Rezension zu »Bleib bei mir« von Ayọ̀bámi Adébáyọ̀

Bleib bei mir

von


Eine dramatische, spannende und bewegende Erzählung aus Nigeria. Ein Paar bleibt ungewollt kinderlos, was in einer Gesellschaft, in der die Funktion einer Frau traditionell darin besteht, Nachwuchs zu gebären, fatale Folgen hat: nicht nur Enttäuschung, Verzweiflung und Trauer, sondern den Bruch der Beziehung, Verlust der Selbstachtung, sogar ein grausames Komplott.
Belletristik · Piper · · 352 S. · ISBN 9783492058902
Sprache: de · Herkunft: gb

Der Wert einer Frau

Rezension vom 12.02.2019 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Die Beziehung beginnt vielversprechend. Akin lernt die Mitstudentin Yejide bei einem Kinobesuch kennen, sie verlieben sich ineinander, heiraten bald. Abweichend von den Ge­pflogen­heiten des Landes und im Gegensatz zu ihren Eltern wollen sie eine monogame Ehe führen. Die beiden sind jung, auf­geschlos­sen, modern und können ein sorgen­freies, glückliches Leben erhoffen.

Doch aus den Traditionen und dem Wertekanon ihrer Gesell­schaft können sie sich nicht so einfach lösen. Sie werden reprä­sentiert von »Moomi«, Akins Mutter. Ihr Erst­gebore­ner, studierter Bank­ange­stell­ter, ist ihr Liebling und wohl­gerate­ner Vorzeige­sohn. Warum aber ist seine Ehefrau nach vier Ehejahren noch immer nicht schwanger geworden? Moomi setzt ihn unter Druck, erinnert ihn an seine Ver­antwor­tung, für Nachwuchs zu sorgen, schenkt auf einmal ihren bisher kaum beachteten jüngeren Söhnen mehr Auf­merksam­keit – sie sind nur einfache Handwerker, konnten aber problemlos jede Menge Kinder zeugen.

Wenn Yejide nicht schwanger wird, muss eine Zweitfrau her. Moomi schleppt eine Reihe Kandida­tinnen an, bis Akin sich für Funmi entscheidet. Er wählt sie nicht etwa, weil er sie mehr als Yejide lieben könnte, sondern weil sie sich auf die Absprache einlässt, nicht, wie es üblich wäre, in sein Haus einzuziehen, sondern ein paar Kilometer entfernt zu wohnen und pro Monat nur ein Wochenende mit ihm zu verbringen.

Das Arrangement belastet alle Beteiligten schwer. Selbst Akin schiebt über Monate berufliche Ver­pflichtun­gen vor, um seinen Besuchen bei Funmi zu entgehen. Die akzeptiert zwar Yejides Vorrang als erste Ehefrau, fordert aber nach geduldigem Abwarten auch ihre Rechte als Zweitfrau ein und will nun mit im Heim der Familie wohnen.

Dem größten Leidensdruck unterliegt Yejide. Seit Langem schon sieht sie sich offenen Vorhal­tungen ausgesetzt (»Frauen machen Kinder, und wenn du das nicht kannst, bist du nur ein Mann.«), denen sie mit ewigem Lächeln stand­zuhal­ten versucht, und muss sich gefallen lassen, wie sich Angehörige aus ihrer Viel­frauen­familie unglaublich direkt in ihr Intimleben einmischen. In ihrer wachsenden Verzweif­lung konsultiert sie Ärzte und Scharlatane, doch helfen kann ihr niemand. Der über­mäch­tige psychische Er­wartungs­druck, verbunden mit der Angst vor der Rivalin, führt zu einer Schein­schwanger­schaft.

Die nigerianische Autorin Ayọ̀bámi Adébáyọ̀, 1988 in Lagos (Nigeria) geboren, lässt die aufwühlende Bezie­hungsge­schichte aus den wechselnden Perspek­tiven der betroffenen Partner erzählen. Das verleiht jedem dieser Berichte große Authen­tizität und emotionale Kraft. Der Leser erlebt zum Beispiel hautnah mit, wie der Wunder­heiler ein in Tücher gehülltes Zicklein zum Säugen an ihre Brust legt, um ihre Em­pfänglich­keit zu stimulieren, oder wie sie trotz ihrer selbstbe­wusst und klug geführten Argumen­tation bei Diskus­sionen mit ihren Verwandten auf verlorenem Posten kämpft, weil sie uralte Traditionen und irratio­nalen Aberglauben gegen sich hat. Am Ende gewinnt sie nichts als weitere De­mütigun­gen, Ausgrenzung, schmerz­liche Einsamkeit und Selbst­zweifel.

Auch Akin wird zu Boden gedrückt und zerrissen. Die familiären und gesell­schaft­lichen Erwartungen lasten schwer auf ihm, ebenso die Sorge um die gemarterte Psyche seiner großen Liebe. Gleich­zeitig weicht er ihr aus, aus Furcht, bittere Wahrheiten könnten sie vollends zerbrechen, und sucht andere Auswege aus dem Dilemma seines Familien­lebens.

Die ergreifende Geschichte ist an dieser Stelle noch lange nicht zu Ende. Die Autorin führt sie mit schier unglaub­lichen Über­raschun­gen fort: Schicksals­schläge, Hoffnungen, die in Ka­tastro­phen umschlagen, Planungen, die tragisch durchkreuzt werden. Am Ende gibt es viele Opfer und keinen Gewinner.

Ayọ̀bámi Adébáyọ̀ hat mit »Stay with me« Ayọ̀bámi Adébáyọ̀: »Stay with me« bei Amazon einen höchst bemer­kens­werten Debütroman vorgelegt (den Maria Hummitzsch angemessen ins Deutsche übersetzt hat). Ohne jede Gefühls­duselei oder kitschige Über­spitzung gestaltet sie einen konflikt- und wendungs­reichen Plot, der den Leser wie ein Krimi packt, aber intensiv auf der emotionalen Ebene wirkt. Ängste, Nöte, Scham, Zerris­senheit, Ent­täuschun­gen, aber auch Unauf­richtig­keit bestimmen das Seelenleben der Protago­nisten, dessen Entwicklung die Autorin überzeugend und mitreißend heraus­arbeitet.

Als reizvoller Nebeneffekt bekommen wir Einblicke in den nigeria­nischen Alltag, lesen von den landes­typi­schen Mahlzeiten, der traditio­nellen Kleidung der Frauen und von ihrer Haartracht, den stundenlang liebevoll gefloch­tenen »Braids«. Die Handlung ist in den Achtziger­jahren angesiedelt, als das Land von einer Serie von Militär­dikta­turen zermürbt wurde. Die Gefahren, die der Bevölkerung aus der politischen Instabi­lität und Gewalt im Lande drohten, be­einflus­sen auch das Befinden der Roman­figuren. Ein Glossar erleichtert das Verstehen der Entwicklung.

Dieser rundum empfehlenswerte Debütroman wurde 2017 für den Baileys Women’s Prize for Fiction nominiert, von mehreren inter­nationa­len Feuilletons zu den besten Büchern des Jahres gezählt und in dreizehn Länder verkauft.


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