Rezension zu »Ein Schlag ins Gesicht« von Franz Dobler

Ein Schlag ins Gesicht

von


Kriminalroman · Tropen · · Gebunden · 365 S. · ISBN 9783608502169
Sprache: de · Herkunft: de

Viel Brust, viel Frust

Rezension vom 23.12.2016 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Ein Kriminalroman soll das sein? Die Handlung bietet wenig, um die Genre­zuord­nung des Verlages zu recht­fertigen. Überhaupt passiert äußerlich nichts Hervor­hebens­wertes in Franz Doblers neuem Buch. Man läuft (fährt) halt in München herum, sucht ein paar Leute auf, redet viel über Gott und die Welt, und so plätschern die Episoden dahin.

Seit Robert Fallner, 40, bei seinem letzten Einsatz als Polizist einen Achtzehn­jährigen in Notwehr erschoss, ist er nicht mehr auf die Beine gekommen. Den Polizeidienst hat er aufge­geben, die psycho­thera­peutische Behandlung bietet ihm keine Hilfe, seine Freundin, die Kriminal­haupt­kommis­sarin Jaqueline Hosnicz, hat ihn verlassen und ist zu einem Ex-Kollegen überge­laufen.

Nach Silvester kann er in der Security-Firma seines Bruders Hansen (noch ein Ex-Polizist) anfangen und darf gleich einen »Spezial­fall« über­nehmen, nämlich eine attraktive Sechzig­jährige von dem pene­tranten Stalker befreien, der ihr Leben bedroht. In den Sech­ziger-, Siebziger­jahren wurde das Soft­porno­stern­chen Simone Thomas (bedeu­tendster Film: »Die Satans­mädel von Titting«) als »die späte deutsche Antwort auf Jane Mansfield« gehandelt. Doch jetzt ist die Dame haupt­sächlich »schwierig«, sie fühlt sich vergessen, vernach­lässigt und ungeliebt. Um der Frau beistehen zu können, wird Fallner als »guter Hirte« in der absurden, traurigen Lebens­geschichte der Frau gründeln, ihr ein bisschen Wärme geben und sie auf harm­lose, keusche Weise »glücklich« machen.

Doch nicht so hastig. Erst verquatschen und versaufen wir den Silvester­abend mit dem Helden ausgiebig in »Bertls Eck«, seiner Stamm­kneipe mit »integrierter Sozial­station«. Die weiteren Gäste (»Veteranen«) sind »der alte Punk Armin«, dessen Körper reichlich tätowiert und mit Metall­accessoires betackert ist, zwei Rentner in »nach Armut riechenden Klamotten« und ihr kleiner Hund. Zu ihrer Konsumation und Konver­sation dröhnt uralter Punkrock aus der Musikbox. Zu aller Verwunderung schneit vor Mitternacht ein Sextett stark geschminkter Frauen in schwarzen Stiefeln, roten Lack­mänteln und Perücken herein; die Anwesenden revita­lisieren sich schlagartig, und The Clash weichen Roy Black und seiner Schnulze »Wie ein Schlag ins Gesicht«. Die sechs »attrak­tiven Sünde­rinnen« gehören zur Band »Die aufge­regten Killer­bienen« und veran­stalten just in dieser Kneipe mit dem aparten Setting (»angenehm jenseits der neo­libera­len mother­fucking Mittel­klasse­clubs für Dubstep-Ärsche«) ein Foto-Shooting.

Endlich (auf Seite 96) trifft Fallner zum ersten Mal auf Simone Thomas. Die Ex-Sexbombe sitzt in dunkel­blau strah­lendem Morgen­mantel auf einem großen roten Sofa, wirkt aber verstört. Neben ihr lümmeln ihr Sohn (iPhone, schwarze Cowboy­stiefel) und ihr Agent (in Lauer­stellung). Vielleicht, sinniert der Ex-Bulle, könnte der Fall bereits gelöst sein, wenn er das Opfer von der »Plage« ihrer Bezugs­personen befreie. Doch ganz so einfach lässt Franz Dobler seinen Ermittler nicht davon­kommen. Erst muss Fallner noch viele, viele weitere Gespräche führen. Trotzdem resümiert er am Ende: »Ich hatte ewig keinen Fall, bei dem so wenig passiert ist, kein Mord, kein Blut ... ich kann mich an kaum einen Fall erinnern, der so mies war.«

Und natürlich hat er Recht. Hat der Autor mit diesem Krimi, der sich irgend­wie verweigert, ein solcher zu sein, vielleicht das alte Genre originell umge­krempelt, in neue Bahnen gelenkt? Eine produktive Kreativ­leistung kann ich nicht erkennen, wo doch einfach mal sämtliche Spiel­regeln ignoriert wurden. Was übrig bleibt, ist dann halt ein Roman über die einsamen, glücklosen Typen, die sich darin tummeln. Einige sind nur verschroben, andere geradezu unaus­stehlich (darunter wohl auch Fallner), aber alle sind sie geschei­terte Existenzen, die ihre schlimmen Erfah­rungen und trüben Aussichten durch Saufen und Sinnieren kom­pen­sieren und sich durch zynisches Sprüche­klopfen zu profi­lieren suchen. Die Stimmung ist depressiv: »Warum sollte man eigentlich leben, wenn man so verflucht wenig Glück hatte?«

Lesenswert und unterhaltsam macht dieses Buch zweierlei: Erstens ist es prall von Anspie­lungen (zumindest name-dropping) auf die Kultur der letzten fünf, sechs Jahr­zehnte. Vier­einhalb Seiten mit Quellen­hinweisen zu Filmen, Musik, Literatur und Gesetzes­texten lassen ahnen, was alles zu ent­decken ist, wenn man die dünne Ober­fläche des Plots und die einspurige, ziemlich klischee­hafte Figuren­auswahl erst einmal hinter sich zu lassen bereit ist. Dobler hat als Schrift­steller, Jour­nalist und DJ gearbeitet, ist ein kom­peten­ter Fachmann für Country-Musik und die Entwicklung des Pop und belegt hier umfassende Ein­blicke in die histo­rische Soft­porno­produk­tion vom Typ »Schul­mädchen­report«.

Zweitens hantiert der Autor eindrucksvoll souverän, originell und oft komisch mit Sprache verschie­denster Register. Neben doku­mentarisch und juristisch angehauch­ten Passagen, effekt­voll auf eine Pointe hin zuge­spitzten Episoden, einer Para­phrase der schönen alten Moritat vom Frauen­zimmer Sabinchen, witzigen und coolen Sprüchen, wisecracks (»Ich bin der Meinung, dass die Schlampe in Schmuddel­film­chen auch nicht schlimmer ist als ein Heinz Rühmann in Nazi­film­chen«), rheto­rischen Kunst­stück­chen (Fallner hatte »Polizei­kontakte ..., die sein Bruder nicht hatte. Obwohl er einige hatte, die Fallner nicht hatte; inklusive einiger, die nicht einmal exis­tierten; und das waren die wich­tigsten«.) und reiner Poesie verstören freilich ein paar trashige Tief­schläge ins Ordinäre, abstoßend Ekel­erregende, sexuell Explizite. Wo in der west­lichen Welt längst alle Tabus gebrochen sind, belegen solche ›Tabu­verlet­zungen‹ weder Zivil­courage noch künst­lerische Inno­vations­kraft.

Franz Doblers exzentrischen, ostentativ finsteren, tristen und dreckigen ›Krimi‹ »Ein Schlag ins Gesicht« mögen seine Fans zum Kult­roman hochstilisieren. Mich hat er nicht begeistern können.


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