Rezension zu »Der Privatsekretär« von Claudia Piñeiro

Der Privatsekretär

von


Armer Schlucker vom Lande findet sich durch Zufall im Mittelpunkt der Macht und steigt auf zur rechten Hand des skrupellosen Gouverneurs. Der muss sehen, wie er einen üblen Fluch aushebeln kann, damit er die Staatsspitze erklimmen kann.
Politthriller · Unionsverlag · · 320 S. · ISBN 9783293005341
Sprache: de · Herkunft: ar

Richtige Zeit, richtiger Ort – oder alles falsch?

Rezension vom 23.11.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Román Sabaté (30) ist ziemlich knapp bei Kasse, als er vom Lande, wo er seinen klugen, politisch engagierten Lieblings­onkel Adolfo zurücklässt, nach Buenos Aires zieht. Hoffnungen auf ein etwas besseres Leben dort hat er, aber keine Ansprüche. Jeder beliebige Job ist ihm recht, Hauptsache er kann ihn einiger­maßen über Wasser halten. Doch das Glück scheint ihm hold, er bewirbt sich »zur richtigen Zeit am richtigen Ort« und wird nach gründlichem Auswahl­verfahren all seinen Mit­bewer­bern vorgezogen. Warum gerade er? Das wird ihm erst im Nachhinein klar. Mit besonderen Qua­lifika­tionen hat es nichts zu tun.

Hinter dem unverhofften Aufstieg des unschein­baren, naiven Landeis steht Fernando Rovira, ein skrupel­loser Unternehmer mit Geschick und geltungs­bedürf­tiger Machtmensch mit Charisma. Er begann seine Karriere als Bau­unter­nehmer, setzte sie als Finanz­jong­leur fort und häufte bald ein Vermögen an, das einfluss­reiche Schmeiß­fliegen jeder Couleur anzog, aber auch Bewunderung erntete: Der sichtbar erfolg­reiche Geschäfts­mann wurde zum Hoff­nungs­träger Argenti­niens. Obwohl völlig unpolitisch und von keiner Ideologie außer seinem Egoismus beleckt, wurde er von seinen Fans in die Politik gedrängt und zum Gouverneur der Provinz Buenos Aires gewählt. Für den ziel­strebi­gen Ehrgeizling kann das nur der Anfang sein. Er gründet eine populis­tische Partei, die ihn ins höchste Amt befördern soll, das der Staat zu bieten hat: das des Präsidenten von Argentinien.

So weit, so gut. Solche Werdegänge haben wir ja auch in Europa und Nordamerika schon erlebt. Aber nun kommt spezifisch Süd­amerika­nisches ins Spiel, und das macht die weitere Handlung für europäische Leser unge­wöhn­lich, befremdlich und reizvoll. Denn, so beginnt der Roman und so glaubt man offenbar in Argentinien, »jeder Mensch schleppt einen Fluch mit sich herum«, und das muss dann auch für Fernando Rovira gelten. In der Tat kennt der die Prophe­zeiung, die seinem Ziel entgegen­wirkt. Der Legende gemäß hat eine Hexe 1835 La Plata, die verhasste, auf dem Reißbrett entworfene Hauptstadt der Provinz Buenos Aires, verflucht, dass fortan kein Gouverneur dieser Provinz zum Präsidenten Argenti­niens gewählt werde. Fluch oder nicht: Der damalige Amtsinhaber Adolfo Alsina war das erste Opfer, und alle späteren Kandidaten scheiterten wie er.

Zumindest bis 2002. In jenem Jahr wurde Eduardo Duhalde, Gouverneur der Provinz Buenos Aires, zum Staats­präsiden­ten gewählt. Hatte er die »endlose Verkettung« folgen­reicher Flüche in der Geschichte Argen­tiniens möglicher­weise überwunden? Und wenn ja, wie hat er das geschafft? Die TV-Journa­listin Valentina »China« Sureda, die Historie und Hinter­gründe des Alsina-Fluchs und anderen Aber­glau­bens erforscht, interviewt den Politiker diesbe­züglich. Doch Duhalde hat für solche Theorien nur ein Lachen übrig.

