Rezension zu »Die weiße Straße« von Edmund De Waal

Die weiße Straße

von


Belletristik · Zsolnay · · Gebunden · 464 S. · ISBN 9783552057715
Sprache: de · Herkunft: gb

Berge aus Porzellan

Rezension vom 30.12.2016 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Edmund de Waal, geboren 1964 in Nottingham, ist Professor, Autor und Keramiker. Sein 2010 erschie­nenes litera­risches Erstlings­werk »The Hare with the Amber Eyes« (dt.: »Der Hase mit den Bern­stein­augen«, 2011) [› Rezension], die sehr persönliche Geschichte seiner jüdischen Familie und ihrer Netsuke-Sammlung, machte ihn inter­national berühmt und wurde zum Welt­best­seller.

Sein zweites Buch »The white road« Edmund De Waal: »The white road« bei Amazon, übersetzt von Brigitte Hilzensauer, behandelt erneut ein Sachthema, das jedoch auf wunder­bare Weise erzäh­lerisch-belletris­tisch aufbe­reitet wird. Es geht um die mehr als tausend­jährige Geschichte der Porzellan­herstellung, die im alten China begann und bis nach Dachau führte. Diese harte, zugleich filigrane, trans­parent schim­mernde, beliebig form- und färbbare feine Keramik­sorte war bis in neuere Zeiten ein Status­symbol der Eliten. Wer die geheimnis­umwitterte Kunst ihrer Produk­tion beherrschte, war bei den Reichen und Mächtigen begehrt und führte in deren Diensten nicht selten ein Leben voller Gefahren oder in Gefangen­schaft.

De Waal referiert nicht einfach, was bereits in zahlreichen Standard­werken zusammen­getragen ist. Er hat persönlich und aufwändig über fünf Jahre hin recherchiert und ist zu den betref­fenden Orten gereist. Sein Buch ist daher die Beschrei­bung einer tatsäch­lichen Annähe­rung an sein vielfäl­tiges Sujet. Dies gilt noch in einem weiteren Sinn: Da er selbst Keramiker ist, fließen auch sein eigener Werde­gang, seine eigenen Erfah­rungen beim Gestalten ein. Wenn er beschreibt, wie sich die Erden anfühlen, was auf der Töpfer­scheibe geschieht, welche Gefühle das Öffnen des Brenn­ofens begleiten, dann können wir Leser davon profitieren, dass de Waal nicht zuletzt ein begabter Schrift­steller ist. So ist diese ›Geschichte des Porzellans‹, die keine Sachfrage unbeant­wortet lässt, mehr noch eine Art Liebes­geschichte zwischen dem Autor und seinem Stoff – und eine engagierte Hinfüh­rung des Lesers an den Zauber des fragilen Materials, das seit Jahr­hunderten Menschen in aller Welt in seinen Bann schlägt.

Die äußere Gliederung – 66 Kapitel in fünf Teilen plus Coda, über­schrieben mit den Ortsnamen Jing­dezhen, Versailles, Dresden, Plymouth, Ayoree Hill, Etruria, London, Dachau und New York – scheint die gewaltige Stoff­menge bändigen zu können. Tatsäch­lich gibt sie nur grobe Orien­tierung. Der Autor unter­wirft sich keiner strengen Systematik. Seine Begeis­terung treibt ihn voran, Reise­erleb­nisse, histo­rische Ex­kur­sionen, Reportage ähnliche Passagen, philoso­phische Reflexio­nen lösen einander ab. Stets ist die volle Aufmerk­samkeit des Lesers gefordert, doch der hängt ohnehin atemlos an de Waals Feder.

De Waal plante seine Reisen als »eine Art Wallfahrt zu den Anfängen«, als »Pilgerfahrt«. »Weiße Berge« will er besteigen. Sie liegen in China, Deutschland, England und Amerika. Hier hat man die Mineralien ge­funden, die die Grundlage des »Weißen Goldes« bilden. Viele Miss­erfolge mussten dort durch­litten, un­zählige Menschen­leben geopfert werden, ehe die begierigen Auftrag­geber zufrieden­gestellt waren. »Diese Reise ist eine Schuld­abstat­tung an diejenigen, die früher waren«, schreibt de Waal.

Sein erstes Ziel ist Jingdezhen, das »Welt­zentrum des Porzellans«, vor über tausend Jahren zur kaiser­lichen Manu­faktur erhoben. Nicht weit entfernt erhebt sich der Berg Gao-ling mit seinen Porzellan­erde­vorkom­men, heute eine riesige Abraum­halde aus über Jahrhun­derte entsorg­ten Scherben. 1698 hatte der aus Frank­reich angereiste Jesuiten­pater François Xavier d'Entre­colles (1664-1741) das Geheimnis (»Arkanum«) der Porzellan­herstellung erforscht und die Rezeptur nach Hause geschickt. Seither nennt man bei uns die unter verschie­denen Namen bereits bekannte weiße Tonerde »Kaolin«.

Über die Stadt Jingdezhen, wo man auf der »Straße der Reproduktionen« für kleines Geld unge­zählte Arti­kel aus weißem Porzellan findet (Mao-Plaketten, Tee­schalen, einen »Mönchs­kappen-Krug«, sieben T'ang-Schalen, perfekt auf alt getrimmt), gibt es so viele Geschichten zu erzählen, dass der Autor sie »sammeln« wird, in »einer Art Plastik­beutel, in dem sie zufällig zusammen­stoßen« (ein passendes Bild für die Struktur dieses Buches).

