Rezension zu »Washington Black« von Esi Edugyan

Washington Black

von


Einem zwölfjährigen Sklavenjungen gelingt 1830 die abenteuerliche Flucht aus der Karibik über die Arktis nach London. Es ist eine Reise aus Enge und Unterdrückung in Weite und Freiheit der Wissenschaft. Der Weg ist steinig und schmerzvoll.
Belletristik · Eichborn · · 512 S. · ISBN 9783847906650
Sprache: de · Herkunft: ca

Flucht und Findung

Rezension vom 21.01.2020 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Zu Recht hat dieses Buch einen prominenten und populären Fürsprecher gefunden. Es ist voller Abenteuer, voller schmerz­licher, glück­licher und tragis­cher Momente, es umspannt zwei Konti­nente, es ist leicht, anschau­lich und unter­halt­sam geschrie­ben und wird auch jugend­liche Leser anspre­chen. Und es erzählt eine anrüh­rende Geschichte von über­indivi­dueller Relevanz: Einem Sklaven­jungen gelingt es, sich zu einem Wissen­schaft­ler zu emanzi­pieren und Anerken­nung zu verdienen – wirklich frei aber kann er zu seiner Zeit – Mitte des neun­zehn­ten Jahr­hunderts – nicht werden.

Der Fürsprecher ist der ehemalige US-Präsident Barack Obama. Jeden Sommer gibt er eine kleine Liste seiner Lieblings­lektüren heraus. 2018 gehörte die kanadi­sche Autorin Esi Edugyan mit ihrem Roman »Washington Black« Esi Edugyan: »Washington Black« bei Amazon zu seinen Favoriten. Dass das Buch, das Anabelle Assaf jetzt ins Deutsche übersetzt hat, nicht nur den Geschmack eines früheren White-House-Bewohners trifft, sondern allge­mein­gülti­gere Qualitäts­kriterien erfüllt, hat es auf die Shortlist des Booker Prize gebracht.

Wann und wo das elternlose Kleinkind zur Welt kam, ist unklar – 1817 oder 1818, auf Barbados oder einem illegalen Sklaven­schiff. Sein Master, für den er schon als Zwei­jähriger auf den Zucker­rohr­feldern schuften musste, gab dem Jungen den Namen »George Washing­ton Black«, was er nicht etwa als motivie­rende Aner­kennung, sondern als Verhöh­nung meinte. Aber egal, ohnehin rief ihn jeder »Wash«.

Nach dem Tod des Masters übernimmt dessen Neffe Erasmus sein Erbe. Die Plantage finan­ziert den Lebens­stil der Familie Wilde in England, und der neue, von dort ange­reiste Herr kennt weder Maß noch Gnade. Unsäg­liche Züchti­gungen und grausame Hinrich­tungen sind an der Tages­ordnung. Wash, der sich als einfacher Feld­nigger bewährt hat, soll nun Erasmus’ Haus­nigger werden. Die Aufgabe in intimer Nähe zum Master ist lebens­gefähr­lich. Schon die kleinste Unacht­samkeit kann den Jungen Kopf und Kragen kosten.

Eine unverhoffte Wendung zum Positiven bringt die Ankunft von Erasmus’ Bruder Chris­topher. »Titch«, wie ihn seine Familie nennt, ist aufge­klärter Humanist und tritt für die Abschaf­fung der Sklaverei ein. Wie beider Vater, der seit Jahren in der Arktis For­schungen betreibt, ist Titch Wissen­schaftler. Seine Experi­mente mit einem statio­nären Luft­schiff sind bereits weit voran­geschrit­ten, nun will er auf einer Anhöhe der Plantage Versuche mit einem mobilen »Wolken­kutter« fort­setzen. Dass er sich als Helfer ausge­rechnet Wash aussucht, jagt diesem erst einmal Angst vor noch schlim­meren Qualen ein. Doch bald bewährt er sich als idealer Gehilfe. Er ist nicht nur von kleiner und leichter Gestalt, sondern seine Auf­fassungs­gabe über­trifft alle Erwar­tungen. Mit Leichtig­keit lernt er schreiben und lesen, und eine außer­gewöhn­liche Gabe als Zeichner macht ihn für die Experi­mente un­entbehr­lich.

Ein entsetzlicher Unfall macht nicht nur die gemein­samen Zukunfts­pläne zunichte, sondern lädt Wash neben seinem Status als farbiger Leib­eigener ein weiteres gesell­schaft­liches Handicap auf: Sein Gesicht ist entstellt.

