Rezension zu »In der Ferne« von Hernan Diaz

In der Ferne

von


Ein junger Schwede wandert mit seinem Bruder ins Goldgräber-Amerika aus, verliert ihn aber. Auf der unermüdlichen Suche nach ihm treibt der wortkarge Antiheld mit vermeintlich schlichtem Gemüt jahrelang durch endlose Weiten und Abenteuer.
Belletristik · Hanser · · 304 S. · ISBN 9783446267817
Sprache: de · Herkunft: us

Aufbruch und Desillusion

Rezension vom 16.04.2021 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Die Erzählsituation erinnert an Joseph Conrads wort- und schicksalsgewaltige Seefahrerromane. Ein Alaska-Schoner steckt im Eis fest, die Passa­giere – hart­gesot­tene Gold­gräber – vertrei­ben sich die Zeit mit Seemanns­garn, und einer unter ihnen, gerade vom Bad in einem Eisloch hervor­gekrochen, zieht nach und nach mit seinem impo­santen Auftreten und seinen knappen Worten unwider­stehlich aller Aufmerk­samkeit und Respekt auf sich. Dem schwer­fällig wirkenden, weiß­haarigen »Titan« eilt ein über­lebens­großer Ruf voraus, in dem Wahrheit und Fama, Ruhmes­taten und Mord­gerüchte nicht zu trennen sind. Beim Schein eines Feuers lauschen alle »bis zum Sonnen­aufgang« seiner packenden Erzählung, insbe­sondere ein fünfzehn­jähriger Junge. Bei Conrad würde der zum Binnen­erzähler; hier präsen­tiert nach der Eingangs­szene ein aukto­rialer Erzähler in 24 chrono­logisch angeord­neten Kapiteln eine Geschichte, die auch uns Leser komplett in den Bann schlägt und nach­haltig beein­druckt.

Der Koloss im selbst­genähten Kapuzen­mantel aus Fellen sämt­licher Wildtier­arten des Konti­nents heißt Håkan Söder­ström, für amerika­nische Ohren einfach »Hawk« (Habicht, Falke). Aufge­wachsen ist er mit seinem älteren Bruder Linus unter bitter­armen Verhält­nissen in Schweden. Im fernen Amerika, so glauben ihre Eltern, würde ihnen eine bessere Zukunft winken, und so soll ein Schiff die beiden ins Land der Verhei­ßung tragen. Doch im Gewühl der Wartenden am Aus­wanderer­pier verlieren sich die Jungen und besteigen unter­schied­liche Schiffe, so dass Håkan ganz allein in San Francisco an Land geht statt, wie geplant, in New York. Ohne Geld und ohne Sprach­kennt­nisse, vor allem aber ohne Linus, der sich hinge­bungsvoll um ihn gekümmert und ihn mit fantas­tischen Geschich­ten auf die Fremde vorbe­reitet hatte, ist Håkan jedoch verloren. Linus in New York zu finden wird für Jahre sein einziges Lebens­ziel.

Wie Simplicius Simplicissimus verschlägt es den naiven Hawk, der glaubt, zu Fuß nach »Nujårk« zu kommen, nun von Station zu Station – ein Einzel­gänger, ein Suchender mit klarem Ziel vor Augen und doch ein ahnungs­los Irrender. Eine irische Familie hatte ihn schon während der Überfahrt not­dürftig versorgt und nimmt ihn mit, doch keines­wegs in Richtung Osten, sondern zu den Gold­suchern. Wie Seifen­blasen zerplat­zen sämtliche Träume, die Linus’ Geschich­ten ausgemalt hatten. Die Menschen erweisen sich als feind­selig und raff­gierig, nutzen die Not der anderen erbar­mungslos aus. Schnell sind die Iren all ihren Besitz für etwas Proviant und zwei alte Esel los, so dass ihnen Håkan als billiger Lasten­träger bei der müh­seligen Expedi­tion zu den Gold­feldern gerade recht kommt. Als der Familien­vater tat­sächlich Nuggets findet, kann keine Raffi­nesse verhin­dern, dass ihm sein Claim wegge­nommen wird und Håkan in die Hände zwie­lichtiger Gestalten fällt.

