Rezension zu »Das Verschwinden der Erde« von Julia Phillips

Das Verschwinden der Erde

von


Zwei Mädchen verschwinden an einem Sommertag. Über ein ganzes Jahr hin treffen wir Frauen und Männer aus ihrem Umfeld und entdecken ihre Beziehungen untereinander und zu dem Verbrechen. Der ungewöhnliche Schauplatz spielt eine Hauptrolle.
Kriminalroman · dtv · · 376 S. · ISBN 9783423282581
Sprache: de · Herkunft: us

Wanderungen durch ein neuronales Netz

Rezension vom 27.03.2021 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Schon der außergewöhnliche, geheimnisumwitterte Handlungsort am östlichsten Ende Russlands verlockt zum Lesen. Von 1939 bis 1990 war die sibiri­sche Halbinsel Kam­tschatka militä­risches Sperr­gebiet. In der Bucht vor der Haupt­stadt Petropaw­lowsk lauerte die Flotte der mächtigen sowjeti­schen Atom-U-Boote den gesamten Kalten Krieg hindurch auf ihren Einsatz in einem neuen heißen Krieg. Abge­riegelt vom Rest der Welt, blieben Tausende von Kilo­metern offener Tundra und Berg­regionen mit heißen Thermal­feldern, Geysiren und Vulkanen unberührt.

Doch menschenleer war die Naturlandschaft (seit 1996 als UNESCO-Welt­naturerbe geschützt) keines­wegs. Bevor Russland Anfang des 18. Jahr­hunderts das Gebiet annek­tierte, hatten dort verschie­dene Ethnien über Jahrhun­derte ein einfaches, natur­nahes Leben geführt. Einen radikalen Wandel brachte die Öffnung nach 1996, in deren Folge bis heute Zuge­zogene, Migranten und Touristen (insbe­sondere auf asiati­schen Kreuzfahrt­schiffen) einfallen und das ruhige, wohlge­ordnete, vermeint­lich sichere Leben der Bewohner durch­rütteln.

In diesem exotisch anmutenden geografischen und gesell­schaft­lichen Kontext trägt sich die Handlung des in mehr­facher Hinsicht über­raschen­den Roman­debüts von Julia Phillips zu. Wie kommt die junge Ameri­kanerin (1989 in New Jersey geboren) an diesen Schau­platz im Land des früheren Erz­feindes? Sie ver­brachte 2011 im Rahmen eines Stipen­diums eine Zeitlang dort, lernte seine Menschen, seine Eigen­heiten und seine Atmos­phäre kennen und konstru­ierte für ihren Erstling einen komplexen, facetten­reichen Plot, der eng damit verwoben ist. »Disap­pearing Earth« erschien 2019 in den USA, Pociao und Roberto de Hollanda haben das Buch jetzt ins Deutsche übersetzt.

Es geht um das Verschwinden zweier Mädchen, für dessen Auf­klärung die Polizei nur wenig Engage­ment aufbringt. Die Ereig­nisse ziehen sich über einein­halb Jahre hin. Sie werden in separaten Episoden erzählt, die, nach Monaten geglie­dert, vonein­ander unab­hängig erschei­nen und doch von unauf­fälligen Fäden zusammen­gehalten werden. So blitzen bei der Lektüre gelegent­lich Sach­verhalte, Verbin­dungen, vage Erinne­rungen auf, die erst am Schluss ein Gesamt­bild ergeben. Die bemer­kenswert komplexe und facetten­reiche Gestal­tung fesselt uns jeden­falls vom Anfang bis zum Ende.

Insgesamt entsteht ein detailreiches, differenziertes Bild der Halbinsel Kam­tschatka und ihrer Menschen. In den Erzäh­lungen aus mehreren Perspek­tiven werden Wider­sprüche sichtbar, die schon durch die unterschied­lichen Lebens­räume bedingt sind: Stadt und Land, Wälder, Berge und Tundra. Aber auch die geschicht­liche Entwick­lung führt zu harschen Brüchen zwischen und innerhalb der Genera­tionen und Ethnien bis hinein in die Sprache. Die Phrase, dass früher alles besser war, hört man häufig, und alte Vorur­teile, Klischees und Rollen­muster leben in vielen Köpfen weiter. Dennoch prallen Kulturen, Tradi­tionen, politi­sche Gesin­nungen aufein­ander, und manch Hochge­schätztes fällt der Moder­nität – nicht zuletzt der Billig­mode, den Handys und Spiel­konsolen – zum Opfer. Frauen sind von den Verwer­fungen besonders betroffen. Viele von ihnen hegen Sehn­süchte nach einem anderen Leben, stehen aber anderer­seits unter großem Erwartungs­druck ihres sozialen Umfeldes und können dem kaum entkommen, ohne heftige Partner­schafts- und Familien­konflikte und tiefgrei­fende seelische Probleme durch­leiden zu müssen.

