Rezension zu »Das Mädchen mit dem Poesiealbum« von Bart van Es

Das Mädchen mit dem Poesiealbum

von


Eine niederländische Familie bewahrt ein jüdisches Mädchen vor der Deportation. Nach dem Krieg trennen sich ihre Wege vollständig. Ein Enkel ihrer Retter spürt sie als Achtzigjährige auf. Mit ihr erzählt er ihre Geschichte und wie sie mit der seiner Familie verquickt ist.
Biografie · Dumont · · 320 S. · ISBN 9783832198565
Sprache: de · Herkunft: gb

Das Leben im Versteck und danach

Rezension vom 08.05.2019 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Hesseliene de Jong aus Amsterdam ist achtzig Jahre alt, als sie ihrem Verwandten zum ersten Mal begegnet. Als sie ein Kind war, adoptierten seine Großeltern sie und zogen sie mit ihren eigenen drei Kindern groß, bis sie das Haus als junge Erwachsene verließ. Erst danach wurde Bart van Es geboren, ihr Neffe, den es später nach England verschlug. Da hatte er schon ver­schiedent­lich von »Lien« gehört, seiner Tante, die ein merkwür­diges Geheimnis umwehte. Er begann, sich auf ihre Spur zu begeben, machte sie ausfindig, besuchte sie, überzeugte sie, mit ihm zusam­menzu­arbei­ten, und so begann für beide eine gemeinsame Erkun­dungs­reise in die Geschichten ihrer Familien. Daraus entstand das vorliegende Buch: »The Cut Out Girl: A Story of War and Family, Lost and Found« Bart van Es: »The Cut Out Girl: A Story of War and Family, Lost and Found: The Costa Book of the Year 2018« bei Amazon. Es wurde 2018 in Groß­britan­nien zum Costa Book of the Year gewählt und in viele Sprachen übersetzt, ins Deutsche von Silvia Morawetz und Theresia Übelhör.

Erzählenswert ist Liens Geschichte, weil sie einen ganz ungewöhn­lichen, indivi­duellen Verlauf nahm, der den Biografen erst auf den Plan rief. Denn wie konnte es geschehen, dass ein fremdes kleines Mädchen erst in seiner Familie aufgenommen, ja adoptiert, später aber totge­schwiegen wird?

Hesseliene de Jong wurde 1934 in Den Haag geboren. Sie wächst unbeschwert auf, bis 1940 die deutsche Wehrmacht einmar­schiert. Zwei Jahre später hat sich die Lage der hollän­dischen Juden so verschlim­mert, dass die Eltern ihre Tochter, um sie in Sicherheit zu wissen, schweren Herzens wegzugeben beschließen. Ein Ehepaar, das Juden in seiner Arztpraxis versteckt, vermittelt Lien an die Arbeiter­familie van Es in Dordrecht. Dort trifft das Mädchen mit seinem Poesiealbum und einem persön­lichen Schreiben seiner Mutter ein: »Sorgen Sie für sie, als ob sie Ihr eigenes Kind wäre. Wenn Gott es will, werden wir alle uns nach dem Krieg glücklich wieder­vereint die Hand reichen.« Schnell lebt sich Lien bei der neuen Familie ein, schnell gewinnen alle sie lieb. Doch schon einige Monate später muss das Mädchen in ein sichereres Versteck auf dem Lande weiter­ziehen, und es wird weder seine letzte Unterkunft sein, noch wird es ihm im Folgenden wieder so gut ergehen.

Im Gegensatz zu ihren Eltern, die deportiert und umgebracht werden, überlebt Hesseliene de Jong die deutsche Besatzungs­zeit. 1945 kehrt die Elfjährige zur Familie van Es zurück und wird von ihnen adoptiert. (Zu jener Zeit wird der Vater des Autors geboren.) Später schlägt sie ihren eigenen Lebensweg ein, zieht weg, heiratet, bekommt Kinder, hält noch Verbindung mit ihren Dordrechter Eltern, als 1972 deren Enkel Bart geboren wird. Aber im Jahr 1988 bricht jeglicher Kontakt ab. Weder über die Vergan­genheit noch über die Gründe für den Bruch wird in der Familie gesprochen.

Bart van Es lässt dieser merkwürdige Lauf der Dinge keine Ruhe. Warum dieses Vertuschen, obwohl seine Großeltern doch Bewunderns­wertes, Vorbild­liches geleistet haben? Sie gehörten zu den vielen mutigen Nieder­ländern, die Juden schützten und vor der Deportation in die Todeslager bewahrten. 2014 beginnt er systema­tisch zu recher­chieren und findet seine Tante (die ihren Familien­namen niemals änderte) in Amsterdam. Eigentlich hat sie die dunklen Jahre während und nach der Nazi-Okkupation, in denen sie zusammen mit Barts Vater aufwuchs, verdrängt und will sie in den ihr verblei­benden Lebens­jahren ruhen lassen. Doch ihr Besucher erreicht auf behutsame Weise ihre Einwilli­gung zu seinem Projekt, mit ihm in ihre Vergan­genheit vorzu­dringen. Ihre Geschichte voller Glück, aber auch schmerz­voller seelischer Wunden, sagt er, sollte nicht verloren gehen.

