Rezension zu »La scatola di cuoio« von Gianni Spinelli

La scatola di cuoio

von


Als der mysteriöse ›Heilige‹ Don Pantaleo ums Leben kommt, erbt seine Haushälterin, die angeheiratete Nichte Marta, all seine Güter. Jetzt hat sie ein Problem: Wem soll sie ihren Reichtum vermachen? Ihre vielgliedrige Familie und das ganze Dorf fiebert mit. Auch der Polizei stellen sich Fragen.
Kriminalroman · Fazi · · 213 S. · ISBN 9788893256322
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Kalabrien und Basilicata

Das Glück ist mit den Dreisten

Rezension vom 24.01.2020 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Kaum jemand hat ihn jemals zu Gesicht bekommen, aber jeder in San Clemente weiß etwas zu seiner Fama beizu­tragen. Don Pantaleo, so heißt es, sei ein hohes Tier (»Provinciale« «) im Kapuziner­orden. So residiert er (der als Einziger die Wahrheit kennt) am Rand des Dorfes in dem weit­läufigen Anwesen, das ihm eine wohl­habende fromme Gönnerin vermacht hat, auf dass er (»il santo«) für ihr Seelen­heil bete, und das seither als »il convento di don Pantaleo« firmiert. »Convento«? Abgesehen von don Pantaleo hat es nur ein einziges Mal einen Mitbruder beher­bergt, und das nur für ein paar Tage, und das ist lange her.

Die anderen vier Hausbewohner sind sein Neffe Giuseppe und dessen Frau Marta sowie Lina, die Jüngste und Lebhaf­teste, und ihr Mann Onofrio. Die beiden verrich­ten die niederen Arbeiten und nutzen die wenigen ihnen verblei­benden Spiel­räume, so gut sie können. Marta, von üppigem Format und Haarwuchs (selbst im Gesicht), ist die eigent­liche Herrin im Haus. Die »campio­nessa della finzione« hält alle Fäden in der Hand. Don Pantaleos Aura bedin­gungs­los ergeben, preist sie ihn unentwegt, dabei stets die Festigung ihres eigenen Status in Haus und Dorf im Hinter­kopf. Kritische Nach­fragen erstickt sie im Ansatz. Ihr schläf­riger Ehemann Giuseppe hält sich die meiste Zeit schwei­gend zurück, denn er hat ohnehin rein gar nichts zu sagen. Don Pantaleo hatte die Partie einst einge­fädelt, und Giuseppe hatte aus Bequem­lich­keit und Schwäche einge­willigt.

Zugang zum exklusiven Inneren genießen allein die Honora­tioren und Akade­miker der Umgebung, wenn sie in schöner Regel­mäßig­keit zusam­men­kom­men, um sich an festen und flüssigen Köst­lich­keiten zu ergötzen und Don Pantaleos salbungs­vollen Ausfüh­rungen zu huldigen.

In Gang kommt die Handlung mit dem Tod des Provinciale. Lina findet ihn am Morgen des 5. Februar 1959 an seinem Schreib­tisch, gebeugt über einen geöff­neten Kasten, außen mit Leder bezogen und innen mit rotem Tuch ausge­kleidet. Was es mit dieser »scatola di cuoio« auf sich hat, ist ein wasser­dicht gehütetes Geheimnis und wird erst kurz vor Schluss aufge­deckt. Bis dahin müssen wir uns mit Martas so stimulie­render wie nebulöser Andeutung zufrieden­geben: »In quella scatola c’è un aggeggio … Si accende e appaiono cose strane«.

Nicht besser als uns ergeht es Antonio, dem Ehemann von Martas Nichte Marghe­rita. Seit er den Kasten erstmals erblickt hat, ist das schlichte Gemüt besessen von dem Wunsch, ihn zu besitzen. In greifbare Nähe rückt die Erfüllung nach Martas Tod genau zehn Jahre nach dem von don Pantaleo, der seine treueste Unter­stütze­rin zu seiner Allein­erbin gemacht hatte. Während nun Martas Hinter­blie­bene auf Häuser, Lände­reien und Finanzen geiern, stürzt sich Antonio auf »la scatola« und ist fortan zufrieden. Dass er mit seiner naiven Wahl Marghe­ritas letztes bisschen Respekt verspielt hat, schert den »povero deficiente« nicht.

Thema der heiteren Geschichte um das Kästchen und andere Geheim­nisse ist, wie das Klima in dieser schein­heili­gen Sippe durch Geiz, Habsucht, Ver­blen­dung und Intrigen über zwei Jahr­zehnte vergiftet wird. Auch die beiden Dorf­poli­zisten, ein sensa­tions­gieri­ger Zeitungs-Schrei­ber­ling und natürlich die tratsch­süchtigen Einwohner von San Clemente, einem verges­senen Örtchen »a quasi trenta chilo­metri da Matera«, mischen kräftig mit.

Es gibt eine ganze Reihe von Handlungs­strängen, die teils auf­einan­der folgen, teils mit­einan­der verfloch­ten sind: Das von Legenden umwobene Leben des un­durch­sichti­gen don Pantaleo in seiner abge­schot­teten Residenz und die Machen­schaften seines Personals, die Rätsel seines Todes, die verbis­sene Suche seiner Allein­erbin Marta nach der richtigen Erbin ihres gewal­tigen Reichtums und die fiesen Tricks der Kandida­tinnen, schließ­lich, nach ihrem Tod, das unwürdige, hart­näckige Gerangel um ihr Testament. Das ist eine Menge Stoff, der leider ziemlich zerfasert.

Die Vielfalt der Themen und Elemente unterhält gut, aber wer auch einen gestal­teri­schen Gesamt­ein­druck wünscht, wird enttäuscht. Denn auch litera­risch-stilis­tisch agiert der Autor auf mehreren Klavia­turen. Der Grundton ist die leichte Ironie, mit der er seine Figuren begleitet. Das passt, denn kaum eine von ihnen ist sympa­thisch oder wenigs­tens nett und aufrich­tig oder fügt sich sonst irgend­wie in ein Konzept mit rele­vanter Aussage. Über weite Strecken ist man an die traditio­nelle Erzähl­weise von Schwänken oder Schelmen­roma­nen erinnert, dann wiederum folgen nüchtern zusam­men­fas­sende Berichte, Zitate (aus welcher Quelle bleibt offen) und Protokoll­passagen. Etliche Male streicht Spinelli die Span­nungs­saite: Er wirft Krimi­fragen auf, will es ein bisschen unheim­lich werden lassen, doch all diese Kurven schwingen nicht hoch. Für eine schwarze Komödie fehlen Witz und Drastik. Insgesamt bleibt die Erzähl­technik distan­ziert: Der Erzähler »sagt« alles (so dass wir es zur Kenntnis nehmen), stellt es aber nicht szenisch dar (so dass wir mitfie­bern können).

Gianni Spinelli ist ein vielseitiger Journalist und hat bereits eine Handvoll Bücher verfasst. Seine »Scatola di cuoio« ist durchaus nette, leichte Urlaubs­unter­haltung mit Sechziger­jahre-Flair, die den Leser am Strand immer wieder schmun­zeln lässt (»la legge­rezza di un elefante«, »una soffe­renza osten­tata a 360 gradi« …). Was die Verlags­ankündi­gung an Viel­seitig­keit, Tiefe und Gehalt erhoffen lässt, löst sie leider nicht ganz ein.


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