Rezension zu »Il casale« von Francesco Formaggi

Il casale

von


Belletristik · Neri Pozza · · 239 S. · ISBN 9788854507166
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Süditalien

Francesco schliddert ins Verderben

Rezension vom 04.06.2014 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Francesco schwant nichts Gutes. Die Fahrt über enge Sträßchen durch die liebliche Land­schaft in flir­ren­der Som­mer­hit­ze strengt ihn an. Lieber würde er die wohl­tu­en­de Leere der Stadt ge­nie­ßen. Aber Giu­lia, mit der er seit einem halben Jahr zu­sam­men­lebt, war be­geis­tert, als zia Ester und zio Franco sie für ein paar Tage auf ihr An­we­sen einluden. Seit Jahren hatte sie das kinderlose Ehepaar nicht mehr gesehen, und sie schwärmte von dem großen Gutshof, umgeben von Feldern,Wäldern und un­be­rühr­ter Natur. Fran­ces­co fügte sich: »Godia­mo­ci al meglio questa setti­mana.«

Während er so grübelt, gleitet sein Blick zur schla­fen­den Bei­fah­re­rin hinüber, deren nackte Füße auf dem Ar­ma­tu­ren­brett ruhen. Nie zuvor ist ihm auf­ge­fal­len, dass ihr großer Zeh hässlich ver­un­stal­tet ist: »pro­rom­pe sopra la mor­bi­dez­za affusolata di quei piedini come un urlo barbarico quanto tutto intorno è silenzio. È un alluce enorme, gonfio, tozzo, quasi brutale ... spro­por­zio­nato, in­appro­pria­to, fuor­viante ... Mi venne la nausea.«

Brechreiz wird ihn noch öfters überkommen. Denn fortan ist nichts, wie es einmal war. Fran­ces­co mag Giu­lia nicht mehr anschauen, fürchtet weitere Ent­stel­lun­gen ent­de­cken zu müs­sen. Ihr un­an­sehn­li­cher dicker Zeh erscheint ihm wie »un tuono in lon­ta­nan­za prima del tem­pora­le in arrivo«, und was sich an­bahnt, kann nur dis­grazia, sven­tura, cata­strofe, scia­gura sein. Leider hat er Recht.

Als die beiden endlich ankommen, begrüßt ihn die knochige zia Ester kühl, und schnell erweist sich das weitläufige Her­ren­haus als Hort emo­tio­na­ler Leere, falscher Würde, er­starr­ter Rituale und un­nah­ba­ren Hochmuts.

Giulia, bei ihren Angehörigen vollkommen a suo agio, demonstriert eine ungewohnte Leichtigkeit des Seins, parliert gar nonchalant über (niemals be­spro­che­ne) Heiratspläne. Ihre Show verwundert Fran­ces­co nicht mehr, als er entdeckt, dass die beiden Frauen nicht nur ihr ober­fläch­li­ches Wesen, sondern auch die Miss­bil­dung ihrer großen Zehen teilen: »dis­gusto, nausea, sbalor­di­men­to«!

Bei Spaziergängen in bukolischer Idylle, bei gepflegter Konversation und bei nächtlichen Ob­ser­vie­run­gen wird Fran­ces­co klar, dass jeder auf diesem Land­gut etwas zu ver­ber­gen hat. Selbst die feine Dame des Hauses schleicht nächtens durchs Gelände und trägt über­ra­schen­der­wei­se Reiz­wäsche. Zio Franco, ihr mas­si­ger Gemahl mit aus­ge­präg­tem Sil­ber­blick, gibt im Salon den aris­to­kra­ti­schen Guts­herrn, ertränkt je­doch seine ehe­li­chen Pro­ble­me im Al­ko­hol. Die graue Eminenz im Haus ist Mario, der un­durch­sich­ti­ge Ver­wal­ter mit dem ver­stüm­mel­ten Finger, stark, un­ge­ho­belt und ge­walt­tä­tig; ein Frauen­mör­der, munkelt man. Nicht weniger rät­sel­haft ist Clara, la domestica; mal erscheint sie als sensible poetessa, dann als von der bösen Ester mal­trä­tier­tes Aschen­put­tel – oder wird sie von einem der Män­ner im Hause (oder beiden?) miss­braucht, ge­liebt, ver­sklavt? Schließ­lich treffen wei­tere Be­su­cher ein: cugina Marta mit Ehe­mann Carlo, einem platten Im­mo­bi­lien­kauf­mann, und Marco, den Klein-Giulia einst als ersten küsste und der das nie ver­ges­sen hat ...

