Rezension zu »Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten« von Daniel Friedman

Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten

von


Kriminalroman · Aufbau · · Gebunden · 320 S. · ISBN 9783351035686
Sprache: de · Herkunft: us

Ein alter Haudegen und das Nazigold

Rezension vom 08.07.2014 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Immer mehr hyperaktive Grufties überzeugen uns, dass sie nicht zum alten Eisen gehören. Kürzlich stieg ein Hundertjähriger aus dem Fenster eines Al­ten­heims und mischte weltweit das Leben auf. Jetzt zeigt ein 87-jähriger Ex-Cop aus Memphis, Tennessee, wie man einen Kriminellen ein für allemal zur Strecke bringt, ohne lange zu fackeln.

Dabei genießt Baruch (»Buck)« Schatz bereits seit 35 Jahren seinen Ruhestand. Das Dolce far niente auf dem häuslichen Sofa, eingehüllt in den Qualm niemals verlöschender Lucky Strikes, ist zum Lebensinhalt des ehemaligen Detectives geworden. Mit Rose hatte er »die großartigste Frau geheiratet, die mir je be­geg­net war«, und so ist er nun ein rundherum glücklicher und zufriedener Mann. Nur ein Schmerz quält seine Seele: Ihr einziger Sohn Brian ist mit nur 52 Jahren verstorben. Glücklicherweise hat er ihm einen Enkel hinterlassen. William Tecumseh Schatz, Jurastudent in New York, wird allgemein »Billy« genannt, be­vor­zugt aber den Spitznamen »Tequila« – was seinen Großvater dazu animiert, ihn mit der kompletten Ge­trän­ke­lis­te einer gut sortierten Bar zu rufen: »Mojito«, »Schwarzbrand«, »Riesling« ...

Eines Tages reißt ein Telefonat Buck von den Sprungfedern. Jim Wallace liegt im Sterben und möchte Buck noch einmal sehen. Die beiden kennen sich aus Militärdienstzeiten und waren 1944 zusammen im Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger Chelmno, Polen, aber gemocht hat Buck den Kameraden (»ein ziemliches Arsch­loch«) nicht. Warum sollte er ihn jetzt aufsuchen? »Du darfst einem Sterbenden nicht den letzten Wunsch ab­schla­gen«, mahnt Rose, und weil er aus Erfahrung weiß, dass es keinen Sinn hat, sich mit ihr anzulegen, gibt er widerwillig nach.

Am Krankenbett der geriatrischen Intensivstation vernimmt Buck die mühselig gerasselten Worte eines an Apparaten dahinsiechenden Körpers. Ehe es auf immer zu spät ist, entledigt sich Jim einer schweren Ge­wissenslast. Als Militärpolizist bewachte er 1946 eine Straßensperre zwischen Ost und West, als ein schwer beladener Mercedes an seinem Schlagbaum anhielt. Jim erkannte den Mann am Steuer. Aber nach kurzer Inspektion des Kofferraums öffnete er die Schranke, der berüchtigte SS-Offizier fuhr unbehelligt von dan­nen, und einer der vielen Goldbarren im Kofferraum hatte still und unauffällig den Besitzer ge­wechselt ...

Buck weiß, von wem Jim berichtet. Die Prügel des Nazi-Monsters verspürt er noch immer am eigenen Leib. Heinrich Ziegler war der Kommandant des Lagers Chelmno, und Juden wie Buck drangsalierte er per­sön­lich. Als die Russen das Lager befreiten, richteten sie Ziegler hin. Wenn allerdings an Jims Ge­schich­te etwas dran war, müsste er mit neuer Identität davongekommen sein und hätte mit den Goldbarren ir­gend­wo ein neues Leben beginnen können.

Um Ziegler aufzuspüren und Rache nehmen zu können, fehlt Buck der Antrieb: »Wenn man die Chance hat, nichts zu tun, sollte man sie immer ergreifen.« Doch im Gespräch mit Billy keimt der Gedanke, dass ja vielleicht auch ein Goldschatz zu heben sein könnte.

