Rezension zu »Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat« von Gavin Extence

Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat

von


Belletristik · Limes · · Gebunden · 480 S. · ISBN 9783809026334
Sprache: de · Herkunft: gb

Ein ungleiches Paar

Rezension vom 28.04.2014 · 6 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Wer wird denn schon vom Blitz erschlagen? Noch viel unwahrscheinlicher ist, den Hauptgewinn beim Lotto abzuräumen. Den seltensten Vogel aber schießt ab, wer sich rühmen kann, ein Meteorit habe ihn ge­troffen.

Alexander Morgan Woods kann das. Von irgendwoher raste ein Gesteinsbrocken durch das end­lo­se Welt­all, fand unseren Planeten, rieb sich in dessen Atmosphäre zur Größe einer Orange ab und erwählte zum Ziel seiner langen Reise den Kopf des zehnjährigen Knaben, der nichtsahnend das Badezimmer unterm noch intakten Dach aufgesucht hatte. Geschehen in Glastonbury im Juli 2004; die Medien berichteten aus­führlich.

Natürlich war das alles andere als ein amüsantes Ereignis. Mutter Rowena findet ihren Sohn in einer Blut­lache. Als er zwei Wochen später aus dem Koma erwacht, hat man ihm auf seine verletzte Schädeldecke eine Platte implantiert. Seine motorischen und geistigen Fähigkeiten sind nicht beeinträchtigt, allerdings wird er jahrelang Medikamente einnehmen und Entspannungstechniken üben müssen, um seine epilepti­schen Anfälle beherrschen zu lernen. Eine Narbe und die teilweise fehlende Kopfbehaarung werden seine unveränderlichen persönlichen Merkmale bleiben.

Gut ein Jahr geht Alex nicht in die Schule, damit er in Ruhe Stress und Ängste abbauen kann. Eine Privat­lehrerin arbeitet mit ihm den Stoff der Grundstufe nach, damit er Prüfungen besteht und den Anschluss zu seinen Altersgenossen wiederfinden kann. Daneben liest der überdurchschnittlich begabte Junge, was er in die Finger bekommt. Eine Astrophysikerin schickt ihm Fachliteratur und hält Briefkontakt mit ihm.

Trotz allem wird Alex in der Mittelstufe eine Klasse zurückversetzt und findet sich daher unter lauter jün­ge­ren Mitschülern. Seine äußere Erscheinung, die Krankheit, die Befreiung vom Sport und seine unge­wöhn­li­chen Interessen machen den »Ally-Trottel« zum Outcast. Die alleinerziehende Mutter, die mit Wahr­sa­ge­rei den Zweipersonenhaushalt mehr recht als schlecht über Wasser hält, gilt als »Hexe«.

So wird die Jugend des Sternenkindes zur Horrorzeit. Ständig ist er auf der Flucht vor den hirnlosen Wort­führern aus der Schule und freut sich, wenn er sicher sein Zuhause erreicht. Einmal sucht er, von prügeln­den Rowdies verfolgt, Schutz in einem fremden Gartenschuppen, während draußen die Minimachos vor Wut ein Glas­ge­wächs­haus demolieren. Auf einmal steht ein alter Mann in der Tür, richtet seinen Stock wie ein Gewehr auf den merk­wür­di­gen Jungen und verlangt Erklärungen. Doch der gibt keine Namen preis; er hat schon Angst genug vor einem sich anbahnenden Epilepsieanfall.

Nun muss Alex für den entstandenen Schaden aufkommen, indem er bei dem Herrn für die nächste Zeit Garten- und andere Arbeiten übernimmt. Sie lernen einander näher kennen, und zwischen den ungleichen Partnern entwickelt sich eine intensive Freundschaft, die beide bereichert.

