Rezension zu Karsten Eckert: »Traumwelten«

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Traumwelten

Belletristik · Monsenstein und Vannerdat · · Taschenbuch · 262 S. · ISBN 9783869911137
Sprache: de · Herkunft: de

Bewertung: 3 Sterne
Julias reiches Innenleben

Rezension vom 20.03.2011 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Die 24-jährige Julia Sanderkamp - zierlich, unscheinbar, schüchtern, eine graue Maus - arbeitet seit drei Jahren in einer Modeboutique. In dem kleinen Team fühlt sie sich wohl.

Ihr Motto lautet: "Lieber alleine glücklich als gemeinsam unglücklich" (S. 13). Deshalb hat sie keinen Freund. Auch zu den Eltern hält sie kaum Kontakt; deren Fragen nach Studium, Karriere, Mann und Enkelkindern erträgt sie nicht. Und ihre klaustrophobische Angst vor Menschenansammlungen umgeht sie, indem sie kaum das Haus verlässt.

Nun beginnt ihr zweiwöchiger Urlaub. Sie wird den Balkon in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung genießen, denn zu mehr reicht es finanziell nicht. Wo sie jetzt ganz allein ist und ihre Gedanken den ganzen Tag um sie selber kreisen, muss sie aufpassen, dass sie nicht abdriftet, dass sie die aufkommenden depressiven Phasen in den Griff bekommt.

Geradezu therapiemäßig hat sie sich einen Plan entworfen, wie sie die freien Tage sinnvoll gestaltet: Kino, Theater, Museum, Schwimmbad ...

Während sie mit ihrem Fahrrad vor einer roten Ampel wartet, rast ein Golf-Fahrer noch so eben bei Gelb über die Kreuzung, manövriert sich hoch riskant durch den Querverkehr. Die Klappe seines Tankdeckels steht weit offen ... So ein Spinner! Der Vorfall lässt Julia keine Ruhe; immer mehr dringt der Mann in ihre Gedanken ein, bis er einen konkreten Namen erhält und sich um sein auffälliges Fahrverhalten eine kleine Episode mit logischer Erklärung entwickelt.

Damit beginnt Julias Tagtraum-Phänomen. Von nun an wird sie jeden Tag Menschen begegnen, die in ihrem Kopf zu einem fiktiven zweiten Leben auferstehen: ein Ehepaar im Kino, ein Mann im Supermarkt, ein Rollstuhlfahrer, ein ewiger Student, ein Türke, ja sogar ein Mensch, der sich als Jesus, als Erlöser fühlt.

Warum aber träumt Julia nur problembehaftete Träume? Was haben sie mit ihr zu tun? Anfangs sind sie Farbkleckse in ihrem langweiligen Alltagstrott. Doch wird ihr immer klarer, dass die Reisen in die Schicksale fremder Menschen bei ihr etwas bewirken. Indem sie sich damit auseinandersetzt, weichen ihre Minderwertigkeitsgefühle, eröffnen sich ihr Chancen, ihre Persönlichkeit zu entwickeln.

Je mehr sich Julias Urlaub seinem Ende nähert, desto skurriler werden ihre Träume. Sie sieht Gesichter, die beim zweiten Blick verschwinden, obschon sie doch mit ihr kommuniziert haben ... Im Museum steht sie vor einem Bild Picassos, jemand spricht sie an, aber da ist niemand. Sie antwortet - und redet tatsächlich mit dem Bild. Ist sie nun total verrückt? Wird sie erkennen, dass es ihre innere Stimme ist, mit der sie sich auseinandersetzt? Dass Fantasie und Wirklichkeit verschmelzen? Wird sie bald nur noch in ihren Traumwelten leben? Dort findet sie Glück und ein märchenhaftes Ziel: Vögel sprechen mit ihr, und sie wird ihren Märchenprinzen finden ...

"Traumwelten" ist der erste Roman des jungen Münsteraner Autors Karsten Eckert. Er beschreibt Julias Leben in einem angenehmen, eingängigen Sprachstil und gepflegter Wortwahl.

Inhaltlich hatte ich allerdings Probleme, Julias Persönlichkeit als realistisch anzunehmen. Sie ist vierundzwanzig, fühlt sich aber reifer als ihre Altersgenossen, die sie kindisch findet und mit denen sie deshalb nicht zurechtkommt. Gut - aber kann jemand mit gefühlten dreißig Jahren schon so brav, so konservativ sein? Dem Mädel fehlt jeglicher flippige, experimentierfreudige, wagemutige, jugendliche Zug. Wenn Julia denn so sein soll, so hätte ich mir wenigstens die Andeutung einer Vorgeschichte (Kindheit, Jugend, Erziehung, Familie, Freunde ...?) gewünscht, um sie besser verstehen und akzeptieren zu können. So aber hat sie etwas von einem artifiziellen Geistwesen, das nicht von dieser Welt ist.

Weiterhin stellt sich mir die Frage, ob ihre Zurückgezogenheit und ihre Bindungsunfähigkeit nicht schon krankhaft sind. Ihre Traumwelten scheinen mir doch eher Flucht als Anstoß, sich ihren Problemen zu stellen.

Die kleinen Episoden innerhalb des Romans sind alle sehr individuell konzipiert - berührend, packend, selbst ein kleiner Krimi ist dabei. Und jede der Tagtraumfiguren nimmt ihrerseits in der anderen Welt Julia wahr - eine reizvolle Spiegelung. Insgesamt ein durchweg anregendes, fesselndes Erstlingswerk!


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»Traumwelten«
von Karsten Eckert
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