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Rezension zu »Der Cyber-Peter« von Klaus Günterberg

Der Cyber-Peter

von


Kinderbuch · Kern · · Gebunden · 36 S. · ISBN 9783944224756
Sprache: de · Herkunft: de

Die Wiederentdeckung des Struwwelpeters

Rezension vom 12.02.2014 · 6 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Wie wenig sich die Zeiten ändern! Der Berliner Arzt Dr. Klaus Günterberg fand sich 2010 in der gleichen Lage wie sein Frankfurter Kollege Dr. Heinrich Hoff­mann anno 1844: Vergeblich suchte er ein pädago­gisch engagiertes Kin­der­buch mit aktuellen Bezügen. Hoffmann verfasste daraufhin den »Struw­wel­pe­ter«, der avancierte zum Hit und ist inzwischen seinerseits zum Altertümchen verstaubt. Günterberg aktualisierte ihn nun für die Social-Media-Generation (vollständiger Titel: »Der Cyber-Peter und andere Geschichten aus der modernen Welt, nicht nur für Kinder«).

Entstanden ist ein nettes, amüsantes und sehr ansprechend gestaltetes Büchlein zum Lesen, Vorlesen und Verschenken. Christian Habichts zahlreiche Illustrationen im Cartoon-Stil sind farbenfroh und witzig; sie machen sinnfällig, was vermittelt werden soll, und werden Kindern gefallen. Die Gefahren, vor denen Gün­ter­berg Kinder und Jugendliche warnt, sind hochaktuell und relevant. Die Sprache, in der er seine dreizehn Geschichten erzählt, ist eine gute Mischung aus salopper Alltagssprache, aktuellem Technik-Jar­gon, wie er Jugendlichen geläufig ist, und traditionellem Moritaten-Tonfall.

Dabei könnten wir es bewenden lassen; es ist ja ›nur‹ ein Kinder- oder Jugendbuch. Aber junge Leser sind nicht weniger kritisch als erwachsene. Sie mögen noch nicht in Worten präzisieren können, was ihnen ge­fällt oder quer liegt, aber ihre Kriterien sind vielleicht gar nicht so weit weg von unseren, wenn es um ›Lite­ra­tur‹ geht. Deswegen also eine etwas tiefer bohrende Rezension.

Günterbergs Anliegen ist auf den ersten Blick verständlich. Des »Struwwelpeters« Zündeln, Zappeln und In-die-Luft-Gucken sind Lappalien im Vergleich zu dem, was heutzutage eine gesunde Persönlichkeitsent­wicklung gefährden kann: Technik, Medien und virtuelle Realitäten mit Sucht- und Eskapismuspotenzial, soziale Isolierung, Entblößung oder Ausgrenzung, falsche Ernährung und Bewegungsarmut, Drogen, Ge­walt ... Dies sind die Themen, die Günterberg zu Recht in den Vordergrund stellt.

Dagegen übernimmt er die traditionelle Form des Vorbildes fast unverändert: Balladen, Knittelversrhyth­mus, Paarreime, Illustrationen. Das ist verständlich, sind diese Mittel doch eingängig und bewährt. Sie er­zeugen einen Nostalgieeffekt, der mit den modernen Themen und dem aktuellen Vokabular in reizvollem Kontrast steht.

Problematischer ist, dass der Autor dem pädagogischen Rezept ›Warnung durch drastische Abschreckung‹ folgt, und das viel radikaler als seine Vorlage. In den meisten der Geschichten hat Fehlverhalten fatale Kon­se­quen­zen. Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Wer aufs Handydisplay schaut, statt auf den Ver­kehr zu achten, den nagelt ein Bus um. Wer sich ausschließlich von Fastfood ernährt, stirbt an Verfet­tung. Die Protagonisten enden als Blinde, Taube, quer­schnitt­ge­lähmt im Rollstuhl.

Solche Grausamkeit kennen Kinder auch aus Volksmärchen und aus »Max und Moritz«. Und wer hat nicht für alle Zeiten die expliziten Bilder vor Augen, wie Paulinchen in helle Flammen aufgeht oder der Schnei­der noch im eleganten Sprung dem Konrad »klipp und klapp / Mit der Scher' die Daumen ab«-schnippst, dass es tropft?

Doch eigenartig: Diese »klassischen« Untaten erscheinen folgerichtig, sinnfällig, vielleicht sogar einen Hauch ironisch. Man darf auch Mitleid empfinden (»Ein Häuflein Asche bleibt allein / Und beide Schuh', so hübsch und fein.«). Aber nur zwei der neun »Struwwelpeter«-Balladenhelden müssen sterben; zwei wer­den verletzt; die anderen kommen glimpflich davon (fallen vom Tisch, werden tropfnass) oder werden phan­ta­sie­voll, geradezu poetisch ›bestraft‹ (schwarz eingefärbt, von Fischlein ausgelacht, in die Wolken getragen). Und ist das Zwischenspiel »vom wilden Jäger« – Has' stibitzt Jägers »Flint' und auch die Brill'«, legt auf ihn an, Frau zetert über zerdepperte Kaffeetass', Häschen hüpft mit Kaffeelöffel ... – nicht ein ve­ritables Stück absurden Theaters mit antiautoritärem Tenor?

