Rezension zu »Da sind wir« von Graham Swift

Da sind wir

von


Zwei Männer und ihre Partnerin sind die Stars der Varieté-Saison 1959 in Brighton. Dann verschwindet einer von ihnen spurlos. Was für ein Geheimnis sich dahinter verbirgt, belastet die Frau ihr gesamtes weiteres Leben.
Belletristik · dtv · · 160 S. · ISBN 9783423282208
Sprache: de · Herkunft: gb

Schatten der Erinnerung

Rezension vom 15.05.2020 · 1 x als hilfreich bewertet mit 1 Kommentaren

Zwei Männer hat Evie White in ihrem Leben geliebt, und beide waren irgend­wann »einfach weg«, von jetzt auf gleich. Dem einen, Ronnie, war sie ver­sprochen, doch ver­schwand er 1959 nach nur einem gemein­samen Jahr spurlos. Den anderen, Jack, heiratete sie 1960 und lebte fast fünfzig Jahre mit ihm zusammen. Als seine Managerin bereitete und beglei­tete sie seinen Weg zum Erfolg als Schau­spieler und Filmstar. Eines Morgens lag er auf einmal tot neben ihr im Bett. Seither ist ein weiteres Jahr vergangen, und Evie befallen Gefühle des Verlassen­seins und der Trauer, wenn sie auf ihr Leben und die beiden zurück­schaut.

Alle drei waren begabte und begeisterte Varieté-Künstler und feierten 1959 ihre größten Erfolge gemeinsam im berühmten theatre an der Spitze der legen­dären pier in Brighton. Doch schon nach dieser ersten und einzigen Sommer­saison war das Glück zu dritt vorüber. Ein Drama hinter der Bühne warf seine Schatten nicht nur auf die Show, sondern bestimmte die Zukunft aller drei Künstler. »Ronnie trat überhaupt nicht mehr in Erschei­nung«, erfahren wir bereits auf Seite 12, und »dann kam der Zeitpunkt, da Evie ihren Ver­lobungs­ring abzog«. Die Rätsel um Ronnies plötz­liches Ver­schwin­den werden bis zum Ende des Romans auf Evie lasten. So fügt es sich, dass sich der Großteil ihrer Erzählung, einer Art vielfach gebro­chener Selbst­reflexion, mit Ronnies kurzer Lebens­zeit beschäf­tigt.

Ronnie stammt aus einfachsten, ärmlichen Verhältnissen. Als er sechs Jahre alt ist, schenkt ihm sein Vater, ein Seemann, einen Papagei, den er aus der Ferne mitge­bracht hat. Doch die Freude über »Pablo« ist kurz. Kaum ist der Vater wieder auf großer Fahrt, verkauft die Mutter das Tier. Die Not ist zu groß, als dass man sich den Luxus exotisch-bunter Schönheit ohne prakti­schen Nutzwert gönnen dürfte. Aber da hat der Zauber des Vogels seine anhal­tende Wirkung bereits getan.

Als die Bombenangriffe auf London einsetzen, bringt die Mutter ihren Sohn schweren Herzens zum Bahnhof Padding­ton. Wie viele andere wird »ihr braver kleiner Junge, ihr einziges Kind, ihr ganzer Stolz und ihre Freude« aufs sichere Land ver­schickt. In einem kleinen Dorf bei Oxford soll er bei dem kinder­losen Ehepaar Eric und Penny Lawrence unterkom­men, bis der Krieg vorbei ist. »Da sind wir«, heißen sie ihren jungen Gast willkom­men und haben ihn bald ins Herz geschlos­sen. Beim Blick in seine großen braunen Augen fließt Pennys ganzes Wesen dahin, und Eric, der in Friedens­zeiten seine Hausgäste gern mit raffinier­ten Tricks unter­hielt, findet in Ronnie einen begeis­terten Zauber­lehrling. So verlebt der Junge sechs glück­liche, wohlbe­hütete Jahre, während London, Not und Unbarm­herzig­keit des Krieges in weite Ferne rücken und seine Mutter für ihn zu einer Fremden wird.

Mit dem Handwerk, das er bei Eric gelernt hat, schlägt sich Ronnie nach dem Krieg als zau­bernder Solo­künstler und mit einfachen Hand­langer-Tätig­keiten am Theater durch. Seine »Wander­jahre« führen ihn schließ­lich zu Jack. Der steht als »Flinker Jack« schon die zweite Saison in Brighton auf der Varieté­bühne und gibt Ronnie den entschei­denden Tipp, wie er seiner »dümpelnden Karriere« Auf­schwung geben kann: Er müsse seiner Zauberei Glanz verleihen und eine bezau­bernde Assis­tentin an seiner Seite haben. Auf eine entspre­chende Anzeige hin meldet sich die Revue­tänzerin Evie (die sogleich Ronnies anzie­henden Augen erliegt), und als »Pablo und Eve« erobert das Künstler­paar die Herzen der Ferien­gäste »im Sturm«. Ihre Show ist ein »Wunder­werk« der Illusion, in dem der Magier Motive aus seinem eigenen Seelen­leben verar­beitet – einen Regen­bogen, bunte Blumen, einen Papagei, Dinge, die aus dem Nichts auftau­chen, für einen Moment verweilen und wieder ent­schwinden. Jack tanzt, singt und hält als char­manter, eleganter Confé­rencier die Revue zusammen.

