Rezension zu »Die Istanbul Passage« von Joseph Kanon

Die Istanbul Passage

von


Spionagethriller · Bertelsmann · · Gebunden · 480 S. · ISBN 9783570101803
Sprache: de · Herkunft: us

Zwischen allen Fronten

Rezension vom 06.11.2014 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Während in Europa die mörderischen Schlachten des II. Weltkriegs toben und die jüdische Bevölkerung verschleppt und getötet wird, entwickelt sich Istanbul zu einem Fluchtpunkt politisch und religiös Ver­folgter. Die Türkei wahrt ihre Neu­tra­li­tät zwischen den Blö­cken, und die brodelnde Stadt auf zwei Erdtei­len lebt seit vielen Jahrhunderten mit Menschen un­ter­schied­lich­s­ter Herkunft, Religion, Kultur und Spra­che.

Auch für Geheimdienste ist dieser verwirrend bunte Standort ideal. Keiner fällt hier auf, wenn im Gedrän­ge der Gässchen oder bei Empfängen, Partys und Kulturveranstaltungen Agenten aller Lager zu­sam­men­tref­fen. Da beobachtet man einander, horcht sich gegenseitig aus, dient damit seinem Land (und nicht sel­ten meh­re­ren Herren), und ganz nebenbei kann man lukrative Geschäfte einfädeln. Drahtzieher sind die ame­ri­ka­ni­schen, britischen und israelischen Geheimdienste, und über allem wacht Emniyet, der türkische.

Diesem undurchschaubaren Ziehen und Zerren soll nach Kriegsende schnell ein Ende bereitet werden. Die Amerikaner wollen ihre Zelte abbrechen, ihre Leute nach Hause holen. Doch das Vorhaben erweist sich als gar nicht so einfach. Manch ehemaliger Feind verspricht jetzt, brisante Geheimnisse auszuplaudern, wenn man ihn im Gegenzug nicht wegen seiner Gräueltaten während der Naziherrschaft behelligt; mancher Ver­bündete legt es darauf an, genau solche Geschäfte zu vereiteln. Ein neuer Krieg fängt an – ein kalter –, und mischt Freunde und Gegner, Partner und Rivalen neu durch.

Diese Bühne wählt Joseph Kanon für »Istanbul Passage« Joseph Kanon: »Istanbul Passage« bei Amazon , einen Spionagethriller, verfeinert mit einem zarten Soufflé amoureux; Elfriede Peschel hat alles übersetzt. Die geschilderten Ereignisse sind fiktional, aber dicht an der historischen Realität angesiedelt.

Der Protagonist, Leon Bauer, wird ganz ungewollt zum Spielball der Geheimdienste. Nach der »Reichs­kris­tall­nacht« floh der Amerikaner mit seiner jüdischen Frau Anna aus Berlin und lebt seit Kriegsausbruch am sicheren Bosporus. Als Tabakhändler für die R.J. Reynolds Company hat er einen guten Job und kommt viel herum. In der Hoffnung, die in Berlin zurückgelassenen Eltern noch herausholen zu können, hat Anna sich gleich der jüdischen Hilfsorganisation angeschlossen. In enger Zusammenarbeit mit dem Mossad schafft man es – auf welchen geheimen Wegen auch immer –, verfolgten Juden Schiffspassagen nach Pa­läs­ti­na zu ermöglichen. Doch es gibt Widerstände von etlichen Seiten: Amerikaner, Russen und Briten ha­ben Bedenken, bauen Hindernisse auf, blockieren die überfüllten, verrotteten Pötte vor Istanbul, so dass die darauf ein­ge­pferch­ten Flüchtlinge hilflos isoliert sind und bitterste Not leiden. (Diese Thematik hat Zülfü Livaneli in seinem Roman »Serenade für Nadja« packend gestaltet.)

Wie die (historische) »Struma«, die im Schwarzen Meer torpediert wurde und sank, so geht jetzt die »Bra­ti­a­nu« unter, und Anna ist Augenzeugin. Als reglose Körper von Kindern und Erwachsenen auf sie zu trei­ben, springt sie ins Wasser, um Überlebende zu retten. Mit diesem grauenvollen Erlebnis kann sie nicht aus eigener Kraft fertigwerden; bald lebt sie abgeschieden in einem privaten Pflegeheim. Leon be­sucht sie fast täglich und berichtet ihr von weiteren Rettungen der wenigen Juden, die die Lager überlebt haben, doch die verdüsterte Gedankenwelt seiner Frau kann er nicht einmal mehr mit diesen guten Nach­richten er­rei­chen.

