Rezension zu »Zu guter Letzt« von Edward St Aubyn

Zu guter Letzt

von


Belletristik · Piper · · Gebunden · 221 S. · ISBN 9783492054348
Sprache: de · Herkunft: gb

Groteske Hölle

Rezension vom 21.08.2012 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Nach Tante Nancys Geschmack ist die Beerdigung ihrer Schwester Eleanor nicht standesgemäß. Als man Mummy damals zu Grabe trug, waren "achthundert Leute da, das halbe französische Kabinett, und der Aga Khan, und die Windsors; einfach alle". Dagegen Nicholas Pratts Kommentar zur heutigen Zeremonie: "Man muss das Leben abfeiern: Da geht es hin, unser Schulflittchen!" Nur eine Handvoll Gäste sind in der Krematoriumskapelle erschienen: Verwandte, Freunde, Wegbegleiter. Tante Nancy und Nicholas Pratt sind die letzten Verbliebenen der Ü-70-Generation.

In ihren Gedanken und ihrem Auftreten lebt Tante Nancy in der Welt der Reichen und Superreichen. Schon im Alter von zwölf Jahren verprasste sie binnen weniger Tage tausende Dollar Taschengeld für Klamotten und Tinnef – kein Wunder, dass sie von Mummy enterbt wurde. Nun musste sie sich demütigen lassen und Geld "herausholen" von Leuten wie den Tescos, "reich wie Gott". Obwohl Nancys Welt des Glamours auf Lug und Trug gebaut ist und sie nur durch die Hilfe von Treuhändern vor dem Gefängnis bewahrt blieb, kann sie nichts daran hindern, voller Hochmut auf den niederen Plebs hinabzuschauen.

Nicholas Pratt hat keine Geldsorgen. Er ist mit Chauffeur Miguel angereist. Der verknöcherte, arrogante und sarkastische Alte mit Gehstock strotzt vor Dominanz und Selbstsicherheit. Niemand ist vor seinen Bosheiten sicher. Sein Verhalten den anderen gegenüber, vor allem seine messerscharfen, vernichtenden Abkanzelungen sind unerträglich. Oft verspürt man geradezu den Wunsch, den eingebildeten Widerling niederzuschlagen. Doch diese Aggression erspart uns Lesern das romanweltliche Schicksal, denn Nicholas Pratt wird zum krönenden Abschluss der Feierlichkeit als lebloser Körper, verreckt an den Folgen eines Herzinfarkts, aus dem Saal getragen. Eine arme Irre namens Fleur war – in mottenzerfressenem Pulli – zum Leichenschmaus aufgetaucht und hatte es gewagt, Pratt anzusprechen, ihn zu provozieren. Sie kenne sich aus, habe ein Gespür, ein "kleines Radar": Er sei ja total durchgeknallt, ein Fall für die Psychiatrie. Und das sagt sie ausgerechnet dem, der Wert darauf legt, sich von dem "Haufen Unrat" zu unterscheiden – all jenen, die heute gern ihre Komplexe und Syndrome hegen und pflegen – und so stolz wie lautstark betont, er habe "nicht den leisesten Anflug psychischer Probleme". Hat Fleur ihn womöglich doch an einem wunden Punkt getroffen?

Stellen sich Gefühle von Erlösung, Befreiung, Erleichterung ein? Jetzt, da nach Vater David auch Mutter Eleanor gestorben ist, könnte Sohn Patrick endlich aufatmen. Er ist knapp 50 Jahre alt. Während andere Reden halten, im Hintergrund Frank Sinatra dudelt, driften seine Gedanken ab. Welch ein Horrorszenario war seine Kindheit. Sein brutaler, ständig alkoholisierter Vater schändete ihn, beschnitt ihn auf dem Küchentisch. Mutter Eleanor, selber missbraucht, duldete das alles. Als Student konnte Patrick das Elternhaus endlich verlassen, aber Alkohol, Drogen und Selbstmordgedanken brachten ihn zeitweise in die Psychiatrie. Später heiratete er Mary, sie bekamen zwei Jungen, trennten sich dann aber.

Muttergefühle und Liebe gab es nie in Patricks Leben. Eleanors Sorge und Aufopferungsbereitschaft galt anderen: Kindern in Afrika oder in Neapel – oder einfach nur esoterischen, bekloppten Spinnern. Eleanor gründete Trusts und spendete ihr gesamtes Vermögen. Von den vielen Millionen blieb für Patrick kein Penny übrig. Er lebt in einem Ein-Zimmer-Appartement und darf die Kosten für das Pflegeheim, in dem Mutter auf Raten stirbt, aufbringen.

"Zu guter Letzt" ("At Last", übersetzt von Sabine Hübner) ist der fünfte und abschließende Teil der literarisch sehr anspruchsvollen Melrose-Saga. Das Gelesene, von dem man sich rasch abwenden, das man schnell wieder vergessen möchte, ist leider keine Fiktion: Edward St Aubyn rechnet mit seiner eigenen Familie ab. Die Groteske einer scheinheiligen Fassade, hinter der sich unglaubliche Abgründe menschlichen Verhaltens auftun, hat der Autor selbst durchlebt.

In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau (28. September 2011) sagt St Aubyn unumwunden: "Ja, Patrick ist mein Alter Ego. Seine Eltern sind meine Eltern. Es ist alles autobiografisch." Mit 30 Jahren habe er die ersten Teile der Melrose-Familiengeschichte geschrieben. Das sei keine Therapie gewesen. Er habe schwer gelitten, sei manchmal in Ohnmacht gefallen, habe die Veröffentlichung sogar zurückziehen wollen.

Wie Patrick im Roman findet Edward in seinem Leben den richtigen Weg. Frei von Drogen und Lastern erkennen beide den Wert ihrer eigenen kleinen Familie. Ihren Kindern wollen sie ein liebender, fürsorglicher Vater sein. Ein positiver Ausblick, den der Roman kaum zuzulassen scheint.


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