Rezension zu »Mit dem letzten Schiff« von Eveline Hasler

Mit dem letzten Schiff

von


Historischer Roman · Nagel & Kimche · · Gebunden · 224 S. · ISBN 9783312005536
Sprache: de · Herkunft: ch

Frys Liste

Rezension vom 21.12.2013 · 5 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Oskar Schindler und seine Liste kennt jeder. Varian Fry kennt kaum jemand. Er war Schindlers amerikani­sches Pendant: ein Retter verfolgter Juden, anti­fa­schis­tischer Intellektueller, Schriftsteller, Maler und Mu­siker. Mehr als 2000 Men­schen verdanken Fry ihr Leben, darunter Lion Feuchtwanger, Heinrich und Golo Mann, Marc Chagall, Marcel Duchamp, Max Ernst ... Eveline Hasler setzt ihm in ihrem Roman »Mit dem letzten Schiff« ein Denkmal.

Trotz seines gefährlichen und erfolgreichen Agierens im besetzten Frankreich fand Fry nach seiner Heim­kehr keine Anerkennung in Amerika. Im Gegenteil: Er geriet unter Spionageverdacht. Das FBI unterstellte ihm, er sei Mitglied der kommunistischen Partei Frankreichs. Unter dieser Diskreditierung seiner Tätigkeit und seiner Person litt der introvertierte Mann, der seinen inneren Ausgleich in den Werken der europäi­schen Literatur und bei der Beobachtung der Vogelwelt fand, schwer. Seine Ehe wurde geschieden.

Erst nach seinem Tod im Jahre 1967 wurde bekannt und anerkannt, was Varian Fry geleistet hatte: »Für seinen heldenhaften Beitrag für die Freiheit« wurde er in die französische Ehrenlegion aufgenommen, 1994 erhielt er als erster US-Bürger den israelischen Ehrentitel »Gerechter unter den Völkern«, 1997 wurde eine Straße im Zentrum Berlins nach ihm benannt, und 2007 widmete ihm die Akademie der Künste in Berlin eine Wanderausstellung (»Ohne zu zögern. Varian Fry: Berlin – Marseille – New York«).

Was genau hatte dieser Mann geleistet?

Nachdem die deutsche Wehrmacht weite Teile Frankreichs besetzt hatte, wird am 22. Juni 1940 in Com­piègne ein Waffenstillstand geschlossen. Während der Norden dem deutschen Militärbefehlshaber in Paris untersteht, wird im unbesetzten südlichen Teil Frankreichs das »Vichy-Regime« unter General Pétain ein­gerichtet. Bald zieht ein Exodus verfolgter Menschen durch ganz Frankreich nach Marseille, wo der Hafen Rettung verspricht. Man hofft zum Beispiel, über französische Kolonien wie Martinique in die USA einrei­sen zu können. Doch das Vichy-Regime verpflichtet sich, Antifaschisten und Juden an Nazideutschland aus­zu­lie­fern; ihre Abtransporte in die Konzentrationslager bedeuten den sicheren Tod.

In Amerika will man das nicht tatenlos hinnehmen. Man gründet ein »Emergency Rescue Committee«, das verfolgte Künstler und Intellektuelle vor dem Untergang bewahren soll. Der richtige Mann, um vor Ort eine systematische Flucht zu organisieren, ist schnell gefunden: Es ist Varian Fry, ein sprach­talen­tierter Jour­na­list mit Harvard-Abschluss. 1935 war er in Berlin Augenzeuge eines brutalen Angriffs national­sozialistischer Schlägertrupps auf jüdische Mitbürger geworden.

Am 16. August 1940 trifft Fry mit 3000 Dollar und einer Liste von 200 Namen im Gepäck in Marseille ein – ein »Hexenkessel« voller Menschen aus aller Herren Länder. Einen Monat will er bleiben – dreizehn wer­den es am Ende sein.

Schnell spricht sich herum, dass ein Amerikaner angekommen ist, der im Hotel Splendide Visa ausstellt und bei der Ausreise hilft. Immer mehr Menschen suchen ihn jeden Tag auf. Fry gibt für jeden sein Bestes, aber ganz besonders besorgt ist er um die Künstler, deren Namen er weiß, ohne ihren Aufenthaltsort zu kennen. Wie soll er sie ausfindig machen?

Eine kleine Schar Freiwilliger steht ihm unterstützend zur Seite. Sie ändern Identitäten und fälschen Do­ku­men­te. Niemandem können sie trauen, lauern doch überall Spitzel des Vichy-Regimes.