Während Annas Aktivitäten vom türkischen Geheimdienst eifrig verfolgt wurden, konnte Leon in ihrem Schat­ten und unter dem Deckmantel seines unauffälligen Jobs ungestört seinen eigenen kleinen Beitrag im Kampf gegen die Nazis leisten, indem er ab und an inoffizielle Botendienste für den US-Geheimdienst über­nahm, Do­ku­men­te schmuggelte, kriegswichtige Rohstoffe den Deutschen vor der Nase weg kaufte.

Leons direkter Auftraggeber ist Tommy King, der ein guter Freund sein kann, ein nonchalantes »Plap­per­maul«, aber auch ein undurchschaubarer Typ, dem man manche »Nacht-und-Nebel-Aktion« zu­traut. Von ihm erfährt Leon in den Wirren der Monate nach Kriegsende, dass die zuständige Dienststelle auf­ge­löst und er Istanbul verlassen wird. Kurz vor seiner Abreise schustert er Leon ganz nebenbei noch eine letzte Aufgabe zu: Im Flugzeug, das Tommy nach Washington bringt, soll »ganz zufällig« eine Person un­ter­ge­bracht werden, die abgeschottet werden muss und niemals verloren gehen darf. Selbstverständlich darf Tommy auf keinen Fall mit der Aktion in Verbindung gebracht werden. Bevor er sich unsichtbar macht, wirft er Leon noch den Namen des Unbekannten zu: »John Doe« – ein Allerweltsname.

Jetzt ist Leon in der äußerst dubiosen und anscheinend höchst gefährlichen Angelegenheit auf sich allein gestellt. Auch über die wertvolle Fracht, die bald in seine Obhut übergeben werden soll, konnte er Tommy nicht viel entlocken – »jede Menge ... ein sehr ansehnliches Fotoalbum ... Mütterchen Russland. Luftauf­klärung. Die Deutschen haben alles fotografiert ...« Am abendlichen Hafen erwartet ihn der Rumäne Mi­hai, ein unermüdlicher Kämpfer, der schon zusammen mit Anna Schiffspassagen für die Juden organisiert hatte und jetzt nach dem Krieg die letzten abgewrackten Pötte aus irgendwelchen Häfen für die Weiterfahrt nach Palästina vorbereitet. Ein kleines Fischerboot legt an, der Passagier wird eilends zum Auto geleitet, der Fischer bezahlt – da knirschen Reifen, eine Autotür wird zugeschlagen, die Luft explodiert, Schreie, Schüsse, Mihai ist verletzt, reicht Leon seine Waffe, der zielt, trifft den Angreifer, dann nichts wie weg vom Tatort ...

Der aufrechte Leon ist zum Mörder geworden, um Mihai und dem Unbekannten das Leben zu retten. Aber in Zeiten wie diesen sind Schuld und Unschuld ebenso unsichere Größen wie Identität und Charakter der Mitmenschen. Nach und nach purzeln die Fassaden wie Dominosteine, und Leon kann die Kettenreaktion zu keiner Zeit aufhalten, es sei denn, er würde sich selbst der Polizei ausliefern. Stattdessen macht er Kar­riere, soll den Mord aufklären, gerät zwischen alle Stühle, von denen aus ihm Emniyet, die türkische Poli­zei, der russische Geheimdienst zusetzen, und versucht bei all dem, seine moralische Integrität zu wahren. »Was machst du, wenn du nichts richtig machen kannst? Nur falsch? So oder so?«

Joseph Kanon ist es gelungen, einen rundum faszinierenden und überzeugenden Spionagethriller zu entwi­ckeln. Er nimmt den Leser mit durch eine turbulente Handlung, in deren Netzen und Seilen sich Leon tief verhaspelt, er führt uns in die quirlige türkische Metropole, auf belebte Plätze, durch stille Gassen, zu den alten Holzhäusern am Bosporus, er lässt eine aufregende politische Umbruchsituation aufleben, in der sich eine neue Ordnung erst herauskristallisieren musste, und schließlich hat er lebensnahe Figuren erschaffen, deren Erlebnisse und Emotionen den Leser aufwühlen.


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