Rezension zu »Kindertotenlied« von Bernard Minier

Kindertotenlied

von


Thriller · Droemer · · Gebunden · 656 S. · ISBN 9783426199800
Sprache: de · Herkunft: fr

Kinderseelen vergessen nicht

Rezension vom 29.05.2014 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Die dröhnende Musik vom Nachbargrundstück hatte den alten Mann auf­merk­sam gemacht. Das vierstöcki­ge Haus der alleinstehenden jungen Frau war voll­stän­dig erleuchtet. Als er hinüberschaute, um den unge­wöhnlichen Um­stän­den auf den Grund zu gehen, entdeckte er einen jungen Mann, der mit ver­stör­tem Blick auf den Wasserspiegel des Pools starrte ... Dann verständigte er die Polizei.

Claire Diemar, 32, wurde ermordet, ihr Tod grausam inszeniert. Man hat sie in verrenkter Körperlage ge­fes­selt, eingepackt wie einen Kokon, und in ihrer Badewanne ertränkt. Aus ihrer Mundhöhle leuchtet eine Ta­schen­lam­pe. Wer sollte so etwas getan haben – und warum? Die junge Professorin an der Eli­te­uni­ver­si­tät von Marsac war allseits beliebt und geachtet. War es vielleicht ihr Schüler Hugo, der draußen apathisch am Be­cken­rand hockt? Sein Blick ist auf die Plastikpuppen geheftet, die vor ihm im Wasser treiben, die Augen reglos in den Himmel gerichtet.

Bald wird sich Chef Commandant Martin Servaz von der Kripo Toulouse mit diesen Fragen beschäftigen müs­sen. Doch vorerst schaut sich der Ein­und­vier­zig­jäh­ri­ge mit seinem Ermittlerteam das WM-Spiel Uru­guay-Frankreich an. Allerdings sitzt er nur seinen Kollegen zuliebe in der Bar vor dem Fernsehschirm; er tut nur so, als sei er anwesend, denn Fußball interessiert ihn gar nicht. In Wirklichkeit hängen seine Ge­danken einem ungelösten Fall nach, der ihn niemals losgelassen hat.

Julian Alois Hirtmann war ein angesehener Staatsanwalt in Genf, bis er im Jahre 2004 verhaftet wurde. Er hatte seine Frau und deren Liebhaber getötet, doch im Laufe der Ermittlungen konnten ihm mehr als vier­zig wei­te­re Morde, dazu Entführung und Folter nachgewiesen werden. Nun ist der Fünf­und­vier­zig­jäh­ri­ge schon seit acht­zehn Monaten auf der Flucht.

Bevor Hirtmann sich völlig in Luft auflöste, hatte Martin Servaz ihn im Dezember 2008 aufgesucht. Die Psy­chia­trie, abgelegen in den Bergen, war überwacht wie ein Hochsicherheitsgefängnis. Zu seinem Leid­wesen stellte Servaz damals fest, dass ihn mit diesem Psychopathen auf der anderen Seite des Gesetzes eine Lei­den­schaft verbindet: Beide lieben die Musik von Gustav Mahler, dem Komponisten der »Kin­der­to­ten­lie­der« (Vertonungen von Gedichten von Friedrich Rückert).

Martin Servaz ist für den Fall Hirtmann immer noch verantwortlich; er muss ihn schnellstmöglich auffin­den und in Gewahrsam nehmen, ehe er seinem Jagdinstinkt freien Lauf lässt und seine perversen Neigun­gen wieder befriedigen kann.

Der Mordfall in Marsac erreicht Servaz am Telefon. Marianne, eine Ex-Freundin aus Studienzeiten, be­rich­tet mit verzweifelter Stimme, dass die Polizei ihren einzigen Sohn Hugo unter Mordverdacht fest­ge­nom­men habe; sie bittet Servaz, nach Marsac zu kommen, um zu helfen, Hugos Unschuld zu beweisen.

Zwanzig Jahre lang hatte Servaz nichts mehr von Marianne gehört. Damals beendete sie ihre Liebesbezie­hung unvermittelt und aus für ihn unverständlichen Gründen. Später heiratete sie einen anderen und gebar ihren Sohn Hugo.

Bald ist Martin Servaz in mehrfacher Hinsicht direkt in den Fall Diemar involviert. Seine achtzehnjährige Tochter Margot, intelligent, zurückhaltend und ebenfalls Studentin in Marsac, kennt Hugo persönlich, steht aber als Punkerin seiner angesagten Clique fern.

Als Servaz den Verdächtigen erstmals befragt, kann der junge Mann sich an nichts erinnern, außer dass er mit seinen Kumpeln in einer In-Kneipe war, die er am späten Abend allein verließ. Hatte man ihm Drogen eingeflößt?

