Rezension zu »Neuleben« von Katharina Fuchs

Neuleben

von


Deutschland Ost und West, 1953 bis 1954: Zwei starke junge Frauen gehen ihre Wege.
Familienroman · Droemer · · 480 S. · ISBN 9783426282113
Sprache: de · Herkunft: de

Lauter Steine im Weg der »Fräulein«

Rezension vom 28.08.2020 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Romane, die in der Nachkriegszeit spielen, haben Konjunk­tur, scheint es. Ist es nostal­gisches Heimweh nach einer Zeit, in der die Lebens­bedin­gungen zwar karg und die sozialen Freiräume des Einzelnen eng begrenzt, Gesell­schaft und Moral aber einfacher und über­sicht­licher struk­turiert waren? Jeden­falls aus heutiger Sicht, wo Globali­sierung, hemmungs­loser Materia­lismus, Stell­vertreter­kriege und Flucht­bewe­gungen, Geschichts­vergessen­heit, Über­empfind­lichkei­ten, längst über­wunden geglaubte Ideolo­gien florieren, manches Werte­system zerbröselt und vielen Bürgern die Orien­tierung schwer­fällt.

Der Fülle bereits erschienener Lektüren dieser zurück­blicken­den Art fügt die Juristin und Schrift­stellerin Katharina Fuchs nun ein über­zeugen­des, authen­tisches Zeit­dokument hinzu. Ihr breit ange­legter Familien­roman »Neuleben« knüpft an einen ersten Teil an, den Roman »Zwei Handvoll Leben« (2019), ist aber problem­los unab­hängig davon zu lesen. In »Zwei Hand­voll Leben« erzählt die Autorin von ihren Groß­müttern Anna Liedke und Charlotte Trotha, die beide 1899 geboren wurden und sich zu starken weib­lichen Persön­lich­keiten entwi­ckelten. Anna wuchs im Spree­wald auf, Charlotte auf einem Hofgut in Sachsen. Nach dem Zweiten Welt­krieg ließen sich beide in Berlin nieder, wo »Neu­leben« im März 1953 einsetzt. In den Mittel­punkt des Gesche­hens rückt jetzt aber die nächste Gene­ration: Char­lottes Tochter Therese (1927 geboren) und Annas zwei Jahre jüngere Tochter Gisela (die Mutter der Autorin).

Acht Jahre nach Kriegsende ist das Leben in der vierge­teilten Stadt noch immer schwer, besonders für Frauen, und ihnen gilt das Haupt­augen­merk der Autorin. Die Kriegs­folgen sind überall sicht- und spürbar und beein­trächti­gen für viele den Alltag: Wohnungen in Häuser­ruinen, Aufräum­arbeiten und Bomben­entschär­fungen, improvi­siert instand­gesetzte Straßen­bahn-, S- und U-Bahn­netze. Kriegs­versehrte tragen schwer an ihren Traumata. Ausge­mergelte Männer und Frauen mühen sich, irgendwie über die Runden zu kommen. Viele Frauen und Mütter hoffen noch immer auf die Rückkehr ihrer verschol­lenen Männer.

Dank der Solidarität des Westens blüht West­berlin wirt­schaft­lich rasch auf. Die Schau­fenster füllen sich, durch quirlige Kauf­häuser wie das KaDeWe und über schicke neue Einkaufs­boule­vards flanieren Menschen, die sich mit neuer Mode ein bisschen Glück, mit modernen Elektro­geräten einen Hauch von Luxus erkaufen oder einfach nur die Erfolge des Wirtschafts­wunders bestaunen möchten.

Im Osten der Stadt verspricht die Propaganda jedem Bürger eine grandiose Zukunft im Sozia­lismus, doch Mangel­wirt­schaft, Unfrei­heit und Unter­drückung schaffen Unzu­frieden­heit, die sich am 17. Juni 1953 in massen­haften Protesten Luft macht. Mit Hilfe von Panzern der Sowjet­armee wird der Aufstand in Berlin niederge­schlagen.

Vor diesem realen Hintergrund, der mit vielen lebhaften Episoden veran­schau­licht wird, verläuft die Handlung in zwei paral­lelen Strängen.

Therese, selbstbewusster Spross der von ihrem Landgut vertrie­benen stolzen Familie Trotha, hat sich für ein Jura­studium an der Univer­sität einge­schrieben. Damit dringt sie (zusammen mit einer weiteren Kommili­tonin) in eine Männer­domäne vor. Professor und Mitstu­denten lassen keine Gelegen­heit aus, die beiden vorzu­führen, sich lauthals über sie lustig zu machen. Der Professor legt »Fräulein Trotha« ans Herz, »Rechts­anwalts­gehilfin« zu werden, denn dort habe sie »die Gelegen­heit, einen guten Ehemann mit einem mittleren Einkommen zu finden«.

Die Schärfe des männlichen Widerstands ist heute kaum nachvoll­ziehbar. Aber Frauen, die berufs­tätig sein wollen, waren zu jener Zeit Exo­tinnen, unver­standen selbst von vielen ihrer Geschlechts­genos­sinnen, womöglich verachtet. Tradition und Gesetz hatten den Platz der Frau als ›Unter­tanin‹ ihres Ehe­mannes festge­schrieben: »Sie ist berech­tigt, erwerbs­tätig zu sein, so weit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist« (§ 1356 BGB, 1958 bis 1977). Für einen Arbeits­vertrag, selbst für einen Fort­bildungs­kurs, musste eine Frau im ›freien Westen‹ die Unter­schrift ihres Mannes vorlegen.

Obwohl Therese viele Steine in den Weg gelegt werden, legt sie ein Staats­examen mit Prädikat ab, wird eine der jüngsten Richte­rinnen Deutsch­lands und schließ­lich 1. Vorsit­zende am Land­gericht Koblenz. Auch als emanzi­pierte Privat­person erregt sie Aufsehen: unver­heiratet, aber durchaus mit wech­selnden Männern an ihrer Seite, modisch streng gekleidet, Zigarette rauchend in ihrem flotten Karmann-Ghia-Cabriolet.

Parallel zu Thereses Werdegang wird uns der von Gisela Liedke erzählt, auch sie eine willens­starke, durch­setzungs­fähige junge Frau, aber im Gegen­satz zu Therese (Typ graue Maus) eine auf hübsches Aus­sehen bedachte Erschei­nung.

Demnächst wird Gisela Felix heiraten, einen Halb­bruder von Therese Trotha. Zur Hochzeit reisen Felix’ Mutter Charlotte sowie seine Paten­tante Edith an, eine jüdische Cousine von Charlotte, die vor Kriegs­beginn in die USA emigriert war. Entspre­chend ihrem neuen juristi­schen Status wird die Ehe­schließung Giselas Freiheit ein­schränken, nicht aber ihren Taten­drang und nicht ihren geheimen Traum, elegante, extra­vagante Schnitte zu ent­wickeln und selbst Haute Couture zu schnei­dern. Vor­sichtig unter­läuft sie die Wünsche ihres Mannes, was für eine Arbeits­stelle sie suchen solle, und bewirbt sich statt­dessen auf die Anzeige eines alteinge­sessenen Mode­unter­nehmens. Dort muss sie sich vorerst mit biederen Alltags­kleidern beschäf­tigen, doch wird sie sich dank ihres Talents gegen alle Wider­stände durch­setzen. Der Markt ist reif, denn die deutsche Hausfrau wünscht sich sehn­lichst, ausge­fallene Mode zum bezahl­baren Preis selber nähen zu können.

Katharina Fuchs’ leicht zu lesender Unterhaltungs­roman lässt dank unendlich vieler atmosphäri­scher Details (Maggi-Würze, Fernseh­koch Clemens Wilmen­rod, die Fußball-Welt­meister­schaft, ein Flug mit der Lufhansa …) eine Zeit »neuleben«, die so nah und doch so fern ist. Mit Dutzenden von über­zeugend gestal­teten Figuren reprä­sentiert die Autorin das gesell­schaft­liche Spektrum im gespal­tenen Deutsch­land der Zeit zwischen dem Trauma des Krieges und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, zwischen blanker Not und langsamer wirt­schaft­licher Erholung.

Politisch ist das Land vom Ost-West-Gegensatz geprägt, und der beein­flusst auch den komplexen privaten Plot. So machen sich im Westen Ressen­timents, Neid und Missgunst gegen »die Vertrie­benen« und gegen Flücht­linge aus dem Osten breit, deren mate­rielle Schäden und Sorgen durch steuer­finan­zierten »Lasten­ausgleich« und »Ein­gliederungs­darlehen« behoben werden sollen. Im Osten muss man sich mit den Konse­quenzen der Planwirt­schaft und der ideolo­gischen Diktatur entweder arran­gieren oder Wider­stand leisten, wie es Felix in seiner Studien­zeit wagt. Die Risiken sind, wie man weiß, gewaltig – es kann um Leben und Tod gehen.

Spätestens dann muss es vorbei sein mit nostalgischen Sehn­süchten nach der gar nicht guten alten Zeit.


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