Irgendwann gelingt ihm die Flucht, und er nimmt seinen Marsch nach New York wieder auf. Tagelang irrt er durch die endlosen, leeren Weiten des Westens, ohne Wasser und Nahrung, ohne verläss­liche Orientie­rung, den Körper gegen die erbar­mungs­lose Sonne mit Blut beschmiert. Nachdem er bewusst­los zusammen­gebro­chen war, wacht er im Planwagen eines Natur­kundlers auf, der ihn fand und gesund gepflegt hat. Auch er ist mit seinen Beglei­tern auf der Suche. Ihr Treck ist unterwegs zu einem Salzsee, um das Mysterium der Schöpfung zu ergründen und Hinweise zum Ursprung der Mensch­heit zu finden. Dem geleh­rigen jungen Analpha­beten Håkan vermit­telt er Grund­kennt­nisse der Anatomie und der Heilkunde.

Bald zieht Håkan, mittlerweile zum Riesen gewachsen, weiter, gut beraten und großzügig ausge­rüstet. Er solle den Routen der Siedler folgen, jedoch entgegen deren Wagen­trails nach Osten. Auf diesen Wegen sei er sicher und finde immer freund­liche Hilfe. Doch er gerät in einen Treck, dessen Familien sich in zwei Lagern zer­stritten haben, und der egois­tische Anführer kann Håkan, der die Zusammen­hänge nicht versteht, für seine Zwecke einspan­nen. Der Glaube an seine Verhei­ßungen, er werde die Gruppe in ein paradie­sisches Tal führen, zerbrö­selt, Zweifel, Miss­trauen und Meuterei liegen in der Luft. Wieder will Håkan sich absetzen, um New York zu suchen, doch erst muss er sich in einem grausamen Gemetzel mit Indianern und weißen Reitern bewähren. Die barbari­schen Akte, die er wahrnimmt und selbst ausführen muss, belasten ihn schwer und rauben ihm den letzten Glauben an das Gute im Menschen.

Håkans Wanderjahre durch das Purgatorium des frühen »Wilden Westens«, der gerade erst grausam erschlos­sen wird, führen ihn durch das ganze Spektrum des Bösen, der Gewissen­losig­keit, der Unmoral, der Gewalt, und unter Sadisten, Prosti­tuierten, Maro­deuren wird auch der »Hawk« als Verbre­cher gesucht. »In was würde das Töten ihn verwan­deln?« Wenn­gleich er sein Ziel niemals aus den Augen verliert, so verliert es sich doch sozusagen selbst. Ist es dem tumben Tor aus Schweden anfangs eine wunder­reiche, zu Fuß erreich­bare Stadt irgendwo in der fremden Welt, so lösen sich über die Jahre des Wanderns alle Vorstel­lungen von Ort, Entfer­nung, Richtung und Zeit auf. Am Ende ist Håkan wie verloren, dem geografi­schen Ziel kein Stück näher als am Anfang und doch unendlich viel weiter entfernt. Das Wandern bleibt.

Hernan Diaz’ Roman »In The Distance«, 2018 für den Pulitzer Prize und den PEN/Faulkner-Award nominiert, ist ein ernüch­ternder Anti-Western. Sein Anti-Held und sein Anti-Plot lassen keinen Hauch vom Mythos des »Wilden Westens« spüren. Selbst die gewohnten gran­diosen Land­schafts­gemälde werden entzau­bert. Die »allum­fassende Monotonie« der ewig gleich­förmigen Land­schaft, des »unerreich­baren Horizonts«, des in den Augen bren­nenden, Mund, Nase und Lunge verstop­fenden Staubs hebt Raum und Zeit auf, und der Autor schildert drastisch (und poetisch), wie sie den Menschen quält und reduziert, nur noch »von irgend­einem verges­senen, aber noch funk­tionie­renden Mecha­nismus ange­trieben«, bis der Verstand »erstarb« und der Körper übermannt wird »von einer aktiven, alles ver­schlingen­den Leere … einer Stille, die nichts mit Frieden zu tun hatte … einem an­stecken­den Nichts, das alles besie­delte«. Den physi­schen Rest, bis der Tod eintritt, besorgen von Demüti­gungen beglei­tete grausame Torturen der Häscher, Feinde, Milizen.

Ganz im Gegensatz zum wortkargen, etwas einfältigen Prota­gonisten ist der Erzähler, der konse­quent seine Perspek­tive einhält, aber präzise Beobach­tungen und eine tief­gründige Philo­sophie bei­steuert, außer­gewöhn­lich eloquent. Hannes Meyers überzeu­gende Über­setzung fesselt uns von der ersten bis zur letzten Seite und macht das Buch dank seiner sprach­lichen Qualität, seiner durch­gängig hohen Spannung, seiner un­erwarte­ten Wendungen und seiner Charakter­zeichnung zu einem rundum empfehlens­werten Lese­abenteuer.


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