Die alte Dame trägt alles zusammen, was in ihrem Besitz ist: Briefe, Dokumente, Fotografien und das Poesiealbum, in dem Vater Charles, Mutter Catharine und viele Schul­freun­dinnen der kleinen Lien in Schön­schrift »ein glückliches Leben voller Sonnen­schein« wünschen, Glanzbilder einkleben, liebevolle Zeichnungen anfertigen. All die hebräischen Schrift­zeichen und Namen sind freilich in dunkler Zeit verhäng­nisvolle Botschaften, dass die Familie jüdisch ist.

Etwa viertausend Kinder überlebten wie Lien in nieder­ländi­schen Verstecken. Nach dem Krieg kümmerte sich eine jüdische Organi­sation um sie. Die meisten mussten jetzt die entsetz­liche Gewissheit verkraften, dass ihre Familien verschleppt und getötet worden waren. Sollten sie nun zurück in ihren jüdischen Kulturkreis gebracht, noch lebenden Verwandten übergeben oder weiterhin den Pflege­eltern anvertraut bleiben, die sie unter großen Opfern und Gefahren beschützt hatten? Lien hatte schon seit dem Abschied von ihren Eltern gespürt, wie ihre Lieben für sie aufhörten, als reale Menschen zu existieren. Schließlich waren sie in ihrer Erinnerung völlig ausgelöscht. Dass sie sich die Eltern jetzt wieder vor Augen führen soll und ihr grausames Ende doku­mentiert bekommt, trauma­tisiert das Mädchen schwer.

Bart van Es sammelt und ordnet das umfangreiche Material, das Hesseliene de Jong ihm überlässt, und bereichert damit ihre detail­lierte Lebensge­schichte. Teils erzählt Lien selbst, was sie erlebte, teils ergänzt der Autor ihre Perspektive durch Erkennt­nisse aus seinen Recherchen, aus Gesprächen mit Zeitzeugen, aus Reportagen und Dokumenten, die er in Museen, Archiven und Biblio­theken studiert hat, etwa der Shoah Foundation der University of Southern California. Auch sein Vater Henk kann viele Erlebnisse aus den Kind­heits­jahren mit seiner Adoptiv­schwester beitragen.

Doch Liens Geschichte besteht nicht nur darin, dass sie dem Holocaust entging. Ebenso beein­druckend und wechselhaft ist der weitere Verlauf ihres Lebens, den sie ihrem anfänglich so fremden Partner anvertraut. Da erfährt der Autor, was seine eigene Familie so abrupt wie nachhaltig von Lien trennte. So viel darf angedeutet werden: Der Grund hat, anders als man leicht versucht sein könnte anzunehmen, nur indirekt mit Politik zu tun. (Die Sorge, dass sein Buch zu stark von dem allgegen­wärtigen Thema geprägt sein würde, dass er den vielen Büchern über den Krieg noch ein weiteres hinzufügen würde, hätte Bart van Es beinahe davon abgehalten, es zu verfassen. Doch die Zeitzeugin Lien lächelte seine Bedenken als unbegründet weg. Schließlich gebe es ja auch »so viele Lieder über die Liebe«.)

So liegt der Schwerpunkt des Buches über diese bemerkens­werte Frau vielmehr auf der persön­lichen Ebene, auf den Schicksalen, den Charakteren, ihren Erfahrungen, ihren Beziehungen, ihren Weichen­stellungen und den sich daraus ergebenden Konse­quenzen. Den zeit­geschicht­lichen Hintergrund bereitet Bart van Es sorgfältig und differen­ziert auf. Er verschweigt nicht, was in seinem Heimatland gern unter der Decke gehalten oder herunter­gespielt wird – die erschre­ckend hohe Vernichtungs­effizienz des Holocausts in den Nieder­landen, die große Zahl williger Kollabo­rateure, das Lavieren der Kirchen, auch das fragwürdige Verhalten der Kolonial­macht Niederlande im Jahr 1947 in Java. Er lässt aber auch nicht unerwähnt, dass in den Nieder­landen anteilig mehr Menschen als »Gerechte unter den Völkern« ausge­zeichnet wurden als in jedem anderen der im Krieg besetzten Länder.

Bart van Es, Professor für Englische Literatur am St Catherine's College in Oxford, hat zusammen mit Hesseliene de Jong aus den Bruch­stücken verdrängter Erinne­rungen das umfassende Bild eines dramati­schen Lebens rekons­truiert.


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