Bald wird der Hafen vermint, so dass jeglicher Schiffsverkehr blockiert ist. Eine Ausreise nach Übersee ist von Lissabon aus möglich, doch dazu müssen die Menschen über die Pyrenäen durch Spanien bis nach Portugal geschmuggelt werden. Da Eisenbahnzüge streng kontrolliert werden, bleibt den meisten nur ein gefährlicher, anstrengender Fußmarsch über mehr als 1.500 Kilometer oft unwegsamer Pfade.

Hans Fittko und seine Frau Lisa, aktive Antifaschisten seit 1933, haben zunächst Menschen aus Deutsch­land zur Flucht verholfen, bis sie dann selbst fliehen mussten. In Marseille eingetroffen, unterstützen sie ab September 1940 Fry und sein Team, indem sie die Verfolgten über die Berge geleiten – ein Unternehmen, das trotz ständig wechselnder Routen immer gefährlicher wird. Am 27. August 1941 wird Varian Fry als »unerwünschter Ausländer« verhaftet und aus Frankreich abgeschoben. Sein Büro arbeitet weiter, bis es am 2. Juni 1942 endgültig geschlossen wird.

Eveline Hasler gestaltet diesen an interessanten Charakteren und spannenden Ereignissen prallen Stoff, in­dem sie sich auf die wichtigsten, bemerkenswertesten Figuren und Episoden konzentriert. Eine dieser Per­sonen ist der jüdische Satiriker Walter Mehring. Mit gezielten Provokationen hatte er sich Propaganda­minister Joseph Goebbels zum persönlichen Feind gemacht und wurde dadurch zu Varian Frys be­son­de­rem Sorgenkind. Mehrings Schicksal verfolgen wir bis zum Ende des Romans: Immer wieder springt er Hitlers Häschern von der Schippe, und noch in letzter Sekunde müssen wir mit ihm zittern, als die Über­prü­fung seiner Papiere die unmittelbar bevorstehende Passage auf einem Frachtdampfer um ein Haar schei­tern lässt. Doch dann heißt es: »Go ahead. Es muss sich um einen anderen Walter Mehring handeln.«

Andere Fluchtabenteuer wirken geradezu grotesk: Der schwergewichtige Franz Werfel und seine Ehefrau Alma Mahler-Werfel etwa wollen die Pyrenäen mit »monumentalem Gepäck« bezwingen; etliche ihrer zwölf Koffer enthalten den kulturellen Nachlass von Almas zahlreichen früheren Freunden, Liebhabern und Ehe­män­nern.

Zurecht stellt die Autorin immer wieder heraus, wie neben der ›großen‹ Organisation auch ›kleine‹ Leute im Alltag bewundernswerten Mut aufbringen. Im Schloss La Hille etwa gelingt es der Heimleiterin Rösli Näf, jüdischen Kindern für kurze Zeit einen Ort des Friedens und der Geborgenheit zu schaffen; nicht we­nige Kinder kann sie vor der Deportation bewahren. Und im Internierungslager Gurs am Rande der Pyre­näen, wo Männer, Frauen und Kinder (»Unerwünschte«) unter unsäglichen Bedingungen in Baracken ge­fangen gehalten werden, versucht zwischen 1940 und 1943 die Rotkreuz-Schwester Elsbeth Kasser, das seelische und körperliche Leiden zu mildern; man malt, musiziert und liest gemeinsam.

Eveline Haslers Roman ist eine faszinierende Lektüre. Die Autorin hält erfreuliche Distanz zu ihrem oft traurigen Stoff, so dass keine Rührseligkeit aufkommt, wohl aber Betroffenheit. Die riesige Materialfülle zu begrenzen ist freilich ein kaum befriedigend zu lösendes Unterfangen. So hätte ich mir durchaus noch mehr Detailreichtum in der Schilderung von Frys Aktivitäten gewünscht, während andererseits Wiederho­lungen (z.B. im Zusammenhang mit Frys Ausschluss von der Universität Harvard) sowie etliche Namen und Ne­ben­stränge im Interesse der Übersichtlichkeit hätten entfallen können. Die Ereignisse im Chateau La Hille und dem Lager Gurs etwa verdienen selbstverständlich jede würdigende Darstellung, hängen je­doch nur peripher mit Varian Frys Auftrag zusammen und nehmen dem Protagonisten daher ein wenig an Leucht­kraft. Schließlich ist dieses Buch nicht als Dokumentation, sondern als spannendes Erzählwerk über diesen Mann angelegt. Unter diesem Aspekt leidet der Roman unter Zerfaserung und Sprunghaftigkeit.


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