Rezension zu »Verräter wie wir« von John le Carré

Verräter wie wir

von


Kriminalroman · Ullstein · · Gebunden · 416 S. · ISBN 9783550088339
Sprache: de · Herkunft: gb

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Eh' man sich's versieht, schon ist man Geheimagent ...

Rezension vom 07.11.2010 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Gail und Perry – sie erfolgreiche Rechtanwältin, er frustrierter Universitätsdozent – reisen nach Antigua. Vor Ort spielen die beiden ein Tennis-Doppel gegen ein junges Paar. Perry ist sportlich ambitioniert und voller Elan, geradezu gierig zu gewinnen. Der zuschauende Mr Dima, ein muskulöser Kahlkopf aus Russland, macht aus seiner Bewunderung keinen Hehl und fordert Perry direkt zum Einzel-Match.

Am nächsten Tag erscheint Dima in Begleitung seiner Ehefrau Tamara samt Kindern (Zwillinge) , Nichte und Neffe. Ehe man sich an den Ballwechsel macht, soll Perry erst einmal von Dimas Männern gefilzt werden – zu seiner Sicherheit, denn er spielt in der obersten Liga des internationalen Big Business.

Dima verliert das Match, doch mit Tränen der Bewunderung und Dankbarkeit, hat Perry sich doch durch Fair Play als Gentleman ausgezeichnet. Von nun an sieht man sich öfter. Am Strand spielen Perry und Gail mit den begeisterten Dima-Kindern, und mit Freude nehmen sie die Einladung zur Geburtstagsparty der Zwillinge an. Hier ergreift Dima die Gelegenheit, Perry um ein Gespräch unter vier Augen zu bitten. Schon lange habe er nach einem Mann wie Perry gesucht. Ab jetzt solle er für Dima der »Professor« werden, loyal und fair. Nur ihm könne er Wichtiges anvertrauen und ihn um Hilfe bitten, die ihn und seine Familie vor dem Tod retten könne. Denn als reichster Oligarch Russlands und größter Geldwäscher mit Banken in aller Welt und 50 Tochtergesellschaften müsse er immer damit rechnen, ermordet zu werden.

Dima möchte aussteigen, zum englischen Geheimdienst überlaufen, ihnen einen Deal anbieten. Als Gegenleistung möchte er mit seiner Familie sicher in England leben können. Perry will er als Vermittler beauftragen. Jetzt steckt Perry fest, weglaufen kann er nicht und willigt also stillschweigend ein. Er ist zum Mitspieler, selbst zu einem Geheimdienstler geworden, aber auf der anderen Seite ...

Mit Sprüngen über Zeiten und Orte entwickelt Le Carré eine breit gefächerte Handlung. Gut die Hälfte des Romans ist sehr spannend. Kaum zehn Tage ist das harmlose Pärchen aus dem Karibik-Urlaub zurück, da sitzen sie schon zum Verhör beim englischen Geheimdienst in einem konspirativen Kellerraum. Dokumente über Fragen der Geheimhaltung werden unterschrieben, und schon bald werden sie zu aktiven Agenten. Leider wird das Handlungsgeschehen nach gut der Hälfte des Romans etwas zähflüssig. Arg breit walzt der Autor die Arbeit des englischen Geheimdienstes aus.

Schwierigkeiten macht mir, wie Le Carré den global agierenden Großkriminellen Dima präsentiert, den er offenbar weniger für seine Aktionen zur Rechenschaft ziehen, sondern für den er Verständnis, wenn nicht gar gewisse Sympathien stimulieren möchte.

So beschreibt der Autor zwar kurz, aber sehr anrührend das Leben, das Dima und Tamara führten, bis Dima zum kriminellen Geldwäscher wurde. Sie durchlitten grausame Jahre, und der Leser wird Anteil nehmen und verstehen, dass Dima verhärtet aus dieser Hölle entkam, sich nun rücksichtslos nach oben kämpft.

Dennoch: Nach allem, was Dima im Laufe der Jahre an illegalen Aktionen schultert, können seine schmutzigen Hände nie mehr weiß werden, auch wenn er anscheinend keine Gewaltverbrechen begeht. Nur indirekt zieht Dima einmal Profit aus einer Bluttat, nämlich im Zusammenhang mit dem Terroranschlag von Mumbai im November 2008: Da erhält er einen Insider-Tipp, kann geschickt Aktien handeln und »dickes Geld« herausschlagen.

Insgesamt hat der Leser eher Mitleid mit Dima und seiner Familie und erhofft deren Rettung. Bei allem Verständnis dafür, dass ein auf Spannung zielender Thriller keine Moralpredigt sein kann und dass ein Autor natürlich die menschliche Seite eines Verbrechers in den Mittelpunkt seiner Betrachtung stellen darf, kommt der Gangster Dima jedenfalls mir zu weichgespült, zu ungeschoren davon.

Le Carrés Sprachstil ist professionell hinreißend, und nebenbei lässt er manch Amüsantes einfließen. Beispiele: Der Onkel sitzt auf dem Bademeisterstuhl, zieht aus seiner Weste einen Gummiring hervor, bläst ihn auf und schiebt ihn sich unters Gesäß – Hämorrhoiden vermutlich ... »Pockennarbig ... Die Backen durchlöchert wie Bimsstein«.

John Le Carré hat einen handwerklich guten Kriminalroman geschrieben. Die etwas einseitige Perspektive bremst allerdings meine Begeisterung. Schade.


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