Rezension zu »Bergsalz« von Karin Kalisa

Bergsalz

von


All die alleinstehenden älteren Frauen in einem südwestdeutschen Dorf entdecken, wie viel besser ihre Welt wird, wenn sie sich zusammentun, teilen, helfen.
Belletristik · Droemer · · 208 S. · ISBN 9783426282083
Sprache: de · Herkunft: de

Zuviel Zucker in der Suppe

Rezension vom 24.03.2021 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Großartig, wie subtil, poetisch und einfühlsam uns die Autorin sofort einfängt. »Dieser Wind, den man sieht, bevor man ihn spürt. [ … ] Man sieht, was er zu sehen gibt. Berge zum Beispiel. Die gezackte Linie ihrer Gipfel scharf umrissen [ … ] Und doch sind sie nicht so – nicht so nah. Er spiegelt sie vor. Wirft die Welt auf sich zurück; in pure Form und Gestalt.« So geht es noch ein paar Absätze weiter über den rätsel­haften Föhn im Voralpen­land, die Schnee­felder, die Leere, das Nichts, Trug­bilder, Herzrasen, hinein in ein einfaches Haus zu seiner Bewoh­nerin, der alten Franziska Heberle, »die Luftbe­wegung für ein Lebens­elixier hält«, die es mag, »wenn Dinge klar sind«, und die beim Kochen gründlich abwägt, welche Kräuter sie aus dem Garten oder dem Schrank holen soll. Das ist sehr schön, sehr plastisch, sehr gemütlich, und in diesem Stil geht es weiter. »Wie lange kann das gut gehen?«, beginnt man zu fürchten.

Franzis Tage sind seit Jahren gut strukturiert, so wie sich das in ihrem Alter und auf dem Lande wohl unaus­weich­lich ergibt. Konti­nuität und Konven­tionen gerinnen zum Zwang, und jede Abwei­chung von den unaus­gesproche­nen Verhaltens­regeln beun­ruhigt, wird als Störung empfunden. So ist auch Franzi etwas verärgert, als es zur allge­meinen Essens­zuberei­tungszeit an ihrer Tür klopft. Wie man ein uner­wünschtes Handy­klingeln ›weg­drückt‹, ignoriert sie das Geräusch. Es wird ohnehin bloß der lästige Apfel­bauer vom Bodensee sein, dessen über­züchtete Früchte ihren eigenen nicht das Wasser reichen können. Doch nein, an der Tür steht »die Johanna« von nebenan und fragt: »Hast a bitzle Mehl?«

Das soll der winzige Auslöser für etwas Großes sein, den Einzug des Guten und Vernünf­tigen ins Dorf und ins Gemüt seiner Bewohner*innen, wie uns die Autorin nun im weiteren Fortgang erzählt – immer noch in ihrem schönen Stil.

Denn Franzi ist sensibel. Sie spürt gleich, dass die Frage nach dem Mehl eigent­lich ein seeli­scher Hilferuf ist, und lädt sie spontan zum Mittag­essen ein. Die kleine gute Tat knüpft ein Band zwischen den beiden Frauen, die bisher neben­einan­der her lebten, allein und isoliert in ihren Häusern samt gut bestück­ten Vorrats­kellern. Und weil gute Beispiele bekannt­lich Wellen schlagen und Nach­ahmung finden, gibt es bald Gegen­einla­dungen, und der Kreis der Frauen, die nun zuein­ander finden, vergrö­ßert sich. So weit, dass beim neu erlebten »Mitein­anderzu­sammen« der unter­schied­lichen Frauen, die alle im Leben ihr Päckchen zu tragen hatten, nur Friede, Freude, Eier­kuchen herrscht, gehen Liebe, Naivität und Wunsch­denken denn doch nicht. Aber trotz eines bissigen Tones hier, eines verbalen Gift­spritzers dort raufen sich die Frauen zusammen, und unter der Führung von drei besonders durch­setzungs­fähigen unter ihnen entsteht die tolle Idee, ein seit Jahren vor sich hin gam­melndes Gasthaus wieder herzu­richten. Zurzeit sind in dem Gebäude Migranten unterge­bracht, was der Erben­gemein­schaft ein kleines Einkommen ver­schafft, aber um Geld geht es natürlich nicht. Wenn man gemeinsam die alte Küche in Ordnung bringt, kann man für jeden Dorfbe­wohner, die Geflüch­teten einge­schlossen, einen Mittags­tisch anbieten. Der Fund eines großen Gefäßes voller »Bergsalz«, ein wenig mystisch verklärt, gibt dem Plan Auftrieb und der Erzählung den Titel. Immer noch ist alles schön.

Dann entwickelt die Gutherzigkeit eine Eigen­dynamik. Die Devise im Dorf scheint jetzt »Wachstum«. Die »offene Küche« zieht neue Initia­tiven nach sich, einen Dorfladen, eine Apotheke und weitere Gemein­schafts­projekte. Damit betreten jede Menge neue Figuren die Bühne, und ihre mannig­fachen Schick­sale erweitern und verwäs­sern den über­schau­bar komplexen Plot. Es sind Ehefrauen, die von ihren Männern verlassen wurden, Menschen mit bewegen­den Migrations­erlebnis­sen und Einhei­mische, die trauma­tisiert aus Kriegs­gebieten zurück­gekehrt sind.

Für eine Überhöhung der Dorfentwicklung sorgen eine mystische, eine reli­giöse und eine histori­sche Kompo­nente. Die Sage von den »Säligen Fräulein« verknüpft die Taten von Franzi, Johanna und Esme irgendwie mit uralten Geschich­ten von »weißen und weisen Frauen« aus grauer Vorzeit, so wie das Salz ewige Werte reprä­sentiert (»Anders als Chips oder Pralinen jeden­falls war Salz unendlich lange haltbar.«). Am Ende steigt Franzi gar zum Himmel auf und sinniert und räson­niert mit »Maria Schnee« und »Anna Wald« über ihren Verlust des Glaubens und der Hoffnung – und die da oben reden im Übrigen genau so putzig wie »die Franzi« und alle anderen hier unten, die den Vornamen den Artikel voran­stellen, außer wenn sie gewich­tige Sachen sagen wie »wie ungerecht es ist, erst Welt zu geben und dann Welt zu stehlen«, oder gar: »Ent­scheidet das nicht zuletzt: Er?«

Schließlich ruft die Autorin noch die Bundschuh-Bewe­gung auf, eine Reihe von lokalen Bauern­aufstän­den um 1500 in Südwest­deutsch­land. Zwar wurden alle rasch nieder­geschla­gen, aber viel­leicht gerade deshalb strahlten sie über die darauf folgenden Bauern­kriege hinaus bis zu den National­sozia­listen und zu den Achtund­sechzi­gern eine gewisse verklä­rende Aura vorbild­lichen Wider­stands­helden­tums aus. Einige Episoden aus jener Zeit, durch ein Glossar verständ­licher gemacht, werfen ein paar Schlag­lichter auf eine Epoche, in der die meisten Menschen trotz härtester Arbeit ihr kurzes Leben lang nichts anderes kannten als bittere Not und hilfloses Aus­geliefert­sein an die Willkür ihrer Herren und der Natur. Ein einge­ritztes uraltes Bund­schuh-Symbol im Haus soll nun wohl von Seelen­verwandt­schaft der gefüh­ligen und wohlge­fälligen Genos­sinnen von heute mit den verzwei­felten Kämpfern von damals raunen. Mir graust’s bei solcher Klitterei.

Angetrieben von dem durchsich­tigen pädago­gischen Ziel, die Leser*innen zu sozialem Mitein­ander in der Praxis anzu­halten und so neben­bei auch gut gemeinte, aber triviale State­ments ohne Wert (»wieviel Erde braucht der Mensch?«) zu globalen Proble­men (Klima­wandel, Migra­tionspro­blematik) abzu­geben, vergalop­piert sich die Autorin. Am Ende ist es uns wohlig ums Herz, und alles ist schön.


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