Claudia Piñeiro weiht uns noch in weitere Flüche ein. Ein mathema­tisch ausge­fuchs­ter in den USA beispiels­weise hatte zur Folge, dass amerika­nische Präsidenten, »die in einem Jahr ins Amt gewählt worden waren, das durch zwanzig teilbar ist«, während ihrer Regie­rungs­zeit starben. William Henry Harrison, Abraham Lincoln, Franklin D. Roosevelt, John F. Kennedy und andere fielen dem »Tecumseh- bzw. Zwanzig-Jahre-Fluch« zum Opfer.

Dass der kaltblütige Macher Fernando Rovira vor derlei Aberglauben in die Knie geht, ist Ergebnis seiner Erziehung. Seine Mutter, Heilerin und Expertin für verschie­dene Formen teils obskurer Therapien, hat den Jungen im festen Glauben an allerlei Mysterien großgezogen. Jetzt schenkt sie ihm drei Achate, die er zum eigenen Schutz stets bei sich tragen soll, damit sie ihm Kraft geben, den Alsina-Fluch mit einem cleveren Trick außer Kraft zu setzen. Im Übrigen umgibt den Gouverneur ein Tross zwie­lich­tiger Anhänger, die für das Vorankommen der Partei sorgen und spendable Unter­stützer anwerben, damit der Rubel rollt. Und dann stehen noch willfährige Handlanger auf Abruf bereit, um Grobes zu erledigen, wie etwa die Beseitigung unliebsamer Personen.

Im Gegensatz zum Präsidentschaftskandidaten mit dem Durchblick gehört Román Sabaté zu den »Glücks­pilzen«, die nichts ahnen von dem Fluch, der auf ihnen lastet, und damit nicht von ihm tangiert werden. Aus wech­selnden Perspek­tiven erfahren wir, wie der ohne besondere Kenntnisse einge­stellte Mann zum engsten Vertrauten und Handlanger Fernando Roviras wird, um dann in eine delikate Zwangs­situation zu geraten, die ihn zu einer Entschei­dung zwingt.

Während die Handlung mit Román Sabatés Umzug nach Buenos Aires ihren Anfang nimmt, setzt die Erzählung fünf Jahre danach ein. Da finden wir den Prota­gonis­ten bereits auf der Flucht vor seinem Herrn, der zum eiskalten Gegen­spieler seines einstigen Intimus geworden ist.

Claudia Piñeiro, 1960 in Buenos Aires geboren, war Jour­nalis­tin und schreibt seit 2003 Romane, von denen etliche in deutscher Sprache ver­öffent­licht wurden (alle im Zürcher Unions­verlag). »Las Maldiciones« Claudia Piñeiro: »Las Maldiciones« bei Amazon, von Peter Kultzen übersetzt, ist ein Polit­thriller, der nicht so recht ins Genre passen will. Denn der Autorin geht es ebenso sehr um die Darstellung verschie­dener gesell­schaft­licher Milieus, die Offenlegung der rück­sichts­losen Methoden populis­tischer Empor­kömm­linge, des neuen Politik­stils, wie er überall um sich zu greifen scheint. Dieses Anliegen ist ihr so ernst, dass sie entlarvende authen­tische Interviews mit argen­tini­schen Politikern in die Handlung einbaut. Ihr Roman überzeugt weniger durch knisternde Spannung als durch über­borden­des Erzählen, eine komplexe Form und eine kluge, satirisch geprägte Figuren­gestal­tung. In Fernando Rovira und Román Sabaté prallen zwei unter­schied­liche Charaktere aufeinander, nähern sich einander an, bis die Ab­hängig­keit des einen vom anderen uner­träg­lich wird. Kann sich einer wie Román Sabaté aus seiner zur Fessel gewordenen Ver­flech­tung heraus­winden? Er erkennt, dass er als Diener nicht nur in der Hand seines Herrn gefangen ist, sondern dass dieser auch auf ihn angewiesen ist, er also auch Macht hat. So wird er für Fernando Rovira zur Gefahr, muss um sein Leben fürchten und flieht dahin zurück, wo er herkam: zu Onkel Adolfo aufs Land.

Glaubt denn die Autorin selber an die Macht der Flüche? Wohl kaum. Sie sieht aber Parallelen zwischen Aberglauben und modernem Popu­laris­mus: Einer Figur mit Charisma – ob Hexe oder Held – nimmt ein leicht­gläu­biges Publikum gern jede einfache Wahrheit, Verspre­chung oder Verfluchung ab.


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