Die Bilanz im »Cyber-Peter« ist unerbittlich. Sechs der zwölf Balladen enden tödlich (wobei der Sensen­mann nicht nur Täter, sondern auch ein Opfer und eine Mutter erwischt), vier mit dauerhaften körperlichen Beeinträchtigungen. Die ›Todesstrafen‹ wirken unbarmherzig und unverhältnismäßig, und einige sind nicht einmal schlüssig: Wer zuviel auf den Fernseh- oder Computerschirm starrt, erblindet. Wer prügelt und ran­daliert, landet querschnittgelähmt im Rollstuhl. Wer sich aus Feigheit vor der Spritze nicht impfen lässt, erkrankt ein Jahr später an Polio (seit 1992 in Deutschland nicht mehr aufgetreten). Wer immer zu laute Musik hört, wird taub und kann dann nur noch als Sargtischler arbeiten. Ein Kind treibt mit seinem Com­puter-Jargon (»denglisch«) seinen Englischlehrer in den Herzinfarkt und muss dafür jahrelang ins Gefäng­nis. Da werden aufgeweckte Kinder stutzig.

Wo der alte »Struwwelpeter« spitzbübisch, süffisant und geistreich war, wirkt der hochmoderne »Cyber-Peter« trotz seiner meist leichtfüßigen Sprache leider oft herzlos und scheint todernst den drohenden Finger zu heben.

Am gelungensten ist die letzte Geschichte, denn sie lässt als einzige einen positiven Ausblick. Sie ist inso­fern auch die einzige pädagogisch moderne. Der »Bummel-Leo« bleibt zwar sitzen und fliegt aus der Sport­mann­schaft, doch dann ändert er sich: »Nun ist er fix, so wie die Feuerwehr.«

Eine zum Nachdenken anregende Geschichte ist die der beiden ungleichen Brüder, die sich mit Mobbern und Abziehern herumschlagen müssen. »Vor allem ist der schiere Neid / Die Quell von Übeltat und Streit. / Im Neid sind alle Menschen gleich, / Ob schwarz, ob weiß, ob arm ob reich.« – so die abschließende Er­kenntnis. Doch die angebotenen Lösungen scheinen mir arg schlicht: entweder wegziehen oder kräftig zurückschla­gen (»Die Bösen sind nicht zu belehren; / Da hilft nur eines, sich zu wehren.«).

Im Vergleich des »Cyber-Peter« mit seinem mehr als einhundertsechzig Jahre älteren Vorbild erweist sich dieses als durchaus noch zeitgemäß. Einige seiner Themen (Tierquälerei, Essstörungen, Hyperaktivität, ADHS, mobbing) sind aktueller denn je, andere vielleicht zeitlos. Das Wortschatz- und Zeitgeist-Update macht den »Cyber-Peter« attraktiv, wird ihn aber schnell veralten lassen. In einigen anderen Aspekten wirkt er geradezu ›altmodisch‹ (Die Protagonisten heißen Johann, Georg, Walter, Erwin, Kuno, Bruno, »Philio« ...).

Für wen also ist dieses Büchlein ein Gewinn? Erwachsene werden sich amüsieren, das Vokabular cool und verbreitete Vorurteile über die heutige Jugend bestätigt finden, und sie werden sich an ihre Kinderbücher erinnern. Jugendliche Leser (! – im Buch tritt nur 1 Mädchen auf) werden die tatsächlichen Gefahren be­reits kennen, aber die drastisch übersteigerten Konsequenzen lächerlich finden. Bleiben die Kinder (Alters­emp­feh­lung ab 5): Die meisten werden weder die faktischen Hintergründe noch die literarischen Bezüge ver­ste­hen. Die Brutalität mag sie ernsthaft schrecken. Und wer weiß, welche Gefahren ganz ande­ren Kalibers sie in einigen Jahren bedrohen werden, wenn die hier ausgemalten längst Schnee von gestern sind? Er­zie­hung muss grundsätzlicher wirken. Hierzu kann der »Cyber-Peter« Gesprächsstoff bieten.

Der gute alte »Struwwelpeter«, den ich durch diese Rezension wiederentdeckt habe, erweist sich am Ende als viel profundere Erziehungshilfe als sein update, das nicht mehr als ein facelift ist.


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