Der Tod des Vaters veran­lasst Erasmus, nach London zurück­zukeh­ren, während Titch der Plantage weiterhin kräftige Gewinne abpressen soll. Das wider­spricht freilich gänzlich seinen Vorstel­lungen und Fähig­keiten, und so kommt es zu heftigen Zerwürf­nissen zwischen den Brüdern. Da abzusehen ist, dass Erasmus seinen miss­gestal­teten Sklaven niemals seinem Bruder über­lassen würde, reifen Washs Pläne zu fliehen. Ganz loskommen wird er von dem hoffnungs­losen Schreckens­ort nicht, denn der Master verfügt über Mittel, mit denen er sein lebendes Eigentum von überall her zurück­holen kann.

Die abenteuerliche Tour de Force, die den Jungen von Barbados zur Arktis, über Nova Scotia nach London, Amsterdam und Marokko führen wird, beginnt gemeinsam mit Titch, einem guten Weg­gefähr­ten und fähigen Retter. Doch je länger sie unterwegs sind, desto weniger kann sich Wash seines Beschüt­zers sicher sein. Der fremdelt immer mehr, zieht sich seelisch zurück, will sein Anhängsel loswerden, entlässt ihn schließ­lich allein in die Freiheit.

In der Arktis erlebt der Junge, der zeitlebens nur Hitze und Zucker­rohr­felder kannte, eine unbe­kannte, fremd­artige Welt. Sein Staunen über die dortigen Natur­phäno­mene fließt in die Erzählung ein, aber näher am Herzen der Autorin liegt die emotio­nale und charak­terli­che Entwick­lung ihres Ich-Erzählers. Ein Mensch, der im Leben nichts als Unter­drückung und Willkür zu spüren bekam, der nie seine Angst abstrei­fen kann und dessen schreck­liche Verlet­zung zwar vernarbt, aber niemals heilen wird, sucht nach sich selber.

Eine Zeitlang findet Wash inneren Frieden in Nova Scotia, wo er mit dem berühmten Meeres­forscher Geoffrey Michael Goff lebt, arbeitet und lernt. Er verliebt sich in dessen Tochter Tanna und sie sich in ihn, doch sie müssen ihre Gefühle verbergen, denn Tannas Vater würde diese Verbin­dung nicht tole­rieren. Derweil ent­wickelt Wash ein eigenes Projekt: Er möchte der Öffent­lichkeit lebende Meeres­tiere in großen Glasbe­hältern vorführen. Gemeinsam reisen alle drei nach London weiter, wo Wash auf die Realisie­rung seiner Pläne hofft. Frei handeln kann er dennoch auch dort nicht. Der große Goff unter­stützt den gerade einmal Acht­zehn­jähri­gen zwar tat­kräftig, streicht jedoch wie selbst­verständ­lich auch Lob und Renommee ein, als sei er der Schöpfer des »Ozean­hauses«.

Wenn Esi Edugyan ihren jungen Protagonisten im Rückblick sein Leben erzählen lässt – un­zweifel­haft eine be­eindru­ckende Ent­wick­lung vom niedrigs­ten Sklaven zum freien Wissen­schaft­ler (»Ich bin ein freier Mann, ich allein bin im Besitz meiner Person.«) –, so stellt er sich immer wieder die Frage, was frei sein denn heißt, wie sich Freiheit anfühlt, an welchem Ort man sie finden könne. »Big Kit«, die das Kind auf der Plantage umsorgte, erklärte ihm einst, frei sei man, wenn man nach dem Tod in seiner Heimat erwacht (»du kannst machen, was du willst«). Im Diesseits aber behandeln ihn alle Leute, denen er begegnet, wegen seiner Hautfarbe und seiner Entstel­lung und unge­achtet seiner Quali­täten und Ver­dienste als Mensch zweiter Klasse. Gegen solche Wider­stände hat er es besonders schwer, sein eigenes Ich zu stärken, seine eigene Persön­lich­keit aufzu­bauen. Besonders schmerz­lich erfährt er, dass Männer seiner eigenen Haut­farbe keine besseren Menschen sind.

Zum Ende hin schleppt sich der Roman ein wenig und wirkt mit vermeint­lichen Ab­schwei­fungen unnötig aufge­bläht. Dennoch erweisen sich die letzten hundert Seiten als unab­ding­bar, denn sie beant­worten offene Fragen aus Washs Lebens­lauf – und warten mit über­raschen­den Knüllern auf.


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