Rezension zu »Klara vergessen« von Isabelle Autissier

Klara vergessen

von


Juri, ein Ornithologe aus den USA, wird von seinem sterbenden Vater in Murmansk gebeten, das bisher tabuisierte Schicksal seiner Mutter Klara zu erkunden. Juri verfolgt ihre Spuren zurück durch siebzig Jahre russischer Geschichte und erfährt viel Schreckliches und Abgründiges.
Belletristik · Mare · · 336 S. · ISBN 9783866486270
Sprache: de · Herkunft: fr

Leben, das andere diktieren

Rezension vom 31.03.2020 · 9 x als hilfreich bewertet mit 1 Kommentaren

Murmansk – das ist kein Wort, das Sehnsüchte weckt. Es ist der Name eines russischen Seehafens am Nordmeer, 250 Kilometer nördlich des Polar­kreises und etwa 150 Kilometer östlich der Grenze zu Finnland gelegen. Die Marine­basis ist als Schiffs­friedhof berühmt-berüch­tigt. Dutzende Reaktor­schiffs­wracks verrotten und vergiften das Meer, so wie schon die Strahlung der größten über­irdi­schen Atom­explo­sion aller Zeiten seit sechzig Jahren »im Wasser, in der Luft, in den Tieren und den Menschen« unsicht­bar wirkt.

Hier verbrachte Juri Rubinowitch seine triste Kindheit und harte Jugend, bis er mit drei­und­zwanzig fortzog und sich in den USA ein gutes Leben als Ornitho­loge einrich­tete. Obwohl er sich bei seiner Abreise geschwo­ren hatte, »nie wieder zurück­zukeh­ren«, fliegt er 2017 (weitere dreiund­zwanzig Jahre später) in seine Heimat­stadt zurück. Er tut das weder aus eigenem Antrieb noch gern, sondern weil ihn auf verschlun­genen Wegen der Wunsch seines sterbens­kranken Vaters nach einem Wieder­sehen erreicht hat. Mit seiner Reise hebt Juri eine jahre­lange Barriere des Schwei­gens und der emotio­nalen Sepa­ration auf und kann selbst nur diffus umschrei­ben, was ihn dazu bewogen hat – ganz sicher nicht Reue, aber viel­leicht der Impuls, ein »Zeichen« senden, »Frieden schließen«, Selbst­vorwür­fen vorbeugen zu wollen, die »ausge­streckte Hand nicht ergriffen zu haben«.

Denn die Beziehungen in der Familie Rubinowitch sind schon seit sieben Jahr­zehnten schwer belastet, hoch­proble­matisch und geheim­nisum­wittert. Juris Groß­eltern waren in der Stalin-Ära wichtige Wissen­schaftler, die Uran­vorkom­men aufspüren und nutzen halfen. Soweit Juri weiß, starb seine Groß­mutter Klara Anfang der Fünfziger­jahre, also lange vor seiner Geburt, an TBC, und seinen Großvater Anton hat er nur als in sich gekehrten, melancho­lischen alten Mann in Erinne­rung. Ihr Sohn Rubin, sein Vater, war als Kapitän eines Fisch­trawlers ein respek­tierter Mann mit dem Privileg, eine der begehrten modernen Wohnungen mit Küche und Toilette in den neuen sowjeti­schen Wohn­blocks zu beziehen. Rubins Frau Reva hatte sich von der Heirat sozialen Aufstieg erhofft, aber der Seemann entpuppte sich als gewalt­tätiger, untreuer Säufer. Schließ­lich starb sie »ebenso unbe­achtet …, wie sie gelebt hatte«.

Juris Leben entwickelt sich in diesem Umfeld zu einem Martyrium voller Prügel und ohne Liebe. Nicht einmal seine Mutter hatte ihm Zärtlich­keiten geschenkt, so »dass er sich an jeden einzelnen Kuss von ihr erinnern konnte«. Wenn der Vater nach Monaten auf See seinen unge­liebten Sohn wieder­sieht, gerät er über dessen Schwäche, Zaghaf­tigkeit und Intro­vertiert­heit in unkon­trollier­ten Zorn und schlägt und demütigt ihn hem­mungs­los. Damit er ein echter Mann werde, verordnet er ihm harte Trainings­einhei­ten, Später zwingt er ihn zu einer rauen Fisch­fang­tour, um ihn dem wahren Leben auszu­setzen.

Nun steht Juri am Sterbebett dieses herzlosen alten Menschen, ohne Gefühle der Anteil­nahme für ihn aufzu­bringen. Doch ihn erwartet Über­raschen­des. Ehe es zu spät ist, enthüllt ihm Rubin ein Geheimnis um seine Mutter Klara. Sie galt stets als Wurzel allen Übels der Familie, sie habe Rubins Leben ver­pfuscht, aber alles Konkre­tere war tabu. Jetzt ist die Zeit reif, über das Schicksal der Frau zu sprechen. Sie arbeitete als Wissen­schaft­lerin in leitender Funktion, ihr Mann Anton war als wissen­schaft­licher Mit­arbeiter ihr Unter­gebener. Auf dem Höhepunkt der stalinis­tischen Willkür­herr­schaft wurde sie verhaftet, wodurch Anton und Rubin, ihr fünf­jähriger Sohn, zurück­blieben. Merk­würdiger­weise haben die beiden niemals den Versuch unter­nommen, die wahren Umstände der Verhaf­tung und den Verbleib der Ehefrau und Mutter zu erkunden.