Davon haben noch etliche andere Wind bekommen. Gleich nach Jims mickriger Beerdigung hat dessen Schwiegersohn Norris Feely Buck auf das Gold angesprochen und klargestellt, dass seine Frau Emily An­spruch auf einen Teil habe. »Wenn Sie auf die Jagd nach [Ziegler] gehen, will ich dabei sein.«

Und dann hat Jim seine Gewissenspein wohl auch dem Priester Doktor Lawrence Kind anvertraut. Das »auf­ge­weck­te Kerlchen« »erglühte in Gottes grenzenloser Liebe«, aber nachdem er mit dem falschen Lä­cheln auf dem »Reptiliengesicht« am Krankenbett das volle Vertrauen des alten Mannes gewonnen hatte, blendet den Mann Gottes nun auch der Glanz des fernen Goldes, dessen er bitternötig bedürfte.

Der knorrige, grantelnde und eigenwillige Protagonist und Ich-Erzähler Buck erobert sofort die Herzen der Leser und ist der Trumpf in Daniel Friedmans komödiantischem Kriminalroman »Don't ever get old« Daniel Friedman: »Don't ever get old« bei Amazon (übersetzt von Teja Schwaner). In vollen Zügen genießt er die Vorteile des Alters, zu denen er Be­quem­lich­keit, Unabhängigkeit und eine Art Narrenfreiheit zählt. Was andere von ihm halten mögen, braucht ihn nicht mehr zu scheren.

Wozu sollte er nun späte Rache nehmen an einem alten Mann, der vielleicht ohnehin einen Leidensweg vor sich hat und bald das Zeitliche segnen wird? Dieses Ziel entfacht Bucks Leidenschaft nicht genug, um sein Sofa nebst allzeit bereitliegender Stange Zigaretten zu verlassen und einen »Berg von Hindernissen« zu bewältigen.

Früher war das anders. Die Legende »Buck Schatz« durchweht noch immer Räume und Gänge des Mord­dezernats von Memphis, und nicht ungern verweist der alte Held auf seine Bilanz als erfolgreicher Police Detective. Dabei vermag er freilich gut zu relativieren. Seine Abschussrate von »Dreckskerlen« aller Art war gar nicht so spektakulär. »Ich kam erst an vierter Stelle. Und die teilte ich mir auch noch mit Ver­kehrs­un­fäl­len.«

Gemeinsam mit Billy nimmt der seh- und altersschwache Buck schließlich die Recherchen auf und macht Ziegler tatsächlich in der Demenzabteilung eines Seniorenheims ausfindig. Die Meute der gierigen Schatz­sucher ist ihnen dicht auf den Fersen. Zum Glück trägt Buck stets seine Smith & Wesson .357 Magnum bei sich und General Eisenhowers Rat im Herzen: »Wenn Sie nichts mehr haben, an dem Sie sich festhalten können, dann halten Sie sich an Ihrer Waffe fest.« Beiden verdankt er schließlich sein Leben, während sich die Zahl der späteren Teilhaber unglückseligerweise auf blutig-eklige Weise dezimiert. Da will wohl je­mand am Ende allein die Barren nach Hause tragen. Doch er hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht ...

Daniel Friedmans Debüt zu lesen macht großen Spaß. Bei dem Sujet der Jagd nach einem Nazi-Verbrecher bleiben ernste Themen wie Krieg und Holocaust natürlich nicht aus, doch der Autor integriert sie geradezu leichtfüßig in die ansonsten amüsante Krimihandlung um den alten Haudegen als Ermittler, der für eine reichlich lockere Atmosphäre sorgt. Das eigentliche Verbrechen, die Persönlichkeit des Täters und seiner Motive sowie die Wege der Aufklärung sind überzeugend, leicht nachvollziehbar und leicht vorhersehbar gestaltet.

Fazit: ein wunderbares, irrwitziges Leseabenteuer.


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