Rezension zu »Das Nest der Schlangen« von Andrea Camilleri

Das Nest der Schlangen

von


Als ein bei vielen angesehener Bürger auf merkwürdige Weise ermordet wird, muss sich commissario Montalbano mit der Familie und den Beziehungen des Opfers beschäftigen. Unter der Oberfläche einer gutbürgerlichen Existenz kommt er Geheimnissen auf die Spur, die aus gutem Grund verborgen bleiben sollten und die ihn schaudern lassen wie der Blick in eine Schlangengrube.
Kriminalroman · Teil der Serie »Il commissario Montalbano« · Bastei Lübbe · · 272 S. · ISBN 9783785726273
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Sizilien

Doppelmord an einem Scheusal

Rezension vom 09.02.2019 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Was für ein Mensch war Cosimo Barletta wirklich? Der Witwer, Vater zweier erwachsener Kinder, ging täglich seiner Arbeit nach, ließ sich nichts zu Schulden kommen und fiel nicht unangenehm auf. Nun ist er tot, und es stellt sich heraus, dass er eine sorgsam verborgene zweite Existenz geführt hatte: als skrupel­loser Geschäfte­macher und Kredithai und als nieder­trächti­ger Liebhaber junger Frauen, die er sich gefügig machte, indem er sie mit heimlich auf­genom­menen Fotos erpresste. Kein Wunder, dass es viele Menschen gibt, die diesem fiesen Typ nichts als den Tod wünschten. Zwei haben ihrem Wunsch eine Tat folgen lassen: Der Buchhalter Cosimo Barletta wurde umgebracht, und das gleich zwei Mal.

Originalausgabe:
»Un covo di vipere«
(2013, Verlag Sellerio)
Andrea Camilleri: »Un covo di vipere« auf Bücher Rezensionen
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Sein Sohn findet den toten Vater am Küchentisch seiner Villa am Meer sitzend. Jemand hat ihm in den Kopf geschossen, während er seinen caffè trank. Und dieser caffè war zuvor vergiftet worden. Auf der Suche nach den beiden Tätern öffnet sich dem commissario Salvo Montalbano ein weites Feld von Motiven: Hat eines der erpressten und miss­brauch­ten Mädchen oder einer der in den Ruin getriebenen Schuldner Rache genommen, oder stecken gar die eigenen Kinder, Arturo und Giovanna, dahinter? Je weiter die Ermitt­lungen voranschrei­ten, desto dunkler werden die Abgründe, die sich in der Familie Barletta auftun. Montalbano und sein Team bekommen es mit einer wahren Schlangen­grube zu tun, in der ihnen keine menschliche Grenz­überschrei­tung erspart bleibt.

Wie so oft erwacht Salvo Montalbano an dem spätsommerlichen Morgen, an dem ihn dieser Fall ereilt, unsanft aus einem üblen, rätsel­haften Traum. Mit Livia (seiner Dauerver­lobten aus dem fernen Genua) war er soeben durch einen Zauberwald geschritten, nackt wie Adam und Eva im Paradies. Allerdings trugen sie Feigen­blätter aus Plastik, die sie für einen Euro am Eingang erworben hatten, und überhaupt bemerkte Salvo, dass sie sich in dem Gemälde »Der Traum« von Henri Rousseau (1910) aufhielten. Und wie die dort in einem fantasti­schen Dschungel hinge­streckt träumende Yadwigha der Melodie einer Musette lauscht, überrascht Salvo der Gesang einer Nachtigall, die den Mina-Schlager »Il cielo in una stanza« tiriliert … Doch wer da pfeift, ist in Wirklich­keit ein Obdachloser, der vor dem herein­brechen­den Gewitter­sturm Schutz unter Montalbanos Terrasse sucht. Und der Mann ist auch kein einfacher Pennbruder, sondern ein eleganter Herr namens Sevastano mit feinen Manieren und geschlif­fener Ausdrucks­weise. Er wird Montalbano während der danach einsetzen­den Ermitt­lungen hilfreich begleiten.

Damit wissen erfahrene Montalbano-Leser schon, was sie in Folge 21 ihrer Krimi-Serie erwartet: Der fantasie­volle Traum gibt eine Art atmosphä­risches Leitmotiv vor, der mysteriöse Obdachlose liefert eine anrührende Neben­hand­lung, der Kommissar trifft bei seinen Verneh­mun­gen auf ein Spektrum siziliani­scher Figuren zwischen liebens­werten Käuzen und gemeinen Widerlingen, er stößt auf immer neue Über­raschun­gen im geheimen Leben des Unholds Barletta, und mit messer­scharfen Schluss­folgerun­gen und Intuition kommt er der Wahrheit auf die Spur. Für die Fleißarbeit im Detail ist der tüchtige Inspektor Fazio allzeit bereit (ohne dass sein Chef seine voraus­eilende freundliche Fürsorge zu schätzen wüsste), Stell­vertre­ter Mimì Augello wird für Sonder­aufga­ben eingesetzt, und Catarella hat es auch nach Jahren noch nicht gelernt, die einfachsten Neuigkeiten unver­stüm­melt an seinen Chef weiter­zurei­chen. Ach ja, Livia schaut auch mal wieder vorbei (nicht nur im Traum) und kompliziert Salvos Alltag. Die Liebe findet Salvo aber nicht nur in den Wirren seiner ewigen Fern­bezie­hung. Und noch stärker als sie beschäftigt den Grübler seine Einsamkeit.

Nichts wirklich Neues also in Vigàta? Kann denn noch etwas Über­raschen­des kommen von der über neunzig­jährigen siziliani­schen Institu­tion, die in schier unzähli­gen Romanen Bild und sogar die Sprache ihrer Heimatinsel im In- und Ausland geprägt hat wie kein zweiter Autor? (Seine Montalbano-Reihe hat für Popularität gesorgt, die anderen Bücher für Breite und Tiefgang.) Camilleri bedient sich in der Tat aus einem Baukasten von Ein­leitun­gen, Charakteren und Plot-Ideen; sein Repertoire von Szenen und Dialogen ist nicht unendlich. So wiederholt sich zweifellos das Strick­muster aus bissigen Wort­gefech­ten mit dem Gerichts­medizi­ner dottor Pasquano, aus Eifer­süchte­leien mit den Kollegen, aus Miss­verständ­nissen mit Livia, aus Standpauken vom vorge­setzten questore. Aber all dies ist bekannt wie unser Zuhause. Wie bei jeder Heimkehr sind wir gespannt, wie Salvo dieses Mal drauf ist, und freuen uns auf die feinen Variationen des Vertrauten, die jedes Mal neu gewürzt sind mit Fantasie, Witz und kulti­vierten Anspie­lungen auf Werke der Literatur, des Films, der Musik und der Malerei.

Und dann endet »Das Nest der Schlangen« (Übersetzer: Rita Seuß und Walter Kögler), Krimi und psycholo­gischer Roman zugleich, ganz anders, als anfangs zu erwarten war: tragisch, Mitleid erregend und voller Melancholie.

Im Nachwort (das Sie erst nach dem Roman lesen sollten, wenn Sie sich die volle Spannung auf den Ausgang erhalten wollen) erfahren wir übrigens, dass das Buch vor seiner Veröffent­lichung fünf Jahre in der Schublade lag (um Abwechslung zu schaffen). Geschadet hat das nichts.


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