Rezension zu »Miracle Creek« von Angie Kim

Miracle Creek

von


Ein medizinisches Gerät, das Kranken Linderung bringen soll, explodiert in Folge einer Brandstiftung. Angeklagt wird die Mutter eines autistischen Jungen, der dabei ums Leben kam. Der Prozess deckt auf, welche Geheimnisse das Südstaatennest Miracle Creek vergiftet haben.
Gerichtskrimi · Hanser · · 512 S. · ISBN 9783446266308
Sprache: de · Herkunft: us

Lügen und Wahrheiten

Rezension vom 30.05.2020 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Nach vier Jahren der Trennung ist Familie Yoo endlich wieder beisammen. Young Yoo und ihre Tochter zogen bereits 2004 in die USA, Vater Pak Yoo ist soeben aus Seoul einge­troffen, wo er jahre­lange Erfah­rungen mit der HBO-Therapie gesammelt hat. In der Klein­stadt Miracle Creek, Virginia, hoffen die Eltern, mit Paks medizi­nischer Expertise ein Geschäfts­modell reali­sieren zu können, das ihnen Wohlstand beschert und der fast volljäh­rigen Tochter ein Hoch­schul­studium finan­ziert. In einer Scheune steht ihr Invest­ment, die teure Über­druck­kammer, dem Rumpf eines Privat­jets ähnlich, in dem sechs Patienten Platz finden. Wenn der Behälter sorg­fältig versie­gelt ist, wird langsam medizi­nisch reiner Sauer­stoff zugeführt, den die Kranken dann unter Überdruck einatmen. Die Therapie ist bei spe­ziellen Vergif­tungen und Krank­heiten indiziert, aber teuer und weltweit nicht unum­stritten.

Schon aus eigenem Interesse achtet Pak pingelig auf Sicher­heit, und dennoch geschieht im August 2008 eine Katas­trophe. Eine brennende Zigarette löst eine Explosion der Druck­kammer aus, bei der zwei der Insassen getötet und vier schwer verletzt werden.

Der komplexe Debütroman der gebürtigen Südkoreanerin Angie Kim schildert den Gerichts­prozess, der ziemlich genau ein Jahr nach dem Unglück beginnt und vier Tage dauert. Die Stanford- und Harvard-Absol­ventin hatte schrift­stelleri­sche Erfah­rungen als Prozess­beobach­terin gesammelt, indem sie in diversen Zeitungen (u.a. der New York Times) Essays veröffent­lichte. »Miracle Creek« Angie Kim: »Miracle Creek« bei Amazon , übersetzt von Marieke Heim­burger, ist reine Fiktion, doch fließen persön­liche Erfah­rungen ein, die die Autorin während der jahre­langen Sauerstoff­therapie eines ihrer Söhne machte.

Auf der Anklagebank sitzt Elizabeth Ward, eine Außen­seiterin. Sie soll das Feuer gelegt haben, das die Explosion auslöste und zwei Leben vernich­tete – das ihres achtjäh­rigen autisti­schen Sohnes Henry und das einer Freundin, die fünf Kinder hinter­lässt. Obwohl Elizabeth die Todes­strafe droht, wenn die zwölf Geschwo­renen sie am Ende schuldig sprechen sollten, verfolgt sie ihren Prozess mit verstei­nerter Miene und ohne jegliche Gefühls­regung. In der Tat hat sie bereits mit dem Leben abge­schlos­sen. Ihre Hinrich­tung würde sie als einfache, schnelle Erlösung von den seeli­schen Qualen der Trauer um ihr Kind will­kommen heißen. Schon im Vorfeld hat sie alle Schuld zugegeben und lehnt es ab, sich zu vertei­digen. Diese abweisend-resig­native Haltung bringt ihre enga­gierte Vertei­digerin Shannon schier zur Verzweif­lung, nicht aber zur Aufgabe ihrer Bemü­hungen um die Rekon­struktion der Wahrheit.

Unter der Leitung von Richter Frederick Carleton III entwickelt sich die Verhand­lung. Die Anklage­punkte trägt Staats­anwalt Abraham Patterly vor, ein Afro­ameri­kaner (unge­wöhnlich genug in der Provinz von Virginia). Dann werden nachein­ander Zeugen gehört, die über die Umstände am Unglücks­tag Auskunft geben. Manche werden in der Prozess­situation präsen­tiert, wie sie auf die Fragen des Staats­anwalts und der Vertei­digerin reagieren, andere im Zuge perspek­tivisch wech­selnder Schilde­rungen des Tages­verlaufs. Indem immer wieder Rück­blicke ein­fließen – auf frühere Lebens­phasen verschie­dener Personen, auf den Alltag, auf das inner­familiäre Zu­sammen­leben und die Nachbar­schaft – wird deutlich, dass jedes Paar und jede Familie von Schwierig­keiten unter­schied­lichster Art bedrückt ist und sich ein anderes Leben wünscht.

Young Yoo kommt als erste zu Wort. Die ehrgeizige Ehefrau und Mutter schildert ihre Hoff­nungen auf eine erfolg­reiche Zukunft der ganzen Familie in Amerika, für die die Eltern unermüd­liche Anstren­gungen aufbrin­gen. Dabei entgeht ihnen aller­dings, dass ihre Tochter, deren Wohl im Mittel­punkt ihres Strebens steht, sich in der neuen Heimat nie richtig ange­kommen fühlte und liebend gern nach Korea zurück­kehren würde – eine bittere Erkenntnis, die sich ihnen erst am Ende des Romans erschließt. Im Übrigen verlief der Unglücks­tag nicht ganz wie üblich. Aus Selbst­schutz haben die Eltern eine leicht modifi­zierte Wahrheit abge­sprochen, was Young Yoo nun emotional stärker belastet als erwartet (»Gott würde [ … ] sie in irgend einer Weise für ihre Lügen bezahlen lassen.«).