Die Handlung beginnt an einem Ferientag im August, als sich die Schwes­tern Aljona und Sofija, 11 und 8 Jahre alt, alleine am Meeres­ufer bei Petro­pawlowsk herum­treiben und in das Auto eines fremden Mannes ein­steigen. Erst im letzten Kapitel, im Juli ein Jahr später, begegnen wir ihnen wieder. In jedem der Kapitel dazwi­schen rückt jeweils eine andere Protago­nistin mit ihrer Ge­schichte in den Fokus, ohne dass wir ahnen, was sie mit den beiden oder ihrem Verschwin­den zu tun haben mögen. Die Vulkano­login Oksana etwa wurde schon im August als Augen­zeugin verhört, hatte aber nichts Über­zeugendes beizu­tragen. Im Mai-Abschnitt erfahren wir von den Enttäu­schungen, die sie belasten. Ihr Mann hatte sie verlassen, ihre Freund­schaften haben sich als ober­flächlich erwiesen, und nun ist ihr geliebter Schlitten­hund ausgebüxt. Erst unter ihrem aktuellen eigenen Verlust­schmerz kann sie nachvoll­ziehen, wie die Mutter der beiden Mädchen leidet.

Im September hängen überall in der Stadt Plakate der vermiss­ten Mädchen, und natürlich sind viele Eltern beun­ruhigt, wie auch die von Diana. Deren Mutter, die den gloriosen Zeiten der unterge­gangenen Sowjet­ordnung nach­trauert, ist freilich klar, wo die Schuld zu suchen ist: Die disziplin­losen Eltern der verschwun­denen Mädchen waren schließ­lich »fast immer weg«. »Kein Wunder« also, dass ihnen einmal so etwas passieren musste. Und der moderne Staat lässt auch zu viel durch­gehen. Hier wimmelt es nur so von Fremden, und das sind »alles Krimi­nelle«. Ein beson­derer Dorn im Auge ist ihr Olja, die Dreizehn­jährige, mit der Diana häufig in der Stadt herum­hängt und gemeinsam über­nachtet. Oljas Mutter hat in Kyoto studiert, Welt­offenheit und Japanisch­kennt­nisse mitge­bracht und begleitet jetzt häufig japani­sche Touristen­gruppen durchs Land. Dann haben die eigen­ständige, selbst­bewusste Olja und ihre Schul­freundin Diana freie Bahn, und kein Verbot kann sie zügeln.

Drei Jahre zuvor war die achtzehnjährige Lilja aus der kleinen indigenen Volks­gruppe der Ewenen spurlos ver­schwunden. Niemand außer ihrer Mutter dachte damals, dass sie einem Verbre­chen zum Opfer gefallen sein könnte. Die Polizei tat die Ver­missten­anzeige schnell ab: Eine Jugend­liche, die die weite Welt sehen wollte. Schließ­lich war auch ihre ältere Schwester Natascha schon abgehauen, weil (so der Tratsch der Nachbarn) die dominante Mutter ebenso wenig zu ertragen war wie der spleenige Bruder. Der faselt unentwegt von Außer­irdischen und ist überzeugt, »dass man seine Schwester zu den Sternen entführt hatte«. Seit dem Verschwin­den quälen Natascha Schuld­gefühle, dass sie sich zu wenig gekümmert habe. Warum hatte Lilja sich ihr nicht anver­traut? Nun lässt der Fall der womöglich ent­führten beiden Mädchen all diese Empfin­dungen wieder aufwallen, sowohl bei Natascha als auch bei ihrer Mutter, die ihre Gefühle und erlit­tenen Verlet­zungen seit drei Jahren unter­drücken musste. Unter­schwellig spürt man das Gefälle zwischen der indigenen Minder­heit einer Hirten­kultur und den aner­kannten Leistungs­trägern der Gesell­schaft, den Ent­scheidern in den Behörden.

Es ist die faszinierende Atmosphäre der fernöst­lichen Region mit ihrer Natur­kulisse und dem hetero­genen Gemisch aus indigenen Tradi­tionen, verstaub­ten Ansichten aus Sowjet­zeiten und herein­brechender moderner Welt, die Julia Phillips’ Gestal­tung durchaus univer­seller Ereig­nisse, Schick­sale und Konflikte von anderen unter­scheidet. Zudem fesselt das unge­wohnte struktu­relle Konzept, das die Leser nicht auf dem üblichen Suchweg entlang führt, sondern in jedem Monats­kapitel erneut erst einmal orientie­rungslos lässt, bis sich nach und nach die Verknüp­fungen ergeben. Wer sich darauf einlässt, jagt über die Text­zeilen, stets auf der Suche nach Zusammen­hängen im Nebel der Ahnungen, nach neuen Informa­tionen. Dabei bringen oft bloße Namens­nennungen etwas mehr Klarheit, eine Erinne­rung an zuvor gelesene Momente aus einem Leben. Manche Figuren sind längst im Dunklen vorhanden, warten sozusagen geduldig auf den Moment ihres Auftritts, um dann wieder zu verschwin­den. So setzt sich ein mit Fein­gefühl konstru­iertes Gesell­schafts­bild zusammen, dazu ein Spinnen­gewebe unter­schied­licher Verbin­dungen einzelner Personen zum Ver­brechen der ver­schwun­denen Kinder und, im zeit­lichen Fort­schreiten, innere Verände­rungen bei manchen Charak­teren. Seelische Schmerzen werden akzep­tiert, verdrängt, ver­schwinden oder führen zum Zu­sammen­bruch.

Was anfangs anmuten mag wie eine Sammlung zusammen­hang­loser Kurzge­schichten ent­wickelt sich zum vielfar­bigen Bild eines Landes im Umbruch, voller Kontraste und Wider­sprüche, von der Trost­losig­keit der verfal­lenen Platten­bauten bis zur atem­berauben­den Schönheit der Natur.


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