Rezension zu »Laufen« von Isabel Bogdan

Laufen

von


Wie umgehen mit dem Selbstmord eines depressiven Partners? Der Erzählerin wird empfohlen zu laufen.
Belletristik · Kiepenheuer & Witsch · · 208 S. · ISBN 9783462053494
Sprache: de · Herkunft: de

Ein Schlüsselbuch

Rezension vom 28.01.2020 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Sanft und unscheinbar schleicht sich die heim­tücki­sche Krankheit in das Leben der namen­losen Ich-Erzäh­lerin und ihres Partners, mit dem sie seit zehn Jahren in einer engen Beziehung lebt, gewollt ohne Trau­schein, ungewollt ohne Kinder. Kleine Durch­hänger, Schwierig­keiten, den Tag zu meistern, langsamer emotio­naler Rückzug – das sind keine alarmie­renden Symptome. Dann diagnos­tiziert ein Arzt eine Depres­sion. Eine Therapie bringt Besserung. Ein erneuter Schub macht alles zunichte. Ihr Partner bestimmt den Tag, an dem er seinem Leben ein Ende setzt und sie zurück­lässt. Da ist sie 43 Jahre alt – zu jung, um sich als »verwitwet« oder als »Hinter­bliebene« zu bezeich­nen.

Ein Jahr lang steckt sie fest. Von Schuldgefühlen gefesselt, gelähmt vor seeli­schen Schmerzen, zwischen Selbst­vorwür­fen und Selbst­zweifeln findet sie keinen Ausweg in ein neues eigenes Leben und bringt nicht die Kraft auf, danach zu suchen. Öde Spiele am Computer schlagen Stunden tot, können aber nicht die Leer­stelle über­decken, die ihr Partner hinter­lassen hat und in der nun düstere Gedanken schwelen. Bis Freundin Rike den Anstoß gibt: »Laufen ist mit Sicher­heit gut.«

Damit beginnt der anspruchsvolle Roman über eine Frau, die sich die Seele aus dem Leib läuft, weg von der Vergangen­heit, weg von sich, hin zu sich. Dies ist keine Trainings­anlei­tung, schildert aber sehr realis­tisch die Schin­derei der ersten Schritte, das Brennen im Bewe­gungs­apparat, das Stechen in den Lungen, die Last der ungleich­mäßi­gen Atmung, den verführeri­schen Wunsch, direkt wieder aufzu­hören, und seine Überwin­dung. Nach einer Weile – das weiß sie von früher, als sie noch regel­mäßig joggte – wird sich Zufrieden­heit ein­stellen.

Ein Jahr lang laufen wir an der Seite der Erzählerin den langen Leidens­weg ihres zweiten Jahres ohne Partner. Anfangs führt er kaum heraus aus der Einsam­keit und ihrem wunden Inneren, wo die immer gleichen Überle­gungen kreisen. Dass es ihm nicht so gut ging, wusste sie, aber wie schlimm es wirklich war, hätte sie spüren müssen – »aber ich habe es nicht, und viel­leicht hätte ich es auch nicht können«, »du warst ja immer noch lustig, manchmal jeden­falls«, »alles falsch gedacht«.

Den verstorbenen Partner loszulassen vermag sie nicht, sie will ihn halten, wenigs­tens in der flüchti­gen Gestalt seines Geruchs, bis auch der intime Duft seines Schlafan­zugs verfliegt. Beim Laufen durch­quert sie ihre Beziehung, von den Schmet­terlin­gen im Bauch bis zum langsamen Ausein­ander­driften. Das ging mit der Lust­losig­keit des Partners einher. Sie zeigte Ver­ständ­nis und hoffte auf Wieder­kehr des früheren Glücks. Am Ende war die Innigkeit ihrer Beziehung dahin. Da gab es einen unbe­deuten­den Seiten­sprung. Hätte eine Trennung das Schlimmste verhin­dert? Die Körper­lich­keit des Laufens macht ihr bewusst, wie sehr sie sich nach Berührung, wärmender Umarmung und Sexua­lität sehnt.