Die Spurensicherung findet Hugos Fingerabdrücke überall in Madame Diemars Haus; er muss oft ihr Gast gewesen sein. Auf der Stereoanlage liegt die leere CD-Hülle der »Kindertotenlieder« – die hatte Hirtmann in der Nacht aufgelegt, als er den Doppelmord beging. Treibt womöglich der flüchtige Massenmörder ein brutales Spiel mit dem Kommissar? Dann muss der um das Leben seiner Tochter fürchten. Seine Kollegen überwachen sie von nun an rund um die Uhr.

Doch Servaz muss noch anderen Hinweisen folgen. Madame Diemar bevorzugte Männerbekanntschaften ohne Verpflichtungen und hatte auch mit Hugo ein Verhältnis. Hat vielleicht ein eifersüchtiger Nebenbuh­ler sie umgebracht und zur Ablenkung eine falsche Spur zu Hirtmann gelegt?

Genauso undurchsichtig, wie sich Kommissar Servaz' Ermittlungen entwickeln, gestaltet Bernard Minier sei­nen Thriller. Ständig wechselt die Perspektive, ein Neben-Plot folgt dem nächsten. Manche präsentieren in­ter­es­san­te Figuren, die in ihrer individuellen Extravaganz im Gedächtnis bleiben, wie zum Beispiel die les­bi­sche Kripobeamtin Irène Ziegler, die man nach einem »Alleingang« disziplinarisch nicht belangt, aber aufs Abstellgleis am Landgericht für Bagatellfälle rangiert hat. Andere Episoden schrecken mit Grausam­keit, wie­der andere wirken konstruiert, sind schlicht langweilig oder zu peripher, wie etwa die aufwändige Ge­schich­te um den Migranten Drissa, der sich im Auftrag eines Privatdetektivs in Servaz' Computer ha­cken soll. Viel erfahren wir aus dem Privatleben der Protagonisten, auch über die Vergangenheit des Kom­mis­sars, der seit seiner Kindheit eine traumatische Belastung mit sich herumträgt, die seine Liebes- und Bin­dungs­fä­hig­keit nahezu zerstört hat. Dass Marianne, seine große Liebe, mit ihm und den Geistern sei­ner Ver­gan­gen­heit nicht zusammenleben konnte, verwundert nicht.

Bis zum Schluss löst der Autor die Rätsel seines atmosphärisch dichten, düsteren Krimis nicht vollständig auf. Das entscheidende Motiv der verletzten Seelen von Kindern, die in ihrem Überlebenskampf von Er­wachsenen alleingelassen werden, überzeugt nicht nur sachlich-psychologisch, sondern ist auch geschickt herausgearbeitet, und lange ist es kaum zu ahnen. Hirtmann dagegen ist die Pandora, die die ganze Zeit in ihrer Büchse rumort und deren Geist als drohende Gefahr bis in die Fortsetzung des Romans hinüber­wabern wird.

»Kindertotenlied« ist nämlich der zweite Teil einer noch nicht abgeschlossenen Serie des 1960 geborenen französischen Autors Bernard Minier. Sowohl sein Debüt »Glacé« Bernard Minier: »Glacé« bei Amazon (Mai 2012) | »Schwarzer Schmet­ter­ling« Bernard Minier: »Schwarzer Schmetterling« bei Amazon (Mai 2013) als auch der zweite Thriller der Reihe »Le Cercle« Bernard Minier: »Le Cercle« bei Amazon (November 2013) | »Kin­der­to­ten­lied« (Februar 2014) wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet; der dritte Teil »N'éteins pas la lumière« Bernard Minier: »N'éteins pas la lumière« bei Amazon ist im Februar 2014 erschienen (und sicher sitzt Thorsten Schmidt, der bereits die ersten beiden Schmö­ker ins Deutsche übersetzt hat, schon wieder an der umfang­reichen Arbeit).

Vielleicht werden nach Abschluss der Reihe alle bereits angelegten Spuren und Geheimnisse einen Sinn er­ge­ben. Vielleicht ist man auch schon klüger, wenn man vor dem zweiten den ersten Teil gelesen hat. Je­den­falls bleiben für mich der Prolog und vier in den Handlungsverlauf eingeschobene Zwischenspiele ohne er­kenn­ba­ren bzw. aufgedeckten inhaltlichen Zusammenhang. Da hält ein unbekannter Sadist seit Jahren eine Frau in einem dunklen Kellerloch gefangen, um sie nach Bedarf als Liebesdienerin aus ihrem Gefäng­nis herauszuholen und zu missbrauchen. Im letzten Auftritt fallen Namen, man stellt Vermutungen an, aber die spärlichen Andeutungen reichen nicht aus, um eine Lösung zu erahnen, die logisch und zeitlich befrie­digen könnte. Außerdem trübt meinen Lesegenuss – neben den verworrenen Erzählsträngen und den für meinen Geschmack zu vielen psychisch geschädigten oder neben der Spur laufenden Charakteren –, dass der Fehlerteufel allgegenwärtig ist.


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