Edmund de Waal ist in offizieller Mission hier, um als Kurator eines westlichen Museums eine Ausstel­lung von Jingdezhen-Porzellan vorzu­bereiten. Wie er die kontinu­ierliche Über­wachung des Programm­ablaufs schildert, lässt schmunzeln, bis ein unaus­weich­licher Besuch im Museum für »Revo­lutions­keramik« vor Augen führt, dass auch Porzellan­kunst ideo­logisch instru­menta­lisiert wird. Zwanzig Zenti­meter hohe Figür­chen ästheti­sieren blanken Terror – ein Mädchen mit Spotthut, eine Exekutions­szene – und machen sprachlos. Fragen sind nicht erwünscht.

China begegnen wir erst gut vierhundert Seiten später wieder, wenn Maos Kultur­revolutio­näre dabei sind, alles »Reak­tionäre« und »Konter­revolu­tionäre« zu vernichten. Bis dahin wechselt der Autor noch viele Male das Thema, erzählt und berichtet von sich und anderen, aus der Jetzt­zeit oder der Vergangen­heit, ver­setzt sich an die unter­schied­lichsten Orte und in die Lage vieler anderer Menschen. Einer davon ist Pater d'Entre­colles, der die grausigen Arbeits­bedingun­gen der Million armer, verkrüp­pelter, kranker Seelen schildert, die sich für einen Hunger­lohn zu Tode schuften müssen, um dem Kaiser immer neue Schätze in die »Verbotene Stadt« zu liefern: weiße Elefanten, eine weiße Pagode aus Porzellan ...

Den zweiten »weißen Berg« sucht Edmund de Waal in Sachsen auf. Dort ist der junge Prinz Friedrich August schon Jahre, bevor er 1694 Kurfürst von Sachsen wird, der »maladie de porcelaine« verfallen. Welche Pracht ein Hof entfalten kann, hatte ihm ein Besuch in Versailles vor Augen geführt, und edles Porzellan war dazu unab­dingbar. Kostbare Objekte aus der Ming-Dynastie – Geschenke eines Medici – be­feuerten eine Sammel­leiden­schaft, die auf Dauer nicht einmal die sächsi­schen Staats­finanzen stillen konn­ten (Nach seinem Tod 1733 würde August der Starke die größte Porzellan­sammlung der Welt hinter­lassen.).

Einen Ausweg erhofft man sich von dem jungen Chemiker und Alchimisten Johann Friedrich Böttger, der 1701 vor Zeugen Silber in Gold verwandelt hatte. Jahrelang hält man ihn an verschie­denen Orten gefan­gen, doch das ersehnte Wunder kann er nicht wieder­holen. Dafür kommt er mit seinen Mitar­beitern beim Experi­mentieren mit Werk­stoffen für hoch­temperatur­feste Labor­geräte dem Geheimnis des »weißen Goldes« auf die Spur und lernt, Porzellan samt Glasur und Farben herzu­stellen. 1710 wird die »königlich-polnische und kurfürstlich-sächsische Porzellan­manu­factur« in Meißen gegründet. 1719 stirbt Böttger, körperlich und finanziell am Ende.

Nicht annähernd so spektakulär, geheimnisvoll und abenteuerlich wie in Sachsen verlief die Ent­stehungs­geschichte des englischen Porzellans (»Wenn Dresden Techni­color war, mit Mätressen und Flucht­plänen, dann verspricht England bloß viele fehl­geschlagene Experi­mente.«). Der Protagonist an de Waals drittem Reiseziel ist Josiah Wedg­wood (1730-1795), der einen »Haudegen« über den Atlantik schickt, um dem Cherokee-Volk ein paar Tonnen ihrer weißen Tonerde »unaker« abzu­luchsen. Sie wird aus dem Inneren des Appa­lachen-Berges Ayoree (oder Aoyee? jeden­falls de Waals vierter Berg) gefördert und mühselig an die Küste und nach London verfrachtet. Derweil hat der Apotheker William Cook­worthy die Bestand­teile asiati­schen Porzellans aus Mineralien raffiniert. Ab 1770 produziert seine »Plymouth Manu­factory« Vasen, Tee­geschirr und Krüge.

Im zwanzigsten Jahrhundert wird die weiße Ware zum industriell fabrizierten Alltags­produkt für die Massen. Aber Lieb­haber und Sammler kunst­voller Unikate gibt es immer noch. Einer von ihnen ist Hein­rich Himmler. Gern beglückt er auch verdiente SS-Familien mit »Jul­leuchtern« aus der Porzellan­fabrik Allach. 1940 verlegt Himmler die Produktion ins Konzen­trations­lager Dachau, wo nun Gefangene Objekte gestalten, die die gesamte NS-Führung beein­drucken (»sich auf­bäumender Hengst mit flatternder Mähne«, »Friedrich der Große zu Pferd«, ein muskulöser »Fechter«, auf seinen Degen gestützt).

Edmund de Waals komplexes Buch fesselt den Leser durch die Begeisterung seines breit gebildeten, sprach­mächtigen Autors. Er ist ein Getrie­bener, von der Suche nach dem total reinen Weiß des Porzellans besessen, dessen Symbolik er auslotet, dessen Geschichte er hinreißend erzählt.


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