Mit der Länge der Laufstrecke wächst der Abstand von den Gescheh­nissen. Mit dem Gleichmaß der Schritte und der Atmung findet sie innere Ruhe. Ihre Gedanken öffnen sich wie ihre Wahr­nehmun­gen der Außen­welt. »Bach­blüten gegen Einsam­keit« empfiehlt die alberne Werbung einer Apotheke. Junge Familien im Park verlocken sie dazu, sich in deren vermeint­lich glück­liche Partner­schaft hineinzu­denken, bis sie kluger­weise wieder abschal­tet: Aus­flüchte helfen nicht.

Die Ich-Erzählerin ist Bratschistin in einem Hamburger Profi­orches­ter. Ihre Arbeit »hält [sie] aufrecht«. Vor allem im Quartett fühlt sie sich aufge­hoben, mit Ver­ständnis und Nachsicht getragen. Die Musik lenkt sie ab, ihre Themen, Rhythmen, Tempi, Stimmun­gen und Struk­turen erfüllen ihr Innerstes.

Kleinere und größere Aktionen zeigen, dass und wie sie sich freiläuft. Sie stärkt ihr Ego durch Worte (»Ich will …«) und ihre Umsetzung in Taten. Sie bezieht eine neue Wohnung, kauft ein neues Bett (groß genug für zwei), streift ihre ›Schutz­kleidung‹ (Friesen­nerz) ab und trägt ein rotes Kleid zur Schau. Sie wird keine »Päckchen« mehr tragen, sondern »Löcher« des Verlustes – »keine Kinder, kein Mann, die einen waren noch nie da, der andere ist nicht mehr da«. Das letzte Wort des Romans ist der Name des toten Partners, den sie nie vergessen wird.

Isabel Bogdan, wenige Jahre älter als ihre Protagonistin, ist eine bemer­kens­wert viel­seitige Autorin. Sie übersetzt fiction und non-fiction aus dem Engli­schen, mischt im Literatur­betrieb mit, bloggt und veröffent­lichte 2016 ihren ersten Roman »Der Pfau« [› Rezension]. Die Unter­schiede zwischen dieser heiteren Ge­schichte aus dem schotti­schen Land­haus­leben und ihrem zweiten Roman könnten nicht größer sein.

Jetzt wagt sie sich an ein Thema, das in unserer Konsum- und Medien­gesell­schaft keine »Likes« einsam­melt, sondern als unange­nehm empfunden und an den Rand geschoben wird. Gegenüber einem, dem es so schlecht geht, dass er sich umbringen möchte, fühlen sich die meisten hilflos und gegenüber seinen Angehö­rigen ebenso. Bogdan hat Isolation und Verlas­senheit ihrer Protago­nistin litera­risch perfekt gefasst, indem sie sie mutter­seelen­alleine mit sich und ihrem Innen­leben lässt, namenlos und ohne Beglei­tung ihre Runden ziehend. Dazu passt der anstren­gende Erzähl­stil des inneren Monologs: Die Gedanken der Ich-Erzäh­lerin fließen dahin, wie sie kommen und gehen, unge­bremst, ohne Filter, ein Strom endloser Sätze mit wech­selnden Eindrü­cken, Über­legun­gen und Gefühlen, einge­färbt durch Humor, Esprit und Sarkasmus: Hoffnung und Verzweif­lung, Hilflosig­keit und Ent­schlossen­heit, Trauer und Wut (»was für eine beschis­sene Drecks­krank­heit das ist … wie soll man die denn auch verstehen? Ich verstehe auch keine Atom­physik«). Da ist kein Zuhörer, der alles aufnehmen, kein Partner, der spiegeln, bestärken, lindern, relati­vieren oder dagegen halten könnte. Es gibt auch keine Handlung, sondern als einziges Struktur­prinzip des inneren Stromes die langsame Aufhel­lung der Stimmung. Damit kehrt Beruhi­gung ein, die Sätze werden kürzer, klarer.

»Laufen« ist ein kleines, aber sehr viel sagendes Buch. Mit Recht wird es ange­priesen, weil es Ver­ständnis wecken, Ange­hörige trösten und ihnen Mut machen kann. Wer selber in einer Depres­sion oder Lebens­krise steckt, ist dagegen oft für jede derartige Ansprache uner­reich­bar. Wer sie hinter sich hat, möchte sich von dem durchge­machten Elend so schnell und so weit wie möglich entfernen. Viel­leicht finden aber Verwandte und Freunde in diesem Roman den winzigen Schlüssel, um das »verschlos­sene Herz« eines Menschen, der ihnen und dem Leben ent­glitten ist, zu öffnen.


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