Graham Swift hat einen Liebesroman über eine Dreiecks­beziehung geschrie­ben, in dem nicht nur die Details der Dreiecks­bezie­hung ausge­spart bleiben, sondern überhaupt alle Regungen von Liebes­geplänkel, Werben, Herz­schmerz, Eifer­sucht oder Rivalität. Der Erzähl­situa­tion gemäß – eine Fünfund­siebzig­jährige geht ihren Erinne­rungen nach – kommt überdies keine gängige linear-chronolo­gische Struktur auf, sondern die Erzählung (die einschließ­lich Erics und Pennys Geschichte immer­hin fast ein Jahr­hundert umspannt) vollzieht sich in zeitlich vor und zurück sprin­genden Schnip­seln, die ihre Episoden nur anreißen, nie voll­ständig zu Ende erzählen, damit sie an anderer Stelle aufge­griffen, vertieft, weiterge­führt werden.

Nicht weniger auffällig, aber eingängiger als die Struktur ist Graham Swifts Stil. Mit leichter Feder verknüpft der Autor die Kunst des Zauberns, die Illusion des Verschwin­dens und des doch gleich­zeitig Daseins mit der aufge­wühlten Gefühls­welt Evies und der wendungs­reichen, kurzen Lebensge­schichte Ronnies. Grundlage der Schein­welt, Bestand­teile und Instru­mente darin sind Spiegel. Auch Evie nutzt Ronnie als Spiegel, in dem sie die alten Bilder der Erinne­rung herauf­beschwö­ren kann. Vexier­bilder sind ein weiteres Mittel im magischen wie im literari­schen Zauber­hand­werk. Sie stiften Verwir­rung, indem sie die Sinne täuschen und den Betrach­ter in die Irre führen. Erst am Ende des emotional immer stärker ergrei­fenden Romans klärt sich unser Bild etwas, kommen wir dem Geheimnis ein wenig auf die Spur.

Atmosphärisch beschwört Swift große Jahr­zehnte briti­scher Geschichte herauf, in denen Stolz und Armut, Größe und Nieder­gang nebenein­ander bestanden, die heute Vergangen­heit sind und gern verklärt werden. Wir lesen bewegende Passagen aus Londoner Elends­quar­tieren und aus Kriegs­tagen, vom idylli­schen Leben in the country­side, das mit der Rückkehr der land­ver­schickten Kinder in die Großstadt ein ernüch­terndes Ende findet, dürfen hinter die Kulissen der glanz­vollen Epoche des Varietés nach dem Krieg schauen, als die südeng­lischen Küsten­städte ein attrak­tives Ziel für die Unter­haltung suchenden Massen wurden. In diesen Kontexten spürt der Autor dem Innen­leben seiner drei Protago­nisten nach.

Graham Swift, 1949 in London geboren, gehört zu den bedeutend­sten briti­schen Schrift­stellern der Gegen­wart, gerade wegen seiner un­gewöhn­lichen Erzähl­technik, die sich mit den Problemen, den Rätseln und dem Zauber unserer Erinne­rung aus­einan­dersetzt. So kann auch sein jüngster kleiner Roman »Here we are« Graham Swift: »Here we are« bei Amazon , dessen niveau­volle Sprache und Stil­sicher­heit in Bildlich­keit und Poesie die Über­setzerin Susanne Höbel ausge­zeichnet ins Deutsche über­tragen konnte, nur die Leser bezaubern, die sich auf das fragmen­tierte, gebro­chene Erzählen einlassen, und das ist nicht einfach. Mancher Satz ist nicht auf Anhieb zu verstehen, uner­wartete Zeit­sprünge verwirren uns, dabei vermit­telt uns die Erzäh­lerin dadurch wichtige Informa­tionen. Etwas Aufklä­rung über manches Geheimnis erlangen wir jeden­falls oft erst mit erheb­licher Verzöge­rung, und selbst die Umkehrung ist möglich, die Auflösung des Realen im Irrealen: »Genau ein Jahr her, und das Haus ist genauso voll mit seinem Wegsein.«


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Kommentare

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Zu »Da sind wir« von Graham Swift wurden 1 Kommentare verfasst:

Mikka schrieb am 16.05.2020:

Hallo,

eine sehr schöne Rezension! Ich habe das Buch selber gerade gelesen und war bezaubert – was nicht nur ein Wortspiel ist. Ich war tatsächlich sehr angetan von den ausdrucksstarken Bildern, der meisterhaft konstruierten Handlung und den wunderbaren Charakteren.

Geradezu erleichtert war ich, dass diese Dreiecksgeschichte meines Erachtens nie kitschichg oder übertrieben dramatisch geschildert wird. (Normalerweise stehe ich Dreiecksgeschichten sehr skeptisch gegenüber.)

MfG,
Mikka

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