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Rezension zu »Alle Farben der Welt« von Giovanni Montanaro

Alle Farben der Welt

von


Belletristik · DVA · · 176 S. · ISBN 9783421045874
Sprache: de · Herkunft: it

Abweichung und bitteres Leid

Rezension vom 17.09.2013 · 4 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Dieses kleine Büchlein – eine Art Briefroman – erzählt von einem Maler, der Licht und Farben zum Leben erwecken konnte wie kein zweiter, und führt uns doch zurück in eine Zeit, die man ›dunkel‹ nennen muss, wenn man daran denkt, was Menschen angetan wurde, die psychisch krank waren oder von der Norm ab­wichen. Ver­gleichs­weise human ging es im bel­gi­schen Städtchen Geel im flandrischen Kempenland zu: Dort lebten schon seit dem Mittelalter ›Verrückte‹ aller Art und Erscheinung in unkomplizierter, einträch­tiger Gemeinschaft mit den ›normalen‹ Bürgern. Die Kranken lebten zum größten Teil in der Obhut von Familien, die dafür eine Ver­gütung erhielten. Ansonsten ließ man jeden Menschen nach seinen Möglich­keiten leben: Wer kann, er­ledigt einfache Hausarbeiten, gärtnert, arbeitet auf dem Feld, steht am Wasch­zuber, malt; andere laufen durch die freie Natur, schreien sich die Seele aus dem Leib oder brabbeln wirres Zeug vor sich hin. »Manche sind gefährlich, sie werden als unschuldig bezeichnet, und manche kommen wieder zu Verstand, einige wenige bringen sich um ….« Freitags führt man die Kranken in die Kirche der heiligen Dymphna, der Schutzpatronin der Verrückten, zu der schon seit Jahrhunderten Pilger aus ganz Eu­ropa beten und auf ein Wunder hoffen: »Du, die du weißt, was Wahnsinn ist, nimm fort ihn, wenn du gnä­dig bist«.

Wenn ein Verrückter verstirbt, so bleibt sein Platz in der Pflegefamilie nicht lange leer (die Warteliste auf dem Standesamt in Antwerpen ist lang). So erwartet man im Oktober 1877 einen neuen Gast, der mit der Mittagskutsche gebracht und mit einem Dorffest empfangen werden soll. Doch bis zum Abend fährt nie­mand vor. Erst als das rauschende Fest bereits tobt, stellt sich heraus, dass es einen Fremden hierher ver­schlagen hat. »Ich habe mich verirrt«, berichtet der seltsame Rothaarige; schon als Kind habe man ihn »fou roux«, den »rothaarigen Verrückten« gerufen, und er heiße Vincent van Gogh. (Ob Vincent van Gogh tat­sächlich jemals in Geel war, geschweige denn lebte, sei dahingestellt; lassen wir einfach Montanaros Fan­tasie ihren Lauf …)

Da nun mal ein Bett frei ist, nimmt ihn die wohlhabende, gastfreundliche Familie Vanheim in ihrem Haus, dem schönsten des Ortes, auf. Neben drei eigenen Kindern lebt auch die dreizehnjährige Waise Teresa Ohneruh (im italienischen Original »Senzasogni«) seit längerem unter ihrem schützenden Dach. Deren Mutter galt als »besessen«, irrte mit »erloschenem Blick« und »wilder Teufelsmähne« durch ihr schweres Leben, bis ein »gemeiner Kerl« sie schwängerte und sie bei der Geburt ihrer Tochter starb. Der königliche Inspektor hält das Baby für gesund, beschließt jedoch, es in Pflege zu geben, um es »vor den neugierigen Blicken und dem naiven Aberglauben der Dorfbewohner« zu schützen. Genau versteht der Arzt nicht, was es mit dem Kind auf sich hat, aber er spürt, es gibt etwas, das es »zu etwas Besonderem machte«.

