, aber doch so fern bleibt, dass sie nicht den geballten Hass all derer entzündet, die sich getäuscht sähen.

Da betritt eine neue Figur die Bühne, ein Nachbarsjunge mit ähnlichem Schicksal wie Nuphar, der sich allerlei eigene Vorteile davon verspricht, wenn sie den Status Quo bestätigen würde. Und er hat Mittel, seinen Wünschen Nachdruck zu verleihen. Auf der anderen Seite zerrt die Mutter am Gewissen ihrer Tochter. Nie würde sie ihr eine so verhängnis­volle Lüge durch­gehen lassen. Kann Nuphar auf den wackligen Füßen ihres Selbst­bewusst­seins diesen Anstürmen stand­halten?

Von einer Lüge ähnlichen Kalibers lesen wir im zweiten Teil des Romans, während Nuphar und ihr Täter-Opfer sich noch weiter um die Wahr­heit quälen müssen. Ist Nuphar aller­dings in ihre Lüge nur hinein­geschlid­dert, so hat sich Raymonde, die zweite »Lügnerin«, höchst bewusst und kalku­liert für die ihre entschie­den. Die alte Dame ist im Senioren­heim mit einer Holocaust-Über­leben­den bekannt und schlüpft nach deren Tod in deren Identität. Sie gibt sich als »weise, gütige Schoa-Über­leben­de« aus, reist mit Schüler­gruppen zu den Vernich­tungs­lagern und erzählt Geschichten, die sie zuvor im Internet recher­chiert hat. Ausgerech­net ihr gesteht Nuphar ihre Lüge – und erhält dafür eine schwere Rüge.

Mit ihrem neuen Opus »Lügnerin« ist der israelischen Autorin wieder ein großer Wurf gelungen. Sie führt erneut ihre Charak­tere in schlimme Bedräng­nisse und schafft es, deren Nöte so zu gestal­ten, dass wir Leser hautnah mitleiden. Der ausrangierte Pop­künstler etwa verzweifelt nicht einfach über der bitteren Erkennt­nis, dass ihn niemand mehr sehen und hören will – er »verbrennt« darüber: »Das Feuer, das [seine früheren Fans] in Avischai Milner entzündet hatten, brannte lichter­loh. Es glühte auch jetzt im Dunkeln seiner Zelle.« Ayelet Gundar-Goshens Sprache ist niemals eintönig, sondern durchweg vielgestaltig, verspielt, poetisch (»Der Wind tanzte in den Zweigen des Orangen­baums, und die Zweige antwor­teten ihm mit anmutigen Verneigun­gen«), und sie macht süchtig nach mehr.


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