Im Reigen der im weiteren Verlauf angehörten Personen kompliziert sich das Bild natur­gemäß. Von der Autorin fein­fühlig heraus­gearbei­tete Innen­perspek­tiven geben der Handlung einen beson­deren Reiz, denn sie enthüllen Kleinig­keiten, die jeder lieber zurück­hält, weil sie plötzlich für die Wahr­heits­findung bedeutsam werden könnten. Tatsäch­lich hütet nahezu jede Figur Geheim­nisse, sei es zum eigenen Schutz oder aus Scham, und hat deswegen den Mitmen­schen vorge­spielt, was am wenigsten Probleme verur­sacht. Es entsteht der Eindruck, dass eigent­lich jede Person das Feuer hätte legen können, zumindest einen Teil zu dem Unglück beitrug und Verant­wortung über­nehmen müsste. Doch Wahrheit und Moral erweisen sich als dehnbare Begriffe. Leichter lebt es sich mit Heuchelei und Schuld­zuwei­sungen an andere.

Vom juristischen Prozedere her können Gerichtsverfahren staubtrockene Ange­legen­heiten sein. Angie Kim verleiht dem Indizien­prozess indes durch einen bunten Mix an Verwir­rungs­faktoren unver­mutete Spannung und einen intensiv ergrei­fenden Sog. Falsch gedeutete Beobach­tungen, ver­tauschte Handys, missver­standene Notizen, gezielte Unter­stel­lungen, verdäch­tige Tele­fonate, kleine Lügen und interes­sante Spuren am Tatort geben Rätsel auf, die sehr langsam bis zum über­raschen­den Ende aufgelöst werden.

Die Angeklagte Elizabeth Ward gerät im Übrigen auch mitten in die kämp­ferisch geführte Ausein­ander­setzung um den Umgang mit autisti­schen und anders benach­teiligten Kindern. Auf der einen Seite des welt­anschau­lichen Grabens stehen die Mütter vom Typ »Proud­Autism­Mom«, die jegliche Einwir­kung auf ihr Kind ablehnen und es ohne Einschrän­kung so annehmen, wie es ist. Ihr ungezü­gelter Hass entlädt sich gegen die Mütter auf der anderen Seite, die sich mit dem Zustand ihres Kindes eben nicht abfinden wollen. Mit großem Engage­ment kämpfen sie um jeden winzi­gen Fort­schritt und sind bereit, jeden Stroh­halm selbst umstrit­tener Thera­pien zu ergreifen. Teil­weise drastisch schildern diese Mütter ihre Erfah­rungen in ihrem erschwer­ten Alltag, in der Ausein­anderset­zung mit Gesund­heitsbe­hörden, mit kleinen Hoff­nungen und großen Enttäu­schungen. Viele leiden darunter, ihre eigenen Bedürf­nisse ständig unter­drücken zu müssen, wahr­schein­lich niemals ein unbe­schwer­tes, selbstbe­stimmtes Leben führen zu können und oben­drein einem ständigen Wett­streit voller Neid und Miss­gunst ausge­setzt zu sein. In dieser brisanten Gemenge­lage erscheint Elizabeth manchen als »Unge­heuer«: Hatte sie sich gewünscht, ihr Kind wäre nie geboren worden? Wollte sie »ihren Sohn wirklich unbe­dingt los­werden«?


War dieser Artikel hilfreich für Sie?

Ja Nein

Hinweis zum Datenschutz:
Um Verfälschungen durch Mehrfach-Klicks und automatische Webcrawler zu verhindern, wird Ihr Klick nicht sofort berücksichtigt, sondern erst nach Freischaltung. Zu diesem Zweck speichern wir Ihre IP und Ihr Votum unter Beachtung der Vorschriften der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Nähere Hinweise finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Indem Sie auf »Ja« oder »Nein« klicken, erklären Sie Ihr Einverständnis mit der Verarbeitung Ihrer Daten.

»Miracle Creek« von Angie Kim
erhalten Sie im örtlichen Buchhandel
oder bei Amazon als
Gebundene Ausgabe E-Book Hörbuch CD


Kommentare

Zu »Miracle Creek« von Angie Kim wurde noch kein Kommentar verfasst.

Schreiben Sie hier den ersten Kommentar:
Ihre E-Mail wird hier nicht abgefragt. Bitte tragen Sie hier NICHTS ein.
Ihre Homepage wird hier nicht abgefragt. Bitte tragen Sie hier NICHTS ein.
Hinweis zum Datenschutz:
Um Missbrauch (Spam, Hetze etc.) zu verhindern, speichern wir Ihre IP und Ihre obigen Eingaben, sobald Sie sie absenden. Sie erhalten dann umgehend eine E-Mail mit einem Freischaltlink, mit dem Sie Ihren Kommentar veröffentlichen.
Die Speicherung Ihrer Daten geschieht unter Beachtung der Vorschriften der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Nähere Hinweise finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Indem Sie auf »Senden« klicken, erklären Sie Ihr Einverständnis mit der Verarbeitung Ihrer Daten.


Go to Top