Rezension zu »Langsame Jahre« von Fernando Aramburu

Langsame Jahre

von


Als Achtjähriger wird der Erzähler in der Familie seiner rigorosen Tante in San Sebastiàn aufgenommen, wo er im Arbeitermilieu unter der Franco-Diktatur aufwächst. Ist sein älterer Cousin in den baskischen Widerstand involviert? Und wird der Autor seinen Roman wirklich schreiben?
Belletristik · Rowohlt · · 208 S. · ISBN 9783498001049
Sprache: de · Herkunft: es

Wie es war – aus zweiter Hand

Rezension vom 02.10.2019 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Was man kaum erwarten würde: Dieses Buch besticht durch seinen hinter­grün­digen Humor, die leise Ironie, den trockenen, derben Realismus seiner Beschrei­bungen. Darüber hinaus wartet es mit einer ganzen Reihe weiterer Originali­täten auf, die für ein unterhalt­sames und gleich­zeitig qualitäts­volles Lese­erlebnis sorgen. Dies sei vorausge­schickt, weil der Titel und das historisch-politische Thema mit Ernsterem, Tristerem rechnen lassen. Dass der Autor dies keineswegs ausblendet, sondern mit nach­haltiger Wirkung einzubinden weiß, beweist seine Meister­schaft. Jedenfalls liest man »Langsame Jahre« nicht in erster Linie als ›politischen Roman‹.

Vier Jahrzehnte lang lähmte die Politik des Francisco Franco das öffentliche Leben Spaniens. Noch bis kurz vor seinem Ende (1975) unter­schrieb der Genera­lísimo »mit schlaffer, zittriger und immer hinfälli­gerer Hand … Todes­urteile« für missliebige oder vermeint­liche Gegner. Während anderswo in der Welt das Leben immer rascher pulsierte, herrschte in Spanien eine Zeit »histori­schen Dahin­siechens«, »langsame Jahre«, denn, so empfand es der Erzähler, »eine Minute der Diktatur … dauerte anderthalb oder zwei Minuten«. Aus dem Alltag jener Zeit erzählt Fernando Aramburu, 1959 in San Sebastián geboren, in seinem 2012 erschie­nenen Roman »Años lentos«, den Willi Zurbrüggen ins Deutsche übersetzt hat. Der Autor zeichnet darin ein Bild klein­bürger­lichen Lebens im Baskenland gegen Ende der Sechziger­jahre. Eine allein­erzie­hende Mutter – der »Kerl« von Vater hat sich abgesetzt – kann ihre drei Söhne unmöglich aus eigener Kraft durch­bringen, doch ihre in San Sebastián verheira­tete Schwester, Tante Maripuy genannt, lässt sich breit­schlagen, den jüngsten, stillsten und artigsten Sohn aufzunehmen. Doch die knappen räumlichen und finan­ziellen Ressourcen der Arbeiter­familie Barriola setzen ihrer Hilfs­bereit­schaft und Nächsten­liebe Grenzen.

Als sich der Protagonist und Ich-Erzähler Anfang 1968 als Achtjähriger mit einem Karton voller Hühner als Mitbringsel auf den Weg in die Stadt machen darf, gilt er als »Glückspilz«. Doch am Ziel seiner Reise begrüßt ihn nur die Tante herzlich. Onkel Visentico ignoriert ihn, und der gut zehn Jahre ältere Cousin Julen, der fortan sein Zimmer mit ihm teilen muss, demütigt ihn gnadenlos. Allnächt­lich durchleidet der Junge ein grausames Ritual, wenn Julen von seinen Freunden eintrudelt, die letzte Zigarette des Tages raucht, seine inferna­lisch stinkenden Füße entblößt und den vor Heimweh weinenden »Scheißer aus Navarro« all seine Verachtung spüren lässt: »Wärst du ein Baske, würdest du nicht weinen.«

Materiell hängt die Familie Barriola am Tropf der örtlichen Seifenfabrik. Onkel Visentico arbeitet dort als Handlanger, zu Hause verdienen die anderen durch Einwickeln der Seifen­stücke ein paar Peseten dazu. Nach der Arbeit zieht es Visentico in die einzige Bar des Viertels, wo er nichts sucht als seinen Frieden. Jedem Streit geht er aus dem Weg, auch bei seiner Frau, der er »mehr Befehls­gewalt als Jesus Christus« zuschreibt: »So stark wie du bist, kannst du dich selbst verteidigen.«

Doch nicht einmal die Tatkraft Tante Maripuys, dieser robusten Löwin, die ihre Familie immer wieder gegen üble Nachreden aller Art verteidigt, vermag die Zügel­losig­keit ihrer schwierigen sieb­zehn­jähri­gen Tochter einzu­grenzen. Mari Nieves, »nicht besonders hübsch, gesund und kräftig, ein bisschen mollig«, hat den »starken, zu Herrsch­sucht neigenden Charakter« ihrer Mutter, dazu jedoch einen »maßlosen sinnlichen Appetit«. Bald ist sie schwanger und weiß selbst nicht so genau von welcher beiläufigen Gelegenheit. Nun ist Tante Maripuy vor die schwierige Aufgabe gestellt, einen Jungen aufzu­treiben, der schlichten Gemüts genug ist, um Maris ramponierte Ehre durch Verehe­lichung zu kitten

Es sind die einfachen Leute, die mit ihrem individuellen Schicksal geschlagen sind, es hinnehmen, wie es kommt, und irgendwie damit klarkommen. So rau, vulgär, missgünstig und schadenfroh sie bisweilen miteinander umgehen, so wenig schmälert das ihren Zusam­men­halt. All diese Episoden zeugen von der Enge in den ärmlichen Lebens­umstän­den der Menschen und sind doch so leichthin erzählt, dass ein feiner persön­licher Humor im Vordergrund steht. Im Hintergrund aber überwölbt die politische Sphäre die private Ebene immer bedroh­licher. Wie dicke Tinte dringt der spanische Franquismus in das Alltags­leben der Familie, des Dorfes, des Basken­landes und verdrängt die Leich­tigkeit. Neben Mari Nieves und ihrem Bastard erweist sich im weiteren Verlauf Cousin Julen als das eigentliche Sorgenkind, dessen undurch­schau­bare Aktivitäten ihn, seine Familie und andere gefährden können.

Bald erkennt Julen die charakterlichen Qualitäten seines kleinen Zimmer­genos­sen, unseres Erzählers. Eines Nachts vertraut er ihm sein Geheimnis an: Unter seiner Matratze hütet er eine baskische Flagge. Insgeheim ist er nämlich Mitglied einer patrioti­schen Unter­grund­gruppe, die, ange­stachelt vom fanatischen Pfarrer, darauf zielt, Widerstand gegen Francos Spani­sierungs­politik zu leisten. Ihr iden­titäts­stiften­des Medium ist die baskische Sprache: »Baske ist nur der, der Euskera spricht.« Deswegen quält sich Julen, ein groß­mäu­liger Hitzkopf und »miserabler Schüler«, nach des Tages Arbeit in einer Brauerei des Nachts mit Vokabeln und Grammatik. Sein Mitbewohner wird zum Zuhörer seiner hoch­fliegen­den Ambitionen – er werde als Attentäter Francos in die Geschichte eingehen –, kann damit aber nicht viel anfangen. Doch auch der Junge registriert, wie der Über­wachungs­druck im verhängten Aus­nahme­zustand steigt und polizei­liche Willkür jeden treffen kann.

Aber gibt es dieses Buch überhaupt? Was uns Fernando Aramburu hier vorlegt, ist lediglich ein Werkstück im Ent­stehungs­prozess. Er gibt vor, einen »wahr­hafti­gen« Roman über ein Viertel von San Sebastián zur Zeit seiner eigenen Kindheit schreiben zu wollen. Darüber hat er sich in der Planungs­phase offen­sicht­lich mit einem guten Bekannten gleichen Alters unterhalten und darum gebeten, ihm authen­tisches Material zukommen zu lassen. Dieser Zeitzeuge hat »Herrn Aramburu« verab­redungs­gemäß seine Erlebnisse formuliert, so wie ihm »der Schnabel gewachsen ist«, ohne sich »um Struktur und Stil« zu kümmern (»das ist ja Ihre Sache«).

So wie es zwischen den Buchdeckeln aussieht, hat »Herr Aramburu« allerdings einfach die Texte seines Lieferanten arrangiert und dazwischen seine eigenen Anmerkungen in 39 »Notaten« fest­gehal­ten. Das sind hin­gewor­fene Notizen und Skizzen, Über­legun­gen, Ideen, Schrift­steller-Tricks, inhaltliche Ergänzungen, Dialog­ent­würfe, Episoden, Stilfragen, die er abarbeiten müsste, wenn er das konzipierte Werk denn jemals fertig­stellen würde – was durchaus fraglich erscheint. Denn der Autor will nur verarbeiten, was »literarisch etwas her macht«, und sich überhaupt nur Zeit dafür nehmen, »wenn ich merke, dass die Geschichte flutscht«.

Einen Roman (vorgeblich) in den frühen Phasen seiner Entstehung, als Konzept, als bloße Material­samm­lung vorzulegen ist zweifellos eine originelle und amüsante literari­sche Idee. Die »Notate« führen vor Augen, welch grenzenlose Ge­staltungs­frei­heiten ein Schrift­steller genießt, und das unfertige Produkt illustriert die kritische Distanz zu seiner »Quelle«. Der Ich-Erzähler berichtet sein eigenes Erleben ungeküns­telt, ohne Hinter­gedan­ken, mithin glaubwürdig, muss aber einräumen, gewisse Umstände selbst nur aus zweiter Hand oder gar gerüchte­weise vernommen zu haben. Gleich­zeitig ersucht er um Anonymi­sierung seiner Geschichte, um jegliche Wieder­erken­nung zu vermeiden. Die Vorgänge in der Franco-Diktatur – Bespitze­lungen, Feigheiten, Verdächti­gungen, Geheim­aktionen, Manipula­tionen … – sind unliebsame Wahrheiten, die besser niemals ans Licht des Tages kommen sollen, könnten sie doch heute noch Miss­stimmun­gen hervorrufen. Wie der Erzähler in der Deckung der Anonymität bleiben, keine Verant­wortung aufge­bürdet bekommen möchte, so zieht sich in diesem Spiel mit dem Leser auch der Autor aus der Affäre, indem er sich der Gestaltung verweigert.

Fernando Aramburu wurde mit seinem 2016 veröffentlichten Buch »Patria« Fernando Aramburu: »Patria« bei Amazon weit über seine Landes­grenzen hinaus bekannt. Der in viele Sprachen übersetzte Roman, der sich mit dem politischen Terror der ETA im Baskenland, mit seinen Tätern und Opfern, mit seinen Lang­zeitfol­gen auf die Menschen und die Gemein­schaft aus­einander­setzt, wurde mit vielen Preisen ausge­zeichnet (u.a. dem »Premio Strega Europeo 2018«). Im Rückblick erscheint »Años lentos«, vier Jahre zuvor erschienen, in mancher Hinsicht wie ein Vorentwurf zu seinem Bestseller.


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