Rezension zu »Was niemand sah« von Eli Gottlieb

Was niemand sah

von


Belletristik · Droemer · · Gebunden · 288 S. · ISBN 9783426198896
Sprache: de · Herkunft: us

»Er war nicht mehr er selbst.«

Rezension vom 06.11.2010 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Der Ich-Erzähler Nick Framingham steckt in einer tiefen Midlife-Crisis. Sein Leben ist eine einzige verdammte Lüge, nichts ist mehr in Ordnung. Er hat eine Affäre, seine Frau Lucy wird sich von ihm scheiden lassen, seinen Job wird er verlieren. Sein Leben bricht auseinander.

Nicks Ehe mit Lucy ist am Kältepunkt ihrer Beziehung angekommen. Zwar liebt er sie und die beiden Söhne immer noch, aber all seine Versuche, die Eisschichten anzutauen, sind vergeblich.

Nicht nur sein gescheitertes Familienleben lastet auf Nicks Seele, sondern auch seine lieblose Kindheit. Während Bruder Patrick in einer "ekstatischen" Welt der Anerkennung gelebt hatte, war Nick mit dem Notwendigen versorgt worden. Dann verunglückte sein Bruder tödlich. Die Eltern hielten die Erinnerungen an ihn nicht mehr aus, verkauften das Haus und zogen in eine Seniorensiedlung nach Arizona. Nick will wissen, warum ihn sein Vater so abgewiesen, ihn sogar "Bastard" genannt hat.

Am dichtesten mit Nicks Leben verflochten war jedoch sein Sandkastenfreund Rob. Seit dieser sich vor sechs Monaten getötet hat, lebt Nick in seiner Vergangenheit. Er fragt sich, wie es möglich ist, dass der Tod des anderen in ihm eine beinahe "tödliche, spiralförmige Kaskade von Verletzungen" (S. 240) hervorbringen konnte.

Als Kind wohnte Rob Castor auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Nick und er wuchsen gemeinsam auf, teilten alle Geheimnisse, und als Nicks Bruder starb, übernahm Rob dessen Rolle und gab Nick die schützende Wärme. Nick liebte und bewunderte Rob mit all seinen Extravaganzen.

Robs Mutter Shirley war in San Francisco aufgewachsen, ehe es sie in dieses "kleine Loch von nirgends", den adretten, spießigen Ort Monarch verschlug. Tochter Belinda, Robs Schwester, hatte zwar schon immer den Ruf einer "Schlampe", doch für Nick war "Belly" glamourös, hip – und mit sechzehn seine "Erste". Nach Robs Beerdigung kehrt sie nach Monarch zurück, wo sie Nicks Trost und Brücke zur Vergangenheit wird und Nick mit ihr die körperliche Liebe wiederfindet.

Rob, der Star der Familie Castor, war Schriftsteller geworden, eine "Kult-Prominenz". Er zog nach New York, Downtown Manhattan, in eine Gegend, die nach "Armut und Pisse" riecht. Er gab sich großspurig, bewegte sich in "grungeigen" Künstlerkreisen. Doch bald wurde ihm das Schreiben zur Qual, seine künstlerische Kraft verließ ihn, er endete in einer Schreibblockade. Während er immer tiefer sank, den ganzen Tag in "der Schachtel des Scheiterns" hockte, blühte seine Lebenspartnerin Kate auf. Sie lernte den reichen David Framkin kennen, der sie förderte und mit dem sie ein Verhältnis hatte. In dieser verzweifelten Situation tötete Rob Kate und beging dann Selbstmord.

Danach verwandelt sich die Stadt Monarch in ein großes Fernsehstudio. Alle Medien sind vertreten, und die Bürger genießen das Gefühl des Auserwähltseins, eine Erhebung zu Darstellern in einer "Reality Show". Jeder sucht, ob er nicht irgend etwas Verwertbares in Schränken oder Truhen findet. Perversion und menschliche Verlogenheit perfekt beobachtet und beschrieben.

Ein trister Roman voller kaputter Figuren.

Der Handlungsplot um einen Versager, der nicht mehr leben möchte, und einen Mann, der in seiner schlimmsten Lebenskrise steckt, hat nicht gerade magisches thematisches Anziehungspotenzial. Trotzdem hat mich das Buch gefesselt. Die Autorin pflegt einen faszinierenden Sprachstil. Außergewöhnlich ist, wie sie Situationen und menschliche Verhaltensweisen und Beziehungen gestaltet. Den Gleichklang zwischen Nick und Rob verbildlicht Eli Gottlieb zum Beispiel so: "... wir bewegten uns mit den synchronen Gedankenprozessen von Delphinen oder Gänsen" (S. 52) ; seine Beziehung mit Lucy beschreibt Nick, "als wäre ich mit einem beweglichen Aquarium von Frau verheiratet. Hinter der Glasscheibe konnte ich Luftblasen der Worte sehen, ihre gespreizte Hand, wenn sie mich begrüßte. Aber ich hörte nur das Zischeln ihres Atems unter Wasser" (S. 108).

Spannung und offene Fragen bleiben bis zum Schluss des Romans. Nicks Suchexpeditionen in seine Vergangenheit bringen dort völlig unerwartete und aufwühlende Erkenntnisse. Das dramatische Ende ist nicht nur überzeugend und folgerichtig, sondern zwangsläufig.


War dieser Artikel hilfreich für Sie?

Ja Nein

Hinweis zum Datenschutz:
Um Verfälschungen durch Mehrfach-Klicks und automatische Webcrawler zu verhindern, wird Ihr Klick nicht sofort berücksichtigt, sondern erst nach Freischaltung. Zu diesem Zweck speichern wir Ihre IP und Ihr Votum unter Beachtung der Vorschriften der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Nähere Hinweise finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Indem Sie auf »Ja« oder »Nein« klicken, erklären Sie Ihr Einverständnis mit der Verarbeitung Ihrer Daten.

Schenken Sie uns ein Like!

»Was niemand sah« von Eli Gottlieb
erhalten Sie im örtlichen Buchhandel
oder bei Amazon


Kommentare

Zu »Was niemand sah« von Eli Gottlieb wurde noch kein Kommentar verfasst.

Schreiben Sie hier den ersten Kommentar:
Ihre E-Mail wird hier nicht abgefragt. Bitte tragen Sie hier NICHTS ein.
Ihre Homepage wird hier nicht abgefragt. Bitte tragen Sie hier NICHTS ein.
Hinweis zum Datenschutz:
Um Missbrauch (Spam, Hetze etc.) zu verhindern, speichern wir Ihre IP und Ihre obigen Eingaben, sobald Sie sie absenden. Sie erhalten dann umgehend eine E-Mail mit einem Freischaltlink, mit dem Sie Ihren Kommentar veröffentlichen.
Die Speicherung Ihrer Daten geschieht unter Beachtung der Vorschriften der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Nähere Hinweise finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Indem Sie auf »Senden« klicken, erklären Sie Ihr Einverständnis mit der Verarbeitung Ihrer Daten.


Go to Top