Mr. Isaac Petersen ist ein misanthropischer Grantel und kauziger Idealist. Der gebürtige Amerikaner wurde einst in Vietnam verletzt, kifft ab und zu und verbringt seine Tage damit, gegen Ungerechtigkeiten in aller Welt anzurennen: Vorzugsweise schreibt er Briefe an Politiker, um ihnen die Schicksale von Guantanamo-Lagerinsassen, inhaftieren Protestlern in China und unter fragwürdigen Umständen zum Tode Verurteilten vor Augen zu führen. Sein Lieblingsschriftsteller ist Landsmann Kurt Vonnegut.

Bis hierher erschöpft sich Gavin Extences Debütroman »The Universe Versus Alex Woods« Gavin Extence: »The Universe Versus Alex Woods« bei Amazon (den Alexandra Ernst übersetzt hat) in einer hinter­gründigen, humorvollen Analyse seiner etwas sonderbaren Protagonisten und des Lebens überhaupt. Alex bewältigt seinen harten Alltag auf bewundernswerte Weise, und die Begegnung mit einem anderen Ver­sehrten eröffnet ihm neue Inhalte und ganz andere Sichtweisen. Beispielsweise liest er Vonneguts Anti­kriegsbücher (»Slaughterhouse Five«) und gründet eine Leserunde.

Doch dann verändert sich der Charakter des Buches hin zum Ernsthaften. Mr. Petersen befällt eine schwe­re Krankheit; er wird zum Pflegefall. Der mittlerweile siebzehnjährige Alex leistet ihm Beistand und über­nimmt ver­ant­wor­tungs­vol­le Aufgaben, die sein Leben und seine Psyche weiter belasten.

Eine weitere Wende erfährt der Roman, als sich Mr. Petersens Zustand verschlimmert; eine Heilung ist aus­ge­schlos­sen, sein Tod absehbar. Aber wie sein Leben endet, darüber möchte er selbst bestimmen. Er weiß, dass in der Schweiz begleitende Sterbehilfe unter strengen Vor­aus­set­zun­gen erlaubt ist, und Alex soll ihn dort hin­brin­gen.

Verständlicherweise ist Alex spontan gegen die radikalen Absichten seines Freundes. Mr. Petersen ist sich darüber im Klaren, dass er damit einen sehr jungen Menschen in eine ungeheuer schwierige Problematik hineinzieht und ihm eine Entscheidung abverlangt, die ihn überfordern muss. Doch er hat nur ihn als mög­lichen Helfer ...

Aber Gavin Extence will gar keine differenzierte Diskussion aufkommen lassen, wer hier über den anderen bestimmen darf, geschweige denn über die vielschichtigen Aspekte der Themen Sterbehilfe und selbstbe­stimmtes Sterben. Stattdessen erstrecken sich über gut einhundert Seiten die Details der Kontaktaufnahme zu einer Sterbehilfe-Organisation, ehe die beiden dann die Reise in die Schweiz antreten.

Ein wenig Denkanstoß könnte auch Unterhaltungsliteratur leisten, hier jedoch verpufft die Gelegenheit zu­gunsten eines Abdriftens ins Skurrile. Bei seiner Rückkehr nach England erwischt Alex nämlich der Zoll in Dover. Alex deklariert, nichts zu verzollen zu haben, aber die Beamten entdecken im Auto jede Menge Schweizer Franken und Euro sowie 113 Gramm Marihuana. Alex' Behauptung, der Stoff sei »für den Ei­gen­bedarf, aber nicht für meinen«, erleichtert seine Lage nicht, zumal ihn Mr. Petersen nicht mehr entlas­ten kann: Auf dem Beifahrersitz ruht seine Asche in einer Urne. Diese Episode leitet den Roman ein und setzt bereits den Grundton.

Beworben wird Gavin Extences Erstling u.a. mit der Aussage »it might just strike you as one of the fun­niest, most heartbreaking novels you've ever read.« Mal abgesehen von den grandios überzogenen Super­lativen kann man dem Buch in der Tat ein gutes Unterhaltungsniveau bescheinigen, doch indem der Autor nicht etwas mehr als das anstrebte, hat er leider auch Chancen vergeben.


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