Erst jetzt auf dem Totenbett möchte Rubin die ganze Wahrheit erfahren und beauf­tragt seinen Sohn zu recher­chieren. Juri steht ein langer, steiniger Weg bevor – zurück durch drei Genera­tionen einer Familie, die manch dunkle Geheim­nisse bewahrt, und in die brutale Vergangen­heit des Stalinis­mus.

Isabelle Autissier, französische Weltumseglerin und Schrift­stellerin, hat nach ihrem beein­drucken­den Debüt­roman »Herz auf Eis« [› Rezension] mit dem Nach­folger »Oublier Klara« Isabelle Autissier: »Oublier Klara« bei Amazon einen thema­tisch und inhalt­lich völlig anders­artigen Roman vorgelegt. (Die deutsche Über­setzung hat wieder Kirsten Gleinig gefertigt.) Sie erzählt vom Schicksal einer Frau, die mitten aus ihrem Alltag heraus spurlos ver­schwindet wie Millionen Sowjet­bürger in jener dunklen Zeit. Indem sie ihren drei Protago­nisten Juri, Rubin und Klara jeweils eine eigene Erzähl­stimme gibt, um ihr Leben indivi­duell darzu­stellen, entwi­ckelt sie einen feinfüh­ligen, atmosphä­risch dichten Roman, durch dessen Innen­perspek­tiven der Leser den Figuren in ihrer Ausein­ander­setzung mit den äußerst schwie­rigen Zeitum­ständen sehr nahe kommt. Entbeh­rung, Unter­drückung und Gewalt domi­nieren, Glück ist ein Ausnahme­zustand. Juri findet es, wenn er den Flug der Gänse und Eider­enten studiert und sich dabei in ein freieres Leben hinein­träumt. Rubin geht in seinen Fisch­fang­expedi­tionen im Polarmeer auf, die die Autorin als packende Kämpfe auf Leben und Tod in tosender See schildert.

Juris Recherchen sind mühselig. Er studiert Klaras eigene Auf­zeichnun­gen in ihrem Geografie­buch, erhält spärliche Unter­lagen von einer Menschen­rechts­organi­sation (deren Arbeit im Auftrag Putins behindert wird) und folgt hart­näckig jedem kleinsten Hinweis. So erfährt er, was für eine Schande die Verhaf­tung einer politi­schen Dissi­dentin für ihre Familie bedeutete. Einen solchen Makel konnte man allen­falls mildern, indem man die Person »vergaß«, also jede Erinne­rung an sie aus­löschte und sich nahtlos in das politi­sche System einfügte.

Juri soll Klara also aus dem Vergessen wiederholen. Er kann ihren Weg durch diverse Lager verfolgen, wo sie grausame Behand­lungen durchlitt. Schließ­lich wird sie auf eine Insel gebracht, um wieder als Geologin zu arbeiten. Dort lernt sie indigene Nomaden kennen, die ihr in ihrem weiterhin lebens­bedro­hend wechsel­haften Schicksal zeitweise Sicher­heit ver­schaffen können. Dann verliert sich ihre Spur.

Isabelle Autissiers dicht gefüllter Roman ist allum­fassend. Die span­nende, zutiefst berüh­rende Familien­geschichte eröffnet dem Enkel nicht nur die Geheim­nisse um Klara, sondern auch die enge Verquickt­heit der Schick­sale seiner Groß­eltern, seines Vaters und seines eigenen. Die private Erzäh­lung steht auf dem histo­risch realen Unterbau der jüngeren Ge­schichte Russlands seit Stalin über den Kalten Krieg und die Peres­troika bis zu Putin. Hervor­ragend detail­reiche Beschrei­bungen vermit­teln Aussehen und Lebens­gefühl der sich verän­dernden Phasen – Groß­städte und menschen­leere Tundra, Wohn­blocks und Nomaden­zelte, Aufbau und Verfall, ewige Jahres­zeiten, uralte Legenden und modernste west­liche Einflüsse. Mit all dem illus­triert die Autorin, was vom Menschen in einem totali­tären System bleibt. Sie zeichnet ein skepti­sches Menschen­bild, in dem das Böse überwiegt. Missgunst und Denun­ziation im uner­bitt­lichen Kon­kurrenz­kampf sind alltäg­lich, aber um nicht unterzu­gehen, erscheint bisweilen selbst ein Mord unaus­weich­lich.


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Kommentare

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Zu »Klara vergessen« von Isabelle Autissier wurden 1 Kommentare verfasst:

Martin Greifenstein schrieb am 14.09.2020:

Der Roman hat mich gepackt. Die Details sind glaubhaft recherchiert, die Naturbeschreibungen sind einzigartig. Wenn ich aber analytisch an den Stoff rangehe, fällt mir auf, dass er im letzten Teil (Klara) doch sehr an ein Märchen erinnert. Die Konstruktion mit den fast unleserlichen Eintragen in einem Geographiebuch soll dem Leser eine Authenizität der Ereignisse vermitteln, die es so nicht geben kann. Das ist natürlich die Freiheit der Autorin, aber die Balance zwischen historischem Familienroman und Fiktion wird nicht gehalten.

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