Die Begegnung mit Monsieur van Gogh ist für Teresa ein einschneidendes Erlebnis, das sie ihr ganzes Le­ben hindurch verfolgen wird. Zum ersten Mal nimmt sie lustvolles Sehnen wahr und befriedigt heimlich ihre neue verbotene Begierde, obwohl sie befürchten muss, wie ihre Mutter durch Verrücktheit bestraft zu werden. Das Bewusstsein, eine Frau zu sein, stimmt sie glücklich; sie möchte Liebe schenken und Liebe erhalten, vielleicht heiraten und Kinder bekommen. Einziges Ziel ihres Fühlens und Denkens ist und bleibt Vincent: »Was hätte mir mehr gefallen, zu lieben oder von Ihnen geliebt zu werden? … Was für eine Frau wäre ich wohl heute?«

Neben den tiefgreifenden Gemeinsamkeiten zwischen ihnen erkennt Teresa eine bis dahin noch ver­bor­gene Leidenschaft für »alle Farben der Welt« in Vincents Wesen und hilft ihm, diese zu entfalten. Denn in letz­ter Zeit ist van Gogh als Laienprediger herumgezogen, hat hier und da Kohlestiftskizzen von Menschen und Natur dahinschraffiert, konnte sich damit bisweilen eine Bleibe eintauschen. Teresa sieht in seinen Augen, dass ihn ein »Drang erfüllte … bis ins Mark«, und bringt ihn auf den Weg, »um endlich ins Land der Farben zu gelangen«: Sie kauft ihm beim Kaufmann Monsieur Zoek, der den Verrückten sonn­tag­nach­mittags Malunterricht erteilt, Ölfarben, Pinsel und Leinwand.

Bald schon trennen sich ihre Wege wieder, denn van Gogh zieht weiter.

Als Sechsundzwanzigjährige beginnt Teresa einen langen, erschütternden Brief, ohne zu wissen, ob er sei­nen Adressaten (»Lieber Monsieur van Gogh«) je erreichen wird. Sie schildert darin das Leben in Geel und ihren eigenen Werdegang – wie sie lesen und schreiben lernt, van Gogh begegnet und liebt, später den epileptischen Anfall miterlebt, den er beim Malen seines ersten farbigen Bildes erleidet. Im Grunde war sie ein glücklicher Mensch – bis sie durch ein ärztliches Gutachten als »Verrückte« gebrandmarkt wird. Von da an lassen Erinnerungen an die entschwundene »farbige Fröhlichkeit … und der Schmerz, der uns nicht mehr loslassen sollte«, ihre Augen nicht mehr trocken werden. Ein Jahrzehnt später, im Frühjahr 1889, treffen Teresa und Vincent van Gogh noch einmal aufeinander, in der Nervenheilanstalt Saint-Rémy bei Arles; van Gogh erkennt sie nicht …

Teresa ist in mehrfacher Hinsicht eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Sie verzehrt sich nach wärmender Liebe. In jedem Satz ihres Briefes wird man tiefer und tiefer in den Strudel ihrer Gefühlswelt hineingezo­gen. Man kann man sich dem Mit-Leiden kaum entziehen, denn vieles von dem, was sie durchleben muss, ist kaum erträglich. Wegen ihrer Besonderheit gerät sie in den Fokus der Wissenschaft, wird zu einem be­gehrten, wertvollen Objekt und furchterregenden Analysen und ›Therapien‹ unterzogen. Die ungewöhn­liche, sensible Frau geht dabei unweigerlich zugrunde; ehe sie schließlich vollständig zerstört ist und der Wahnsinn seine Spitze erreicht, hat sie nur noch einen Wunsch: sie selbst sein zu dürfen. Eben dies ge­stattet man ihr nicht.

Der Roman, dessen Protagonistin und Ich-Erzählerin Teresa ist, überzeugt und fesselt nicht minder durch seinen Erzählstil (Karin Krieger hat ins Deutsche übersetzt), seine ungewöhnliche Thematik und seine viel­fältige Struktur. Am Ende hält er eine überraschende Wendung bereit. Kein Wunder, dass der Schriftsteller und Rechtsanwalt Giovanni Montanaro (1983 geboren) 2012 für »Tutti i colori del mondo« Giovanni Montanaro: »Tutti i colori del mondo« bei Amazon für den renommierten Premio Campiello nominiert wurde.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Herbst 2013 aufgenommen.


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