Auf diesem Mehr-Fron­ten-Schlacht­feld bekommt Fran­ces­co kein Bein auf den Boden. Was ist Sein, was Schein? Unser Ich-Erzähler, ohne­hin ego­zen­trisch, über­sen­si­bel und von Vor­ah­nun­gen geplagt, beobachtet die Vorgänge um ihn herum wie durch ein Ver­grö­ße­rungs­glas. Kein Laut, keine Geste, kein Blick entgeht ihm (»Fu un attimo, un'occhiata, niente di più.«). Ge­sprä­che ana­ly­siert er wie Schach­par­tien, Be­geg­nun­gen wie Box­kämp­fe. Wie die an­de­ren durch die Flure schrei­ten, seine Hand schüt­teln, bei Tisch die Gabel ab­le­gen, Wein ein­schen­ken, tortellini in brodo löffeln, ohne zu kleckern, wer als erster durch die Tür treten darf, nein: muss (»›Prego‹ ... ›Sicuro?‹ ... ›Si­cu­ris­si­mo, dopo di te.‹«) – hinter all dem könnte eine gehei­me Stra­te­gie ste­cken, eine Ver­schwö­rung – nur wessen gegen wen? Mit wel­chem Ziel?

»Una cupa sen­sa­zio­ne di im­po­ten­za e ir­rever­si­bi­li­tà« gewinnt die Oberhand in Fran­ces­cos Gemüt, »come se stessi sci­vo­lan­do su un piano in­cli­na­to, come se stessi attra­ver­san­do un con­fine ed ecco, lo avessi attra­ver­sa­to già.«

Und wie soll Fran­ces­co sich in diesem Spiel verhalten? Seine wachsende Unsicherheit treibt ihn in einen Teufelskreis: Im Bemühen, sich bloß unauffällig ein­zu­fü­gen, an­ti­zi­piert er die Aktio­nen der anderen, prescht vor, blamiert sich umso tol­patschi­ger und zieht erneut be­frem­de­te Blicke auf sich. Kaum verlässt jemand den Raum, fragt sich Fran­ces­co: Wo geht er hin? Was sucht er? Was hat er zu verbergen? Was führt er im Schilde? Dabei wird er selbst zum ge­ra­de­zu zwang­haf­ten Schnüff­ler, der an­de­ren hin­ter­her spioniert (»sbir­cia­re« ist ein Lieb­lings­verb). Clara ist die Schlüs­sel­figur, die ihn durch das Laby­rinth ge­lei­tet – oder in die Irre?

Manchmal packt ihn in seiner Machtlosigkeit die kalte Wut und er markiert den starken Max, aber nur in seinen Gedanken: »Mi venne voglia di schiaffeggiarli.«; »Che vuoi, tu? Vuoi andare con la mia ragazza a fare che? ... Te lo scordi, bello, tu resti qua e ti fai i cazzi tuoi, capito?« Dann wieder malt er sich film­reif über­trie­bene, klischee­volle Dialoge und Szenen aus, wie sich die an­de­ren auf seine Kosten amü­sie­ren, oder er ent­wickelt nied­liche Flucht­fan­ta­sien (»sarei andato via, lontano, avrei cambiato nome, mi sarei fatto un'altra identità, in Messico, in Brasile: avrei aperto una ge­la­te­ria e mi sarei messo a ven­dere granite sulla spiaggia.«).

Als Franco plötzlich nicht mehr aufzufinden ist und keinerlei Spuren hinterlassen hat, erreicht das Spiel ein neues Level. Ist er ver­un­glückt, aus­ge­büxt oder er­mor­det worden? Die Idylle ist end­gül­tig nur noch schö­ner Schein, und ein düs­te­rer Krimi entfaltet sich, je tiefer Fran­ces­co in die grau­en­vol­len Nie­de­run­gen des casale hin­unter­ge­zo­gen wird, ob er will oder nicht ...

Francesco Formaggi, 1980 in der Provinz Frosinone geboren, ist ein weiterer hoffnungsvoller junger Autor aus Süditalien, wie der sieben Jahre jüngere Paolo Piccirillo [Lesen Sie hier meine Rezension zu Paolo Piccirillo: »La terra del sacerdote«.] bei Neri Pozza verlegt und bereits mit einem Krea­ti­vi­täts­preis ge­ehrt. Sein Erst­lings­ro­man »Il casale« über­zeugt rund­um auf ver­schie­de­nen Ebe­nen:

Er schafft eine stringente, kräftige Bildlichkeit, die nicht dekorativ, sondern sinnstiftend ist. Die körperli­chen Miss­bil­dun­gen – Giulias und Esters Zehen, Marios Finger – sind Symbole mo­ra­li­scher Ver­for­mung. Ein wider­lich zu­ge­rich­te­ter Schafs­kadaver, stran­gu­lier­te, ent­haup­te­te und ver­brann­te Hühner sind be­un­ruhi­gen­de Vor­boten jener Reali­tät, die sich unter der augen­schein­lich fried­lichen und idylli­schen Um­ge­bung ver­birgt (»Gli uccelli cin­guet­ta­vano, un cuculo can­tava, l'odore del bosco saliva alle narici, l'odore di terra e cor­teccia.«), ebenso wie plötz­liche Sturz­regen und Ge­wit­ter die som­mer­liche Glut hin­weg­fegen, den Boden schlüpf­rig machen, einen Hain in eine Hölle ver­wan­deln. Wenn sich die dünne Fassa­den­haf­tig­keit des Ge­bäudes wie der Um­gangs­for­men darin peu à peu auf­löst und ver­bor­ge­ne Ab­gründe und gut ge­hü­te­te Ge­heim­nisse zum Vor­schein kom­men, wird auch der Leser emp­fäng­lich für das ag­gres­si­ve Po­ten­zial in einem Hän­de­druck und in den due chiacchiere bei Tisch.

Beeindruckend ist Formaggis Präzision und Variabilität in der sprachlichen Gestaltung. Die ausgefeilten Dialoge bringen Fragilität und Un­wäg­bar­kei­ten der Be­zie­hun­gen sensibel zum Aus­druck. Neben den psy­cho­lo­gi­schen Ana­ly­sen seines Er­zäh­lers erfreut uns der Autor mit dem Grusel der guten alten Gothic novel (»Il verso improvviso di un gufo ci fece trasalire.«), Loge­leien à la Sher­lock Holmes sowie ero­ti­schen In­ter­mez­zi. Farce­hafte Ein­la­gen (eine fette Kröte im Schlaf­zim­mer der fei­nen Tante), Ver­steck­spiel­chen, In­tri­gen, Miss­ver­ständ­nis­se und un­glück­liche Zu­fälle (Aus­rut­schen am Hang, plötz­liche Ge­wit­ter­schauer ...) lassen gar an klassi­sche Ko­mö­dien denken. Gerne ge­steht der Autor sei­nem Er­zäh­ler eine ge­sun­de Por­tion Selbst­iro­nie zu, wie etwa in diesem Schlussbild: »Ogni cosa aveva tro­va­to il suo posto ...; tutto era tor­na­to in equi­librio ... come se non ci fosse mai stata nessu­na scia­gura, ma solo le mura di un ca­sale, e fuori la cam­pagna, e dentro una fa­miglia felice.«

Und schließlich überzeugt, wie Formaggi über die Struktur seines Romans unser Lesevergnügen steuert. Was von den ersten Seiten an in win­zi­gen Spuren an­ge­legt wurde (»È an­da­ta così« lautet der erste Satz, und das zielt auf den aller­letz­ten Ab­satz 230 Sei­ten später.), wird im Hand­lungs­ver­lauf immer wieder auf­ge­grif­fen und ver­tieft; Vor­aus­ver­weise und cliff­hangermachen es dem Leser schwer, eine Pause ein­zu­le­gen, erst recht, wenn der Autor im letz­ten Drit­tel des Romans die Span­nungs­schraube ge­hörig an­zieht, Fran­ces­cos Schick­sal un­aus­weich­lich seine finale Be­stim­mung er­fährt und wir mit ihm ver­ste­hen: »La veri­tà è che non esis­to­no in­ci­den­ti: nessun male si compie di pro­po­si­to, finché non ti ri­trovi a farlo.«


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