Rezension zu »Jenseits der Erwartungen« von Richard Russo

Jenseits der Erwartungen

von


Drei Männer treffen sich vier Jahrzehnte nach ihrer Collegezeit wieder. Das große Geheimnis, das seit damals ungelöst ist, können sie nun nicht mehr länger verdrängen.
Belletristik · Dumont · · 432 S. · ISBN 9783832181154
Sprache: de · Herkunft: us

Die Wahrheit drängt ans Licht

Rezension vom 04.09.2020 · 2 x als hilfreich bewertet mit 1 Kommentaren

Für Amerikaner klingt »Martha’s Vineyard« unwider­stehlich nach good old times, Ent­spannt­heit und Wohl­stand. Die unschein­bare Insel vor Cape Cod (Massa­chusetts) ist ein aus der Zeit gefal­lenes Refugium für Millio­näre und Präsi­denten (der Kennedy-Clan und Obama war da, Trump nie). In Chilmark, dem teuersten Dorf, steht seit Jahr­zehnten das kleine Ferien­haus der Familie Moser, das aller­dings kein Hehl aus seinem Alter und seiner Geschichte macht. Immerhin ent­wischte es schon einmal knapp dem Zugriff von Gläubi­gern.

Hier treffen sich 2015 drei alte Freunde aus College­zeiten wieder. Sie sind alle Mitte sechzig und vom Leben gezeich­net wie das Haus, in das sie dessen Eigen­tümer Lincoln Moser einge­laden hat, wie schon 44 Jahre zuvor, als sie ein Wochen­ende lang ihre bestan­denen Examina feiern wollten. Danach aber verliefen die Kontakte rasch im Sande. Es gäbe also viel zu fragen und zu erzählen, meinen wir, doch unbe­schwerte Plauder­stimmung und Wiss­begier, ge­schweige denn Nostalgie und Feier­laune, will bei keinem aufkommen. Über den drei Männern schwebt nämlich wie ein Damokles­schwert eine Art unge­löster Cold case, und nur zögerlich erzählt jeder einzelne seine Sicht der Vergan­genheit. Aber die Wahrheit will sich nicht länger unter­drücken lassen.

Lincoln ist Immobilienmakler aus Las Vegas. Die Geschichte seiner Familie ist voll von aufgeflo­genen Illusio­nen und mühsam aufrecht erhal­tenen Fassaden. Sein Vater, Kupfer­minen­besitzer in der Klein­stadt Dunbar, war die Karikatur eines Patriar­chen. Schon sein Name (Wolfgang Amadeus Moser, was amerika­nisch ausge­sprochen dem Namen des Kompo­nisten ähnelt) war Symbol der Überheb­lichkeit, sein »über­großes Ego [stand] im Gegensatz zu seiner kleinen Statur« und der »Fistel­stimme«. Mutter Trudy rühmt sich ihrer eigenen luxu­riösen Herkunft aus einer Familie »wie die Kennedys«, ist aber im Übrigen unter­würfig und zartbe­saitet. Unter Zufuhr einer gehörigen Dosis Alkohols schafft sie es eines Tages, ihrem geliebten Sohn die Wahrheit zu enthüllen – eine Geschichte der Verleum­dungen, Fehlinves­titionen und des Unfall­tods der Groß­eltern.

Teddy Novak ist »Kleinverleger« religiöser Literatur in Syracuse. Seine Eltern, blasierte intellek­tuelle Lehrer, die sich ihrer gesamten Umwelt überlegen fühlen, hatten für ihr einziges Kind von Anfang an keine Liebe übrig, ent­hielten ihm die erforder­liche Fürsorge und Aufmerk­samkeit vor.

Mickey Girardi ist »Musiker und Toningenieur« aus Cape Cod. In einfach­sten Einwanderer­verhält­nissen aufge­wachsen, besteht der mittel­mäßige Schüler, der immer den Weg des gering­sten Wider­stands geht (»Mr Easy«), den SAT-Test über­raschender­weise als einer der Besten. Der begeis­terte Gitarren­spieler will im Hauptfach Musik studieren.

Alle drei schaffen den Zugang zum Minerva College in Connecticut, einer der renom­miertes­ten und teuersten Privat­hoch­schulen der USA. Da sie im Gegensatz zu den meisten anderen Studie­renden nicht zur vermö­genden Upper­class gehören, teilen sie sich ein Apartment und bessern ihr knappes Stipen­dium mit Nebenjobs auf. Von all den Kommili­toninnen am College faszi­niert die »drei Muske­tiere« (»Einer für alle, alle für einen«) nur eine: Justine Calloway (»Jacey«), die sich wild und freiheits­liebend gegen alle Konven­tionen stellt. Sie wird zum »Mädchen ihrer kollek­tiven Träume«. Doch deren Leben ist bereits vorge­zeichnet, denn sie ist mit einem reichen, domi­nanten Karriere­typ verlobt.

Am 1. Dezember 1969 wird im Fernsehen eine makaber anmutende Lotterie aus Washing­ton über­tragen, bei der es nicht um Geld, sondern um Leben und Tod geht. In der Los­trommel sind alle Daten des Jahres, und alle jungen Männer, deren Geburts­tag gezogen wird, müssen demnächst als Soldaten in den grausamen Krieg im fernen Vietnam ziehen. Unter den drei Freunden trifft es nur Mickey. »Du Glücks­pilz!«, denkt Lincoln, als Jacey den völlig Über­raschten spontan in ihre Arme schließt. Ehe Mickey nun einrücken muss und sich ihre Wege trennen werden, verbringt man zum Memorial Day 1971 noch ein letztes gemein­sames Wochen­ende zu viert in dem Ferien­haus, das Lincoln vor kurzem geerbt hat.

Dort bleibt ein Rätsel zurück. Ohne Abschied zu nehmen, verlässt Jacey am frühen Morgen in aller Stille das Haus. Ihre Spur verläuft sich, man sieht sie nie mehr wieder. Bei ihrem Treffen 44 Jahre danach erzählt jeder der drei Männer, wie es ihm erging – ernüch­terte Bilanzen ihrer Lebens­läufe –, das über allen lastende Thema Jacey aber wird nicht wirklich offen bespro­chen, so als habe jeder für sich ein Geheimnis zu verbergen. Einzig Lincoln stellt Nach­forschun­gen an, recher­chiert in alten Zeitungen, besucht einen Poli­zisten im Ruhestand, macht einen Verdäch­tigen aus.

Der amerikanische Autor Richard Russo (*1949) wurde 2002 für seinen Roman »Empire Falls« Richard Russo: »Empire Falls« bei Amazon (erst 2016 in deutscher Über­setzung erschie­nen: »Diese gott­verdamm­ten Träume« Richard Russo: »Diese gottverdammten Träume« bei Amazon) mit dem Pulitzer-Preis geehrt. Jetzt hat er mit »Chances are …« Richard Russo: »Chances are …« bei Amazon , 2019 erschie­nen und von Monika Köpfer übersetzt, ein weiteres amerika­nisches Meister­stück modernen realisti­schen Erzählens geschaf­fen. Der Roman (sein Titel zitiert einen Song von Johnny Mathis) spielt auf zwei Zeit­schienen in Gegenwart und Vergan­genheit. Letztere liefert mit der schwe­benden Vermutung, Jacey könne einem Ver­brechen zum Opfer gefallen sein, und der daraus resultie­renden Frage, wer dann der Täter und was sein Motiv war, einen roten Faden der Spannung, die mit vielen Wendungen wächst und den Leser bis zum Schluss voran­treibt. Dennoch ist sie nicht das Zentrum des Romans, und »Jenseits der Erwar­tungen« ist kein Kriminal­roman. Vielmehr geht es dem Autor wohl um die sorg­fältige Entwick­lung und leicht­händige, mit Ironie und klugem Witz gestal­tete Zeichnung seiner Charak­tere, ihrer fami­liären Herkunft, ihrer Lebens­wege, ihrer indivi­duellen Probleme. In ihrem Mikro­kosmos spiegelt sich der Zustand der weißen amerika­nischen Mittel­schicht, die sich im täglichen Leben wacker durch­schlägt, familiär mit mensch­lichen Unzu­länglich­keiten zu kämpfen hat, die Folgen lebens­lang in sich trägt. Wenn das Unver­meid­bare wie Lehm am Schuh klebt, kann die Flucht nach vorn nur selten gelingen.

Auf überindividueller Ebene geht es um den eisern am Leben gehal­tenen Mythos von der Chancen­gleich­heit im Land der unbe­grenzten Möglich­keiten. Der Roman zeigt, dass familiäre Verhält­nisse, Herkunft, Gene, Lebens­form, Bildung, Glaube und Wohlstand nicht weniger ausschlag­gebend für das Gelingen eines Lebens­wegs sind als beispiels­weise im alten Europa. Damit aber bleiben viele Chancen vielen verwehrt. Russos drei Prota­gonisten hatten eigent­lich Glück und konnten ihre Vorstel­lungen doch irgendwie verwirk­lichen. Selbst Mickey entgeht den tödlichen Gefahren des Vietnam­krieges. (Dessen vielen Gefal­lenen hat Richard Russo dieses Buch übrigens gewidmet: »Für jene, deren Namen an der Mauer stehen«.) Bemerkens­wert ist aller­dings, dass der Autor etliche hoch­aktuelle Themen wie Rassismus, Diskrimi­nierung und die Rolle der Frauen komplett ausge­spart hat. Von Jacey abgesehen, stehen Frauen hier eher im Schatten als im Rampen­licht.

Dagegen deutet Russo an, wie zum Ende von Barack Obamas Amtszeit die politi­sche Spaltung der Bürger­schaft zwischen den Anhängern von Donald Trump (»er ist Christ«) und denen von Hillary Clinton (»sperrt sie ein«) aufbricht. In Lincoln konkre­tisiert sich der Konflikt: Als erklärter Republi­kaner kann er zwar auf keinen Fall Hillary Clinton wählen, aber Trump verachtet er zutiefst. Als sein unsympa­thischer Nachbar (»ein Arschloch«) in seinem Garten ein Wahl­plakat mit Trumps Konterfei aufstellt, fragt er ihn: »Aber den würden Sie trotzdem nicht wählen, oder?« Die Antwort ist sicher bezeich­nend: »Ne, das ist nur dazu da, um die Leute aus Chilmark zu ärgern. […] Anderer­seits, wenn er nominiert wird, warum nicht?«


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Kommentare

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Zu »Jenseits der Erwartungen« von Richard Russo wurden 1 Kommentare verfasst:

Vladislav Jaros schrieb am 28.09.2020:

Der Roman "Jenseits der Erwartungen" von Richard Russo ist ein vielschichtiger und spannender Roman mit literarisch hohem Niveau, einer der besten, die ich in den letzten zehn Jahren gelesen habe. Die Figuren sind plastisch und lebensnah geschildert, der Plot ist klug und spannend strukturiert, und die wirtschaftliche wie politische Situation in den USA wird im Text anhand der Protagonisten schonungslos analysiert. Ein echtes Lesevergnügen!

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