Rezension zu »I leoni di Sicilia« von Stefania Auci

I leoni di Sicilia

von


Der Aufstieg der Familie Florio von einfachen Gewürzhändlern zu den führenden Unternehmern und Neuerern im Sizilien des neunzehnten Jahrhunderts. Fleiß, Mut, Kreativität, diplomatisches Geschick, eiserne Disziplin und familiärer Zusammenhalt haben sie gegen viele Widerstände über Generationen hin stark gemacht.
Historischer Roman · Nord · · 448 S. · ISBN 9788842931539
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Sizilien

Eine Erfolgsgeschichte

Rezension vom 14.10.2019 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Florio – heutzutage löst dieser Name bei uns kaum Emotionen aus. Weinkenner schätzen den Marsala aus den Cantine Florio, Motor­sport­freunde mögen von der Targa Florio gehört haben, dem hals­brecheri­schen Auto­rennen, das von 1906 bis 1979 alljähr­lich die Berg­sträß­chen Nord­siziliens unsicher machte. Es wurde von Vincenzo Florio ins Leben gerufen, dem zweiten dieses Namens in einer Familie, deren Ruf damals Welt­geltung hatte. Aber nirgendwo wurde sie so verehrt wie in Sizilien. 1989 verstarb mit Giulia Florio die letzte Erbin einer Dynastie, die über mehr als einein­halb Jahr­hun­derte den Fortschritt auf der Insel verkörpert hatte.

Stefania Aucis Roman schildert die Schicksale der ersten beiden Genera­tionen (bis 1868; eine Fortset­zung wird sicher folgen). Die Anfänge waren äußerst bescheiden, aber die Charakter­züge, die den Aufstieg befördern würden, traten schon deutlich hervor. Nachdem zwei Erdbeben ihr süd­kalabri­sches Heimat­städt­chen verwüstet und Todes­opfer gefordert hatten, lassen sich die beiden Florio-Brüder Paolo (ein harter Bursche) und Ignazio (gewandter, ver­ständnis­voller, liebens­werter) 1799 in Palermo nieder und verwandeln ihr kleines Gewürz­lager inner­halb weniger Jahre in eines der führenden Geschäfte (»drogheria«) für Gewürze, Kräuter, medizi­nische Grund­stoffe und Kolonial­waren aus der ganzen Welt. Sie arbeiten hart, lernen schnell, sind zuverlässig, kompetent, diszipli­niert und ziel­strebig und entziehen der mäch­tigen etab­lierten Konkur­renz bald die anspruchs­volle Kundschaft. Dafür ernten sie Neid, Argwohn, Hass, Demüti­gungen und Intrigen, und lange klebt an ihnen der Ruf, sie seien nichts als zugewan­derte ver­schwitzte »facchini«.

Wichtige Unterstützer sind von Anfang an die alten Adelsfamilien, deren Einfluss in der erzkon­serva­tiven Klassen­gesell­schaft der Bour­bonen bis zur Einheit Italiens gesichert bleibt. Ihre Arroganz ist kaum erträglich, obwohl ihr zur Schau getra­gener Stolz längst ausge­höhlt ist. Nach und nach müssen viele ihr Tafel­silber verpfänden oder verkaufen (sofern sie es nicht am Karten­tisch verspielen), schätzen und verlangen aber dennoch höchste Qualität. Gleich­zeitig gewinnt eine wohl­habende Bürger­schaft an Einfluss, für die die soziale Herkunft weniger relevant ist als Fach­kompe­tenz und erst­klassige Waren. Über beides verfügen die Florio, dazu über Diskretion und vor­urteils­freie Umgangs­formen. Ihren Durch­bruch zu unge­kannten Unter­nehmens­dimen­sionen, gesell­schaft­licher Bedeutung und großer Finanz­kraft erzielen sie jedoch durch weit­sich­tige, kühne Innova­tionen. Paolos Sohn Vincenzo lernt von engli­schen Kauf­leuten wie Benja­min Ingham und John Wood­house, die im rück­ständi­gen Sizilien reüs­sieren konnten, und eignet sich ihre modernen Denk­weisen und Methoden an. Ein Handels­haus zu betreiben genügt ihm nicht – er will die gesamte Pro­duktions­kette von Land­wirt­schaft, Fischerei und Bergbau bis zur Verschif­fung nach Übersee in seiner Hand halten, darüber hinaus die Mechani­sierung einführen, Industrie nach Sizilien bringen und sich staat­liche Monopole sichern.

Palermo ist zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts eine quirlige Metropole von großer inter­natio­naler Anziehungs­kraft. Doch sie steht, wie die ganze Insel, unter dem Kura­tell der reaktio­nären Bour­bonen, die im fernen Neapel prachtvoll resi­dieren und in ihrem »König­reich beider Sizilien« jeg­liches Libera­lisierungs­begeh­ren im Keim ersticken. Dabei stehen ihnen die Briten, die mit Frank­reich um den Einfluss im Mittel­meer ringen, hilfreich zur Seite. Jahr­zehnte­lang werden rebel­lische Aufstände in Sizilien brutal nieder­geschla­gen, bis 1860 Gari­baldi an der West­küste landet, das nea­polita­nische Heer besiegt, die Insel dem König­reich Sardi­nien anschließt und der italie­nische Staat entsteht. Der schenkt Süd­italien aller­dings auch nicht die seit Jahr­hunder­ten ersehnte Selbst­bestim­mung, sondern stülpt ihm einfach seine pie­monte­sischen Strukturen über – mit tristen Folgen bis heute. Durch all diese politischen Fähr­nisse manöv­riert sich die Florio-Familie allein ihren eigenen Interessen folgend.

Stefania Auci, in Trapani geboren und jetzt in Palermo lebend, hat diesen potenzial­reichen und bisher fiktional unbe­arbeite­ten Stoff für ihren Roman an Land gezogen. Ihren selbst gesetzten Anspruch – »cercando di ricostruire non solo la vita di una famiglia, ma anche lo spirito di una città e di un’epoca« – hat sie bravourös erfüllt. Bereits in seinem Konzept enthält dieses Buch alles, was einen Best­seller verspricht. Es ist in einer Zeit und Gegend angesiedelt, wo uns vieles befremd­lich erscheint, es befasst sich mit einer histori­schen Familie klang­vollen Namens, mit starken Männern und Frauen, die sich durch nichts und niemanden davon abhalten lassen, ihre Wege zum Erfolg zu bahnen, mit fiesen Gegnern und ihren Ränken, die dennoch nichts ausrichten können gegen die Über­legen­heit der Protago­nisten, schließlich mit deren Liebe und Leid, Gefühlen und Geheim­nissen, Stärken, Schrecken und Schick­salen über Jahr­zehnte hin. In Firmen- und Presse­archiven, dazu in den Besitz­tümern der Familie fand die Autorin in privaten Unter­lagen und Brief­wechseln reichlich Material, das sie zu einem episch aus­ladenden Schmöker verarbei­tete, der bereits vor seiner Ver­öffent­lichung in Italien nach Deutschland, Frankreich, Spanien, in die USA und die Nieder­lande verkauft wurde und für eine Fernseh­serie vorgesehen ist.

Auci erzählt die Handlung geradlinig, schnörkellos, hübsch der Reihe nach in kleinen Szenen, zwischen denen manchmal längere Zeiträume über­sprungen werden. Mehr Raum als den kühnen unter­nehme­rischen Aktivitäten widmet sie der detail­lierten Heraus­arbei­tung der Charaktere und ihres Innen­lebens. Mit Ignazio und Paolo, dessen Ehefrau Giu­seppina und beider Söhnchen Vincenzo waren auch ein Schwager sowie eine verwaiste junge Nichte nach Palermo gekommen. Wenn später Vincenzo – ein ebenso rigoroser, materialis­tischer und besitz­ergrei­fender Mann wie sein Vater – die Firma zu einem Konzern mit vielen Geschäfts­feldern erweitert, zieht er die Unter­nehmer­tochter Giulia aus Mailand an seine Seite (wobei heutige Leser entsetzt sein werden, wie selbst Frauen der ›besseren Kreise‹ damals eng begrenzt und rechtlos lebten). Die Bezie­hungen all dieser ausge­prägten Persön­lichkei­ten zuein­ander, ihre Ansichten zur Führung der Geschäfte und zu ihrer Rolle in Familie und Gesell­schaft bergen erheb­lichen Zünd­stoff für drama­tische Konflikte, die der auktoriale Erzähler gestaltet, ohne je zu urteilen. Ohnehin lässt ihn die Autorin keinen freien Gebrauch von seiner Wissens­über­legen­heit machen, sondern dosiert seine Informa­tionen lieber geschickt, um Spannung aufzu­bauen.

Äußerst reizvoll ist die lebhafte Ausgestaltung der Erzählung mit Details, die alle Sinne ansprechen. Das ist dem Thema ange­messen, denn so können wir die Gerüche, Farben, Geräusche im Stamm­geschäft (»aroma­teria«) der Florio nach­voll­ziehen. Geschickt eingebaute fachkundige Erläute­rungen geben Aufschluss zu den exotischen Waren, ihrer Herkunft, Verarbei­tung und Wirkung in Küche, Kosmetik und Medizin. Indem die Florio-Männer ihre Aktivi­täten erweitern, erfahren wir ebenso Interes­santes über Seide, Schwefel, Marsala-Wein, die Konser­vierung von Thunfisch, über Dampf­maschi­nen, Schiffe und englische Fabriken, über inter­natio­nale Handels­beziehun­gen und politische Entwick­lungen. Wie eindrucks­voll lebhaft Auci Wohn­räume, Kleidungs­stücke, das emsige Treiben im Hafen und in den Gassen Palermos beschreibt und die Gespräche unter­schied­lichster Register, oft mit dialektalen Ein­spreng­seln, gestaltet, belegt nicht nur die Tiefe ihrer Recherchen, sondern auch ihre sensible Imagina­tions­kraft.

Dennoch stellt der Text für den fortgeschrittenen Fremdsprachler (Level B2) keine Über­forde­rung dar, denn der Stil ist nach literari­schen Maßstäben relativ schlicht, die Syntax einfach, das Italie­nisch auch für uns Nicht-Italiener gut zu verstehen. Das Erzähl­tempus ist durch­gängig das Präsens. Was die vielen Fach­begriffe für Waren, Wirt­schaft und Technik sowie die Dialekt­aus­drücke betrifft, muss man Mut zur Lücke mit­bringen und einfach weiter­lesen – die Bedeu­tungen klären sich oft durch anschlie­ßende Para­phrase, in Wiederho­lungen, aus dem Kontext, und schlimms­tenfalls ist es doch irrelevant, von welchem exoti­schen Kräutlein gerade die Rede ist. Oder man hält es mit Benja­min Ingham, »un giovanotto inglese, da poco arrivato a Palermo«, der mit dem Ausdruck »Taliàrisi u’ cappotto« nicht viel anfangen kann. »L’inglese aveva aggrot­tato la fronte nel tentativo di capire quella frase. Ne intuiva il signi­ficato, aveva provato a ripeterla. Poi era scoppiato in una risata rauca